Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff spricht im Interview mit der F.A.Z. über den Bundestrainer und die Entwicklung der Beziehungen zur Bundesliga. Die Rückkehr ins Londoner Wembley-Stadion an diesem Mittwoch ist nicht nur für ihn ein ganz besonderer Moment.
Mit Ihrem Golden Goal im alten Wembley-Stadion schossen Sie Deutschland 1996 zum EM-Titel, im Jahr 2000 waren Sie Kapitän der Nationalelf, die vor dem Umbau der Arena als letzter Gegner Englands dort spielte und 1:0 gewann. Worauf werden Sie besonders gucken, wenn Sie an den runderneuerten Schauplatz zurückkehren, der Ihnen so viel Glück gebracht hat?
Der schönste Blick wird der aus der Sicht der Spieler sein, wenn sich beim Gang aus dem Tunnel alles öffnet und der Blick auf die Ränge frei wird. Gespannt bin ich auch auf den großen Bogen, der das neue Wembley-Stadion überwölbt. Früher waren die Türme das Wahrzeichen von Wembley, heute ist es der Bogen. Ich werde nicht mit nostalgischen Augen in Richtung des Tores schauen, in das ich beim entscheidenden Treffer im Finale gegen Tschechien getroffen habe. Dieses goldene Tor habe ich in meinem Herzen und im Kopf gespeichert.
England genießt als Gegner der deutschen Nationalmannschaft immer noch mehr als jedes andere Team den Ruf des klassischen Widersachers Nummer eins. Woran liegt das?
England ist nun mal das Fußball-Mutterland. Dazu kommt die kämpferische, begeisternde Art, wie die Briten immer aufgetreten sind. Dann gab es Meilensteine in der deutsch-englischen Fußball-Geschichte: 1966 mit dem „Wembley-Tor“, das den englischen WM-Finalsieg über Deutschland in der Verlängerung einleitete; 1996 mit dem deutschen EM-Halbfinalsieg über England im Elfmeterschießen. Ich fand schon als Kind die Stimmung in englischen Stadien beeindruckend, wie alle die Nationalhymne sangen vor Pokalendspielen im Wembley-Stadion. Auch viele unserer jungen Spieler freuen sich ganz besonders auf Wembley.
Die Vorfreude auf die Nationalmannschaft war in früheren Zeiten gerade vor sogenannten Freundschaftsspielen nicht gerade ausgeprägt. Das hat sich geändert...
... und nicht nur das. Die Freude paart sich mit einem gewissen Selbstbewusstsein, und die Spieler nehmen gern jede Gelegenheit wahr, um im Trikot der Nationalmannschaft aufzulaufen. Sie präsentieren sich dankbar und offensiv, um zu zeigen: Hallo, wir sind wieder da.
Und dazu auch mit neuen Kräften wie in diesem Fall dem Stuttgarter Tasci und dem Schalker Pander.
Es ist eine Stärke von Trainer Joachim Löw, zu zeigen, dass Leistung anerkannt wird und die Courage da ist, jungen Spielern eine Chance zu geben. So war es auch schon bei seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann. Was hatten wir in den vergangenen drei Jahren nicht für Probleme: bei den Stürmern, in der Abwehr, derzeit im Mittelfeld - und doch sind wir immer wieder gut da rausgekommen, weil wir Lösungen fanden und Alternativen hatten.
Haben Sie den Eindruck, dass inzwischen auch die Bundesliga den Mut zur Jugend aufbringt?
Da hat sich nach der Weltmeisterschaft viel getan. Es bekommen mehr junge Spieler als früher ihre Chance, und auch der Anteil der deutschen Profis wächst wieder, wie auch wieder mehr deutsche Spieler - nach Lehmann, Ballack und Odonkor nun Metzelder und Hildebrand - im Ausland gefragt sind. Viele Klubs haben sich genau angeschaut, was wir während der WM und auf dem Weg dorthin gemacht haben, und sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich lohnt, neue Wege zu gehen. Man sieht es an den vergrößerten Stäben in den Klubs bei den Trainern und anderen Betreuern. Die Klubs sind inzwischen offener gegenüber den Erkenntnissen der Wissenschaft. Neue Methoden im Umgang mit den Spielern werden nicht mehr sofort angezweifelt. Wo früher noch mancher glaubte, dieses oder jenes könne er nicht machen, weil er danach hart kritisiert wird, sind jetzt auch unkonventionelle Ansätze gefragt. Heute heißt das Überzeugungsmotto: Wir machen das, was wir für richtig halten.
Ottmar Hitzfeld galt lange als der konservative Gegenentwurf zu Reformern wie Klinsmann. Nach seiner Rückkehr als Cheftrainer zu den Bayern hat Hitzfeld viele Kritiker mit seiner Hinwendung zu neuesten sportwissenschaftlichen, trainingsmethodischen und regenerativen Erkenntnissen überrascht. Sie auch?
Überrascht nicht so sehr, weil er ein sehr intelligenter Trainer ist. Wenn Männer wie er die Möglichkeit nutzen, mal rauszugehen aus dem Bundesliga-Betrieb, und sich das Ganze von außen anschauen - das trifft im Übrigen auch auf den jetzigen DFB-Sportdirektor und langjährigen Bundesligatrainer Matthias Sammer zu -, dann stellen sie sich ganz neue Fragen, machen sich aufs Neue schlau. Sich bei allen Erfolgen weiterentwickeln zu können, dazu bereit zu sein ist eine Qualität, die ich bei Hitzfeld sehe.
Zuletzt hieß es immer nur, aller Input für den deutschen Fußball komme von der Nationalmannschaft und nicht von der Bundesliga. Ist dem immer noch so?
Die Spannung jedenfalls zwischen Liga und Nationalmannschafts-Verantwortlichen ist weg, es ist ein Geben und Nehmen. Das ist gut, weil es auf Dauer nicht weitergeholfen hätte, den Finger ständig in Wunden zu legen. Wir hatten ja gute Argumente und Fakten auf unserer Seite. Inzwischen gibt es keinen Aufschrei mehr, wenn von unserer Seite aus etwas angemerkt wird. Im Gegenteil: Wir tauschen uns aus. Wir können als DFB auch immer der Vorreiter für gewisse Entwicklungen sein, denn wir haben die finanziellen und personellen Möglichkeiten dazu. Wir haben als Verband die nötigen Kontakte zur Wissenschaft, zur Politik, zu anderen Bereichen. Wir sammeln hier ein Know-how an, das wir dem deutschen Fußball zur Verfügung stellen wollen. Wir haben die Besten ihres Fachs, die für uns arbeiten.
Wo sind denn auf dem Weg zur EM-Endrunde noch Steigerungspotentiale?
Wir haben mannschaftlich schon einen großen Schritt gemacht. Bis zur Weltmeisterschaft haben wir vom Team hinter der Mannschaft immer den Karren geschoben, während der WM haben die Spieler den Karren selbst geschoben, und wir haben sie begleitet. Die Mannschaft hat sich dabei erheblich weiterentwickelt. Das sieht man daran, dass wir bis zur WM bei Auswärtsspielen große Probleme hatten und seitdem unsere besten Spiele auswärts abgeliefert haben. Es ist ein neues Bewusstsein im Team. Wo wir noch einen großen Schritt tun müssen, ist in der individuellen Verbesserung jedes einzelnen Spielers. Mannschaftsgeist, Motivation, gegenseitiger Respekt - da gibt es nur noch wenig Luft nach oben.
Gibt es da einen ständigen Austausch mit den Vereinstrainern?
Ja. Wir werden in dieser Saison wie in der vergangenen auch eine Tour durch Deutschland machen und uns an den Liga-Standorten mit den Trainern und Managern unterhalten.
Worauf setzen Sie denn bei der Überzeugungsarbeit mit den Spielern?
Unser Ansatz ist immer, den Spieler anzuregen, Eigeninitiative zu entwickeln, seine Qualität zu verbessern. Denn es ist ja seine Karriere, um die es geht. Hut ab zum Beispiel vor Kevin Kuranyi, der nicht bei der WM dabei war und ohne unser Zutun hart an sich gearbeitet hat: in der Ballannahme, im Körpereinsatz, im Passspiel. Wir werden auch wieder Handbücher erstellen, in denen die Stärken und Schwächen der Spieler festgehalten sind. Wir reden mit ihnen natürlich auch darüber. Und es wird beispielsweise Kamingespräche geben.
Was darf man sich denn darunter vorstellen?
Ich möchte die Spieler in einer lockeren Atmosphäre und im Dialog für unsere Ziele gewinnen. Zu den Kamingesprächen will ich daher andere Sportler einladen. Dirk Nowitzki habe ich angefragt; auch Roger Federer möchte ich mal zu Gast haben. Gerade der Basketball- und der Tennisstar können bestimmt einiges zum Thema sagen: „Wie motiviere ich mich?“ Ein Nowitzki geht auch nach erfolgreichen Spielen in die Halle und arbeitet an seinen Würfen. Man muss dem Sättigungseffekt, oft genug durch die verführerische Macht des Geldes geweckt, entgegenwirken. Ich möchte die Spieler dahin bringen, dass sie sich fragen: Wer bin ich, was will ich? Identitätsfragen. Ich glaube, dass die Spieler in vielen Dingen noch immer unterfordert sind, indem wir ihnen alles abnehmen.
Mit Joachim Löw als Bundestrainer ist vieles von dem fortgesetzt worden, was mit Klinsmann ins Werk gesetzt wurde. Wo ähneln sich die beiden, wo sind sie sehr unterschiedlich?
Ähnlich sind sie sich in ihrer Trainerphilosophie, ihrer Lebensfreude, im Spaß, im Mut und dem Willen, Dinge anzugehen, die nicht so konventionell sind. Sonst sind sie so unterschiedlich wie ihre Haarfarben. Der schwarze Jogi ist ein Herzensmensch, innerlich ausbalanciert, auch ein Genießer. Der blonde Jürgen polarisierte, war mehr ein Antreiber, manchmal auch ein Getriebener aus sich selbst heraus.
Sollte Löw nach der EM 2008 so oder so weitermachen?
Es ist mein klarer Wunsch, dass Jogi weitermacht. Ich spüre, dass die Mannschaft ihn vollkommen unterstützt. Er hat dazu eine große Akzeptanz in der Liga und in der Öffentlichkeit. Er ist die perfekte Wahl.
Sie haben vorhin vom Polarisieren gesprochen. Was führt eigentlich immer mal wieder zur Konfrontation Oliver Bierhoff gegen Bayern München - zuletzt feststellbar, als Sie die Bayern-Neuerwerbungen Luca Toni nicht zu den Top-10-Fußballern auf der Welt zählten und dafür von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge heftig gescholten wurden?
Wir arbeiten gut zusammen. „Kalle“ Rummenigge war der Erste, der mich als Nationalmannschafts-Manager ins Gespräch gebracht hat. Hin und wieder ist es mit den Bayern nun mal so, dass sie sehr vehement reagieren, wenn man anderer Meinung ist. Das gehört auch ein wenig zur Bundesliga-Folklore. Ich bin bei den Bayern jedenfalls jederzeit herzlich willkommen.
Sie sind nun seit 2004 Manager der Nationalmannschaft. Ist Ihre Ausbildung nach dem Prinzip „learning by doing“ inzwischen abgeschlossen?
Ganz im Gegenteil: Ich lerne immer weiter. Die WM war ein bezahlter Crashkurs für mich. Spieler, Betreuerstab, Verbandspolitik, Wirtschaft, Sponsoren, Medien - da kam alles in einem 360-Grad-Paket bei mir zusammen. Mein Vorteil war und ist: Ich habe als Fußballer gelernt, unter Druck Entscheidungen treffen zu können.
Das Gespräch führte Roland Zorn.
Bedenken.
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 21.08.2007, 15:16 Uhr