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Bikram-Yoga Eine Fitness-Tortur bei 40 Grad

27.12.2009 ·  Popstar Madonna, Modemacher Joop und die Tennisprofis Clijsters und Murray - sie alle schwören auf Bikram Yoga. „Es ist brutal“ klagt Murray, der gleichwohl gerne seine durch Yoga-Übungen gestärkten Bauchmuskeln zeigt.

Von Thomas Klemm
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Niemand hat die Tenniswelt in diesem Jahr derart ins Staunen versetzt wie Kim Clijsters. Wie kann es sein, fragten sich nicht nur die Konkurrentinnen, dass eine junge Mutter nach mehr als zwei Jahren Pause auf die Profitour zurückkehrt, Kraftprotze wie Serena Williams schwach erscheinen lässt und ihr Comeback mit dem US-Open-Titel krönt? Dass die Belgierin ihre viele Jahre lang eingeübten Schläge nicht von heute auf morgen verlernt haben würde, schien nachvollziehbar; aber wie leichtfüßig, wie unermüdlich sich Kim Clijsters in ihrer zweiten Karriere auf dem Platz bewegt, gilt als sensationell. Das Geheimnis ihrer Fitness hat die Flämin bisher gehütet. Dass sie mehrmals die Woche von ihrem Wohnort Bree ins hundert Kilometer entfernte Antwerpen fährt, um beim Bikram Yoga das Letzte aus ihrem Körper herauszuholen, erfährt man von ihrem Yoga-Lehrer Sameer Khan. Er habe daran mitgewirkt, dass Kim Clijsters' Comeback in New York so triumphal verlief, sagt der Inder, der die Belgierin schon jetzt für die nächste Saison trimmt.

Mit den gängigen Lehren wie Hatha-Yoga, die hierzulande in speziellen Studios oder an Volkshochschulen unterrichtet werden, hat Bikram Yoga wenig gemein. Das sei „ein Unterschied wie Tag und Nacht“, sagt Feroze Khan, Bruder von Clijsters-Lehrer Sameer und Inhaber einer Schule in Frankfurt. Zwar besteht die neunzigminütige Einheit ebenfalls aus Asanas, doch werden die 26 Positionen in einem auf bis zu 40 Grad Celsius aufgeheizten Raum absolviert. Bikram Yoga dient nicht vorrangig der Entspannung, sondern der Ertüchtigung. Es geht nicht um Spiritualität, sondern um den inneren Schweinehund. Der Geist wird nur darin geschult, auf keinen Fall schlappzumachen, während der Körper gedehnt, gestrafft und gekräftigt wird. Bikram Yoga, sagt Feroze Khan, richte sich an „Menschen, denen Laufen, Radfahren oder Spinning zu langweilig ist“. Traditionalisten des deutschen Yogalehrer-Verbandes sprechen von „indischer Leichtathletik“.

Bikram-Botschafter mit Schläger: Andy Murray

Um das Fitnessprogramm, das die herkömmlichen Vorstellungen von Yoga sprengt, in Europa bekannter zu machen, kommen Studiobetreibern prominente Schüler wie Kim Clijsters gerade recht. Tatsächlich liest sich die Liste der Bikram-Jünger wie ein Who's who aus Pop, Politik und sonstiger Prominenz: Madonna und Barbra Streisand muten sich das straffe Programm mehr oder weniger ebenso zu wie Bill Clinton, Javier Solana oder Modemacher Wolfgang Joop und seine Töchter.

Unter den Sportlern sind es vor allem Tennisspieler, die Bikram Yoga für sich entdeckt haben. Während Profis wie Kim Clijsters und Alexander Waske allerdings kein großes Tamtam machen, gilt Andy Murray, der derzeit viertbeste Spieler der Welt, als eine Art Bikram-Botschafter; nicht nur, weil er bei jeder Gelegenheit seine durch Übungen gestärkten Bauch- und Oberarmmuskeln herzeigt, sondern weil er ständig betont, was ihm Bikram Yoga bedeutet. „Es ist brutal, es ist grausam“, sagt der Schotte, „solange man es nicht selbst einmal gemacht hat, ahnt man nicht, wie schwierig es ist.“ Um diese Behauptung zu überprüfen, bleibt wohl oder übel nichts anderes, als selbst ein Bikram-Yoga-Studio zu besuchen.

Die eigene Unbeweglichkeit im Spiegel

Auf neunzig Quadratmetern liegen 25 spärlich bekleidete Schüler in Reih und Glied auf ihren Matten und versuchen, sich an die Hitze zu gewöhnen. Unter der Decke hängen drei Heizlüfter, die den Raum auf 38 Grad Celsius erhitzen, sowie vier Ventilatoren, die die trockene Luft verteilen. Drei Wände sind verspiegelt, und sobald die Übungen beginnen, erkennt man darin nicht nur die roten Köpfe und feuchten Körper der anderen, sondern auch die eigene Unbeweglichkeit. Feroze Khan steht auf einem Podest und erklärt, dass die Hitze dazu diene, Muskeln und Gelenke dehnbarer zu machen; viele Sportwissenschaftler behaupten etwas anderes.

Die 26 Asanas - im Stehen, Sitzen, Liegen und in mehreren Durchgängen - werden jeweils unterbrochen von Pausen, die so kurz sind, dass sie ihren Namen kaum verdienen; sie reichen gerade mal für einen Schluck aus der Wasserpulle. Jede Position, ob Kamel, Kobra oder Kaninchen, sollte mindestens zehn Sekunden, am besten aber dreißig Sekunden lang gehalten werden. Schon nach den ersten Asanas sind die T-Shirts, sofern die Teilnehmer überhaupt welche tragen, klatschnass, nach einer halben Stunde denkt jeder Anfänger zum ersten Mal daran, vor der Qual zu kapitulieren.

Den Einwand, dass Mitteleuropäer solch hohe Temperaturen nicht gewohnt seien und womöglich unter Überhitzung und Muskelkrämpfen leiden könnten, wischt Feroze Khan beiseite wie einen lästigen Schweißtropfen: „Die Deutschen lieben die Hitze, sonst würden sie nicht so zahlreich in die Sauna gehen.“ Na ja, in der Sauna sitzt man ein Viertelstündchen auf der Holzbank, beim Bikram Yoga verrenkt man sich eineinhalb Stunden lang alle Gliedmaßen. Einige Muskeln, von deren Existenz man vorher nichts ahnte, fangen plötzlich an zu zwicken.

„No pain, no gain - life is tough!“

Feroze Khan, vor 37 Jahren im indischen Poona geboren und über Lehr- und Wanderjahre in New York, Los Angeles und Brüssel nach Frankfurt gekommen, triezt die Teilnehmer mit jenem „Lächeln im glücklichen Gesicht“, das er auch bei seinen Schülern sehen möchte. „No pain, no gain - life is tough!“, ruft er in den Raum. Oder: „Your body is your medium - exercise it!“ Wer kein Englisch versteht, ist auf verlorenem Posten.

Im fitnessverrückten Kalifornien ist Bikram Yoga vor mehr als dreißig Jahren erfunden worden, von dem Inder Bikram Choudhary, der in seiner Heimat Leistungssportler war. Bei dem Begründer ist auch Feroze Khan vor zehn Jahren in die Lehre gegangen, heute ist er für ihn als Ausbilder tätig; oder als Schiedsrichter, wie bei den Bikram-Yoga-Europameisterschaften am vorigen Wochenende in Dublin. Margit Gross, eine der fünf deutschen EM-Teilnehmerinnen, die ein dreiminütiges Programm präsentieren mussten, empfindet Bikram Yoga „fast wie eine Droge, die Glückshormone freisetzt“. So oft wie möglich, am liebsten täglich, geht die Flugbegleiterin ins Studio; nach ihrem ersten Besuch allerdings, erzählt sie, habe sie „geheult vor Erschöpfung“.

Normalerweise rinnt die Feuchtigkeit nicht aus den Augen, sondern aus allen Poren. Weil der Körper bei neunzig Minuten Bikram Yoga knapp 800 Kilokalorien verbrennt, soll das Übungsprogramm nicht nur Stress abbauen, sondern auch Gewicht. „Unser Körper ist ein Tempel, den wir rein halten müssen“, sagt Feroze Khan, dessen Versprechungen verlockend klingen: Bikram Yoga helfe gegen zu hohen oder zu niedrigen Blutdruck, gegen Kreislaufbeschwerden, beuge Krankheiten und Verletzungen vor. Mit eherner Disziplin und eisernem Willen betrieben, behauptet Khan, könne Bikram Yoga aus einem Faulenzer einen Fitnessjünger machen. Jeder Anfänger hat die Wahl der Qual: „Du liebst Bikram Yoga oder du lässt es“, sagt Feroze Khan, „dazwischen gibt es nichts.“

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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