18.01.2008 · Bobby Fischer war einer der ganz großen Schachspieler. Berühmt wurde er durch den WM-Sieg im Kalten Krieg gegen Boris Spassky. Ihn interessierte nichts anderes als Schach. Das erklärt seine außergewöhnlichen Erfolge, aber auch seine psychischen Nöte.
Von Roswin FinkenzellerAn dem hageren Knabengesicht fielen vor allem die dunklen Augen auf, als Bobby Fischer in New York mit Schwarz die „Partie des Jahrhunderts“ gewann. Das war marktschreierisch formuliert, doch hatten die Marktschreier nicht Unrecht. Der Gewinner war dreizehn Jahre alt, der Verlierer Donald Byrne ein solider Meister und das gewinnbringende Damenopfer ein Leckerbissen. Doch Bobby spielte Schach und nicht Hasard. Die schwarze Dame, die Bobby mit starren Blicken verschlungen haben mochte, wurde nicht der Überraschung wegen, sondern aus eiskalter Berechnung geopfert. Der Knabe bluffte nicht. Byrne ließ sich zeigen, wie genau die Folgen kalkuliert worden waren, ließ sich jagen und jagen und schließlich mattsetzen.
Bobby, wie der 1943 geborene Robert James Fischer zeitlebens genannt werden sollte, offenbarte schon als Jugendlicher seine herausragenden Qualitäten: starke, doch vollkommen unter der Fuchtel des Intellekts stehende Intuition und der eiserne Wille, kein Angriffsspieler zu werden, sondern ein angriffslustiger Positionsspieler. Und immer verschlang er mit seinen Blicken die Stellung, als bestehe die Welt mit ihren Kämpfen aus 64 Feldern. „Das Leben ist Schach“, sagte er. Den Umgangsformen kam diese Auffassung sehr zugute. Auf die Idee, sein Gegenüber mit Rüpeleien zu belästigen, verfiel der Amerikaner nie.
Erste Partie verloren, zur zweiten nicht erschienen
Viele Jahre später, in den Kandidatenkämpfen gegen Mark Taimanow und Bent Larsen, gewann Fischer jeweils alle sechs Partien. Dergleichen war noch nie geschehen, weshalb der gefährlichste Kandidat, der Armenier Tigran Petrosjan, die Reputation der Schachgroßmacht Sowjetunion zu retten hatte. Das aristokratische Schach war nämlich, mitten im Kalten Krieg, zum Politikum geworden, denn nach Auffassung der Moskauer Funktionäre sollte es sozialistisch bleiben. Petrosjan scheiterte, worauf Boris Spassky den Weltmeistertitel gegen einen Yankee verteidigen musste.
Doch kam er anfangs nicht dazu. Mit ein paar Tagen Verspätung traf Bobby im isländischen Reykjavík ein, verlor die erste Partie und erschien nicht zur zweiten. Die Nervenkrise war da. Doch als er sie unter Anteilnahme der Weltöffentlichkeit überwunden hatte, gestaltete er die dritte Partie zu einer seiner besten überhaupt. Nach ein paar Wochen war er Weltmeister - und spielte fortan nicht mehr. Eine Ausnahme allerdings genehmigte er sich, einen Schaukampf gegen seinen alten Gegner Spassky in Belgrad, wo aufzutreten die amerikanische Regierung ihren Staatsbürgern, auch den Geistessportlern unter ihnen, streng untersagt hatte. Bobby bespuckte die amerikanische Flagge, wurde heimatlos, kam in Japan unter und erhielt schließlich 2005 Asyl auf Island, der Insel seines größten Triumphes, auf der er, der nicht mehr spielende Spieler, an einem Nierenversagen gestorben ist.
Auf seinem Feld wird Fischer einer der Allerbesten bleiben
Ein einsamer Wolf. Doch etwas anderes als das Schachspiel beherrschte er ja nicht. Nur Schach und nichts anderes interessierte ihn, was seine außergewöhnlichen Erfolge erklärt, aber auch seine psychischen Nöte. Einseitigkeit ist Gift, vor allem eine mit äußerster Hartnäckigkeit auf die Spitze getriebene. Hinzu kam, dass er sich 1972 plötzlich in die Rolle eines Repräsentanten der westlichen Welt gedrängt sah, die ursprünglich von ihm wenig hatte wissen wollen. In den Vereinigten Staaten galt Schach als exotische Schrulle.
Die Deutschen schrieben mit Vorliebe „Fisher“, obwohl Bobby auf den Nachnamen seines aus Deutschland stammenden Vaters stolz war. Die Kommunisten hassten ihn, während die Leute im Westen es für primitiven Antikommunismus hielten, dass er behauptete, der ganze Ostblock halte gegen ihn zusammen. Doch Fischer hatte recht. Auf internationalen Turnieren sorgten die roten Funktionäre dafür, dass ihre Schützlinge den stärksten Bobby-Widersacher stets gewinnen ließen, damit dieser in der Endabrechnung besser abschneide als der Amerikaner.
Das Leben, das denn doch nicht nur Schach war, hat alles getan, um eine problematische Psyche immer mehr in die Enge zu treiben. Doch auf seinem Feld, den 64 Feldern, wird Fischer einer der Allerbesten bleiben. In der amerikanischen Meisterschaft 1963/64 bot er mit Schwarz eine seiner Glanzleistungen, wieder gegen einen Byrne, diesmal aber einen Robert und nicht einen Donald. Was hat Weiß eigentlich falsch gemacht? Die Frage ist ein großes Kompliment für Fischer.
Fischer
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Roswin Finkenzeller Jahrgang 1934, schreibt die Schachkolumne im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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