10.06.2008 · Professor Gert-Peter Brüggemann war nach einem Test an der Deutschen Sporthochschule zu dem Ergebnis gekommen, dass der behinderte Leichtathlet Oscar Pistorius durch die „technischen Hilfsmittel“, seine Prothesen, einen unerlaubten Vorteil gegenüber Nichtbehinderten habe.
Der Südafrikaner Oscar Pistorius will sich als erster behinderter Leichtathlet für einen Olympiastart qualifizieren. Im Januar war der Kölner Professor Gert-Peter Brüggemann nach einem zweitägigen Test an der Deutschen Sporthochschule zu dem Ergebnis gekommen, dass Pistorius durch die Prothese rund 25 Prozent weniger Energie verbrauche als nichtbehinderte Athleten. Daher habe er durch die „technischen Hilfsmittel“ einen unerlaubten Vorteil.
Herr Brüggemann, empfinden Sie die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs (Cas), der Mitte Mai ein Olympia-Startverbot für Oscar Pistorius durch den Internationalen Leichtathletik-Verband aufgehoben hat, als persönliche Niederlage?
Ganz im Gegenteil. Unsere Ergebnisse wurden bis auf einen Punkt akzeptiert. Der künstliche Fuß kann beim Sprint mit hoher Geschwindigkeit mehr Energie speichern und zugleich mehr Energie generieren als das menschliche Sprunggelenk. Pistorius braucht bei jedem Schritt in der horizontalen und in der vertikalen Komponente weniger Kraft als andere Athleten. Weniger Kraft bei konstanter Geschwindigkeit ist ein Vorteil. Der Cas interpretiert, das könnte ja auch ein Nachteil sein. Das kann ich nicht nachvollziehen.
Laut dem Cas-Urteil haben Sie nicht gezeigt, dass sich aus den Prothesen insgesamt ein Vorteil für Pistorius über 400 Meter ergibt.
Das war auch nicht unsere Aufgabe. Es wäre ungemein schwer, alle Elemente und Faktoren zu berücksichtigen: den Start, die Kurve und den Lauf auf der Geraden.
Der Cas fordert aber den Nachweis genau dieses Netto-Vorteils.
Das ist aber keine wissenschaftliche Frage, sondern eine juristische, wie man die Regel 144.2 des Internationalen Leichtathletik-Verbandes auslegt. Reicht irgendein Vorteil, oder muss ein Gesamtvorteil unter Abwägung mit allen Nachteilen bestehen?
Sind Ihre Ergebnisse damit widerlegt?
Nein, das Urteil endet ja weich: Bei neuen Kenntnissen ist alles neu zu verhandeln. Aber das Gegenteil ist keineswegs bewiesen, nämlich dass er keinen Gesamtvorteil hat. Wir haben unseren Teil der Studie gerade bei einer internationalen Zeitschrift zur Veröffentlichung eingereicht, und er wurde von Fachgutachtern akzeptiert.
Ist das Urteil denn ein Präzedenzfall?
In dem Schiedsspruch wird betont, dass er nur für Pistorius und nur für diese Prothesen gilt. Bisher kann ohnehin keiner mit Prothesen so schnell laufen wie er. Ich habe nur Bedenken, dass man der technischen Entwicklung im Sport jetzt die Tür ein Stück weiter geöffnet hat. Es wäre doch schade, wenn jetzt die Leichtathletik Probleme bekäme wie einst die Bobfahrer bei ihrer endlosen Materialschlacht.
Jeder behinderte Athlet, der bei Olympia starten will, müsste demnach so aufwendig getestet werden wie Pistorius. Ist das praktikabel?
Die Prothese selbst ist leicht zu prüfen. Aber zu testen, wie der Mensch mit der Prothese umgeht, kostet viel Zeit und Geld.
Fühlen Sie sich vom Leichtathletik-Weltverband instrumentalisiert, der eigens für den Fall Pistorius die Regel 144.2 erfand?
Wieso denn? Unsere Studie hatte eine offene Hypothese. Die Prothese wird muskulär nicht angetrieben, da muss man nicht von Anfang an von einem Vorteil ausgehen.
Im Cas-Urteil ist nachzulesen, dass der Leichtathletik-Verband zur Entscheidung nur eine Zusammenfassung Ihrer Studie vorlegte.
Das stimmt, und die enthielt Fehler. Ob das allerdings Einfluss auf die Entscheidung hatte, kann ich nicht beurteilen.
Warum aber sollten Sie nur das Laufen auf gerader Strecke analysieren? Die 400 Meter (die Olympianorm liegt bei 45,95 Sekunden, die Bestzeit von Pistorius bei 46,56) gehen nun mal durch zwei Kurven.
Pistorius läuft mit dem zweiten Wind. Der verliert keine Geschwindigkeit auf den dritten und vierten hundert Metern wie alle anderen Läufer. Muskeln ermüden. Die mechanische Feder ermüdet nicht. Genau das haben wir gezeigt.
Wie stark hat Sie persönlich dann damals der Vorwurf von Pistorius getroffen, der Leichtathletik-Verband hätte „keinen Respekt vor Behinderten“?
Das war nicht auf mich gemünzt. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, und er kennt meinen Respekt. Wir haben bei der Studie zwei Tage lang intensiv zusammengearbeitet. Er ist ein toller Athlet.