Achtmal Gold, viermal Silber - und ein neues Ziel: Ende Februar ist Birgit Fischer fünfzig Jahre alt geworden. Seit 1980 hat die Brandenburgerin an sechs Olympischen Spielen teilgenommen. Los Angeles 1984 verpasste sie wegen des Boykotts der DDR. Sie gewann bei Olympia achtmal Gold und viermal Silber und ist damit die erfolgreichste Olympionikin der deutschen Sportgeschichte.
Sie studierte Sport und - nach der Wende - Sport- und Touristik-Management. Von 1984 bis 1993 war sie mit dem Kanurennsportler Jörg Schmidt verheiratet und hat aus dieser Ehe einen Sohn und eine Tochter, die sie nach der Trennung von ihrem Mann allein aufzog. Birgit Fischer lebt im brandenburgischen Ort Bollmannsruh direkt am Beetzsee, in einem Haus, das sie über Jahre selbst renoviert hat. Sie betreibt dort eine Kanuschule.
Im August vergangenen Jahres, die erwachsenen Kinder waren aus dem Haus, entschloss sie sich, nach mehr als sechs Jahren Pause noch einmal wettkampfmäßig ins Boot zu steigen. Ihr Ziel ist es, sich bei den Ausscheidungsrennen des deutschen Kanu-Verbandes im April in Duisburg für die Nationalmannschaft zu qualifizieren, es wäre die Voraussetzung für eine siebte Olympiateilnahme im Sommer in London.
Davon will Birgit Fischer noch nicht sprechen, zunächst stehen die Rennen in Duisburg an, für die sie sich fristgerecht angemeldet hat. Aber: Falls sie es schaffen sollte, sich einen Platz in einem der deutschen Boote zu erkämpfen, wäre ihr Ziel klar: „Dann will ich in London auch Gold gewinnen.“
Sie sind jetzt fünfzig, Ihr letztes Comeback liegt neun Jahre zurück, und jetzt sagen Sie, die Voraussetzungen seien heute besser als damals. Wie kommen Sie darauf?
Ich hatte 2003 sehr wenig Zeit, hatte gerade meine Kanuschule gegründet und meine beiden Kinder im Haus, die damals noch sehr viel Aufmerksamkeit brauchten. Diesmal konnte ich zehn Wochen ins Trainingslager nach Australien fahren. Ich habe mehr trainiert als sonst um diese Jahreszeit in den letzten zwanzig Jahren. Ich hatte viel Zeit und viel Lust. Ich nenne es auch nicht Comeback. Es ist ein Wiederanfangen. Ich bewundere alle, die den Mut haben, wieder anzufangen. Michael Schumacher zum Beispiel, der macht es auch nicht, weil er in den Medien sein will oder weil er Geld braucht. Der hat auch nur einfach Bock, wieder um die Wette zu fahren.
Ihr Ziel ist Olympia?
An Olympia denke ich noch nicht. Das wäre der hundertste vor dem dritten Schritt.
Warum greifen Sie noch mal an?
Ich habe mir Mitte vergangenen Jahres überlegt: Du hast Zeit, die Kinder gehen jetzt ihre eigenen Wege, deine Paddelschule ist im Winter eh zu, die Situation ist einfach günstig, also schau mal, was du trainings- und leistungsmäßig noch hinkriegst. Als ich mich entschlossen habe, war mir eigentlich klar, Olympia ist aussichtslos. 2003 habe ich gesagt fifty-fifty, dass es klappt, jetzt sage ich 20:80. Um nichts anbrennen zu lassen, falls es doch gutginge, habe ich mich bei der Nada zu den Dopingkontrollen angemeldet.
Wo stehen Sie mit Ihrem aktuellen Leistungsvermögen im Vergleich zu Ihren jungen Jahren?
Das genau zu definieren ist schwierig. Ich weiß nicht, wie schnell ich aktuell bin. 2005 bin ich das letzte Mal Wettkämpfe gefahren, und da paddelte ich die schnellste 250-Meter-Zeit meiner Karriere. Wenn das so weiterginge, wäre es phantastisch. Aber ich vermute mal, dass auch bei mir die Kurve irgendwann nach unten geht, sonst würde man mich wahrscheinlich auf den Seziertisch legen und mal gucken, was da eigentlich los ist.
Die Pausen haben Ihnen nie geschadet?
Nein, die Pausen, die ich immer mal gemacht habe, waren für den Kopf ganz wichtig. Es macht danach wieder Spaß, anzufangen und wieder reinzuhauen. Natürlich gibt es auch Rückschläge, manchmal fühle ich mich wie zwanzig, manchmal wie hundert, aber wenn die Tage, an denen ich mich wie hundert fühle, nicht überwiegen, dann ist es ganz okay.
Wie sehen Ihre Trainingspläne aus?
Ich habe keine Trainingspläne. Ich trainiere aus Erfahrung und nach Gefühl. Wenn ich keinen Bock auf Paddeln habe, dann mache ich halt Krafttraining. Ich muss Lust haben, sonst funktioniert das nicht.
Müssen Sie jetzt, mit 50, mehr trainieren als früher, müssen Sie schlauer trainieren?
Schlauer, das ist ein gutes Wort. Die Qualität meines Trainings hat eigentlich mit jedem Jahr zugenommen. Ich habe zum ersten Mal über Qualität und Quantität des Trainings nachgedacht, als mein Sohn 1986 zur Welt kam, denn ich brauchte Zeit für dieses Kind. Die Frage war. Wo nehme ich die Zeit weg? Beim Studium? Ging nicht. Also beim Training. Und dann habe ich Jahr für Jahr immer das weggelassen, was ich für überflüssig hielt. Und wenn es am Jahresende wieder geklappt hatte mit der Goldmedaille, habe ich gedacht, haste wieder das Richtige weggelassen. Wenn man weniger macht, dann ist man für dieses Weniger auch mehr bereit, dann macht man es qualitativ besser. Ich habe 2003/2004 für Gold und Silber im Durchschnitt nur eine Stunde am Tag trainiert.
Wie viel war es jetzt in Australien?
Da habe ich nach fünf Wochen, die ich durchtrainiert habe, erstmal die Reißlinie gezogen und gesagt, spinnst du, das hast du doch noch nie gemacht. Ich war zweimal am Tag Paddeln und habe zwischendurch noch was Athletisches gemacht, so viel wie noch nie. Es waren anfangs um die drei Stunden in Australien.
Und jetzt zu Hause?
Zwei Stunden, schätze ich. Paddeln, Schwimmen und ein bisschen Krafttraining, ich bin nicht so der Freak, der gern viel mit Eisen rumschmeißt, Körperkrafttraining mache ich, Klimmzüge, Liegestützen, so nen Kram.
Zwei Stunden, das ist nicht wirklich viel.
Für mich ist das viel. Ich muss ja auch arbeiten, habe keine Sponsoren oder Geldgeber, meine Paddelschule läuft ganz normal weiter. Aber ich bin auch keine Trainingsweltmeisterin, ich bin eine Wettkämpferin. Wenn man mich nachts weckt und sagt, du musst jetzt um die Wette laufen, dann bin ich dabei. Das war als Kind schon so, beim Rollerfahren, beim Eierlaufen, beim Sackhüpfen, ich wollte immer gewinnen. Sich zu messen macht Spaß, finde ich. Ich würde auch eine Regatta fahren, ohne dass da ein Zuschauer ist, das würde mich überhaupt nicht stören. Hauptsache, meine Konkurrentinnen sind da.
Haben sich Ihre Konkurrentinnen aus dem Verbandskader schon mit Kommentaren gemeldet?
Nicht persönlich. Hier hat keine angerufen, wobei es mich auch nicht wirklich interessiert, weil Kanu bis Mai eine individuelle Sportart ist, da macht jeder sein Ding, und dann kommt man zusammen und setzt sich in die Mannschaftsboote und fährt zusammen. Wir sind nur drei, vier Monate im Jahr eine Mannschaftssportart, ansonsten muss jeder zusehen, dass er seinen Einer gut fährt. Unsere Qualifikation geht ja immer über den Einer. Jeder ist der Konkurrent des anderen, bis die Sichtungen gelaufen sind.
Glauben Sie, dass Sie bei Ihren Kolleginnen willkommen sind?
Glaube ich eher nicht. Ich denke, es geht aber auch nicht darum, ob man willkommen ist und mit offenen Armen empfangen wird. Wenn ich mich mit Leistung qualifizieren sollte, dann wird jedem Leistungssportler, der einer ist, klar sein, die brauchen wir. Man will mit dem Stärksten fahren, weil man am Ende gewinnen will - so sollte eigentlich die Denkweise sein, und da schaue ich nicht, ob ich mit der Kollegin nach dem Sport auch noch beste Freundin sein will. Das ist eine Zweckgemeinschaft, die über Wochen zusammenwächst und ein Ziel hat.
Die Jungen werden sagen, da kommt eine mit fünfzig, die hat schon alles gewonnen, die will uns einen Platz wegnehmen.
Das höre ich schon so viele Jahre! Was will die denn schon wieder hier? Die nimmt uns einen Platz weg - das ist doch Schwachsinn, es gibt im Leistungssport nur ein Kriterium, und das ist Leistung. Man muss paddeln, und man muss gut paddeln, darum geht es, nicht um das Alter oder sonst was.
Sie sind mit dem Verband schon oft über Kreuz gelegen, gelten nicht gerade als Teamplayer.
Würde ich nicht so sagen. Ich habe es eigentlich immer geschafft, die Mädchen zu motivieren, wenn es darum ging. Ich habe seit 1996 zugunsten der Mannschaftsboote den Einer weggelassen, obwohl ich oft die Schnellste war und habe immer versucht, junge Leute aufzubauen und im Training zu unterstützen. Ich bin gern Teamplayer, wenn ich merke, dass alle wollen.
Wollen Sie sich noch einmal selbst beweisen?
Nein, ich will meine Neugier befriedigen. Experimentieren. Ich mag so etwas. Ich messe mich mit mir selbst. Und ich habe ja schon gewonnen, als ich gesagt habe: Ich versuch’s! Das war der erste Sieg, denn da bin ich aus meiner Lethargie rausgekommen. Ich bin jemand, der ohne Ziel nicht trainiert, ich bin stinkfaul, was das Training betrifft, ich bin der letzte Sportler auf dieser Erde, mich reißt es nicht aus dem Bett, weil ich mir sage, ich muss jetzt laufen gehen. Ich habe es noch nie geschafft, einfach so Freizeitsport zu machen. Da bin ich ziemlich blöd gestrickt. Ich bin zwar ein Bewegungsmensch, sitze nie still, aber einfach so joggen gehen, das mache ich nicht. Das soll sich aber ändern. Ich habe mir fest vorgenommen, künftig regelmäßig Fitness zu machen.
Sie wohnen direkt am See, könnten Sie ohne Wasser leben?
Nein, und es geht es nicht nur ums Paddeln. Ich nehme mein Boot und treibe gern auf dem Wasser rum und glotze stundenlang irgendwelchen Vögeln hinterher und fotografiere sie. Das ist mein Hobby. Das hat mit In-sich-Ruhen zu tun. An Land habe ich dann mein Haus, den Garten, da werkele ich herum. Ich habe das sechs Jahre gemacht, das ging alles gut, war alles chic, aber manchmal kommt ein Punkt, da kommt man auf dumme Gedanken, da denkt man: Mach doch mal was anderes, mach doch mal wieder Sport. Es war bei mir auch so ein Lebensumbruch, die Kinder gingen aus dem Haus, und wenn man nach 25 Jahren plötzlich wieder seinen eigenen Plan machen muss, denkt man erst mal: Was ’n jetzt? Der eine fängt dann an zu malen, der andere geht auf Reisen, und der dritte fängt eben wieder an zu trainieren.
Viel Glück und alles was so dazugehört!
Thomas Ulherr (T.J.Ulherr)
- 23.03.2012, 09:13 Uhr
Go Birgit go!
Steffen Ehrecke (Wencit)
- 22.03.2012, 23:26 Uhr