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Biathlon-WM Sechs Medaillen vor dem Rückzug ins Beschauliche

Arnd Peiffer formuliert seine Erwartungen vor der Biathlon-WM dezenter als Magdalena Neuner. Auf ihr müsste eigentlich der größte Druck lasten - doch sie gibt sich gelassen. In der Mixed-Staffel (15.30 Uhr) bietet sich die erste Chance auf Gold.

© dpa Letzte Schüsse: Magdalena Neuner geht entspannt in ihre Abschieds-WM

So langsam wird es eng in den Straßen von Ruhpolding. Die Fans sind da, und das 6500-Einwohner-Dorf im Chiemgau hat sich mächtig herausgeputzt für das größte Wintersport-Ereignis des Jahres, die Biathlon-Weltmeisterschaft. Kaum ein Haus, das nicht beflaggt oder mit irgendwelchen Biathlon-Insignien versehen ist, und auf der Digital-Uhr am Kurhaus-Parkplatz läuft der WM-Countdown. Überall im Ort findet man Bilderbäume der Ruhpoldinger Grund-und Mittelschule, und die kleinen Kunstwerke unter Folie kennen nur ein Thema: Biathlon.

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Auch die Geschäftswelt hat sich bestens auf die anderthalb Wochen Ausnahmezustand eingestellt. Es gibt Ruhpoldinger Biathlon-Obstler Marke „Zielwasser“, Biathlon-Brezen, Biathlon-Stangerl, sogar eine komplette Biathlon-Anlage samt Schießstand, Strafrunde und Athleten aus Zuckerguss, und an der Ecke werden für sechs Euro Styroporplatten für warme Füße in der Chiemgau-Arena angeboten. Wobei im Moment das Thema nasse Füße angebrachter wäre. Immerhin hat das Schmuddelwetter mit Schnürlregen, das die Schneeberge schmelzen lässt und Parkplätze unter Wasser setzt, aufgehört.

30.000 Zuschauer täglich erwartet

Ein paar Kilometer weiter oben im engen Tal unterm Zirmberg, wo die für 16 Millionen Euro umgebaute Chiemgau-Arena für den großen Ansturm von täglich bis zu 30.000 Zuschauern auf den letzten Stand gebracht wird, drehen die Biathleten aus 45 Nationen noch relativ unbehelligt ihre Trainingsrunden im stumpf gewordenen Schnee.

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Und ausgerechnet die Sportlerin, auf der eigentlich der größte Druck lasten müsste, gibt sich völlig gelassen: Magdalena Neuner. Die Frau, die gerade vom norwegischen Biathlon-König Ole Einar Björndalen in den Legenden-Stand erhoben worden ist, wird am Saisonende ihre kurze, aber unvergleichliche Karriere im zarten Alter von 25 Jahren beenden und verabschiedet sich jetzt auf der WM-Bühne in Ruhpolding von ihren deutschen Fans. „Was kann es denn besseres zum Abschluss geben“, sagt sie, und stellt gleich eines klar. Von wegen Wehmut, düstere Abschiedsgedanken und derlei Gefühlsduselei. Alles zu seiner Zeit. „An Abschied denke ich erst nach dem letzten Rennen in Chanty-Mansijsk.“ In Westsibirien findet eine Woche nach WM-Ende das Weltcup-Finale statt. Das ist auch Neuners persönliches Ultimo als Biathletin. Bis dahin ist sie „auf drei Wochen Höchstleistung“ programmiert.

BIATHLON-WORLD-RUHPOLDING © AFP Vergrößern Gelöst auf die Abschiedsrunden: Magdalena Neuner steht vor der letzten WM ihrer Karriere

Viele haben ja geglaubt, dass jemand, der seinen Rücktritt schon im Dezember bekanntgibt, sich innerlich längst verabschiedet hat und als „Lame Duck“ daher kommt, aber Magdalena Neuner ist eben die etwas andere Biathletin. Es ist eher so, als hätte sie sich mit ihrer Ankündigung von einer Last befreit. Als könne sie jetzt erst ihr Potential richtig ausschöpfen. Denn erfolgreicher als in dieser Saison war sie im Weltcup nie. Acht Siege stehen bis jetzt zu Buche, und der Ehrgeiz ist stärker denn je. Fast scheint es so, als hätte sie im Schlussbogen der Laufbahn doch noch dieses Kannibalen-Gen in sich entdeckt, das sie immer negiert hat. Bei zweimal Olympiagold wird es zwangsläufig bleiben, aber zehn WM-Titel, nein, diese Sammlung ist noch ausbaufähig. Und sie formuliert ihre Ziele für Ruhpolding - sechs Medaillen bei sechs Starts und obendrauf den Sieg im Gesamt-Weltcup - mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass Cheftrainer Uwe Müssiggang das zwar für „frech, aber durchaus realistisch“ hält.

Rauschendes Neuner-Finale

Natürlich wünschen sich - von der Konkurrenz abgesehen - fast alle ein rauschendes Neuner-WM-Finale in der Chiemgau-Arena, und genau das will die Wallgauerin ihren Fans auch bieten, bevor sie sich in der beschaulichen Heimat ins ganz normale Leben zurückzieht. „Ich will hier etwas Besonderes leisten.“ Andere Top-Favoriten weisen in solchen Fällen auf die starke Konkurrenz hin und was alles passieren kann, aber Magdalena Neuner erwähnt kein einziges Mal, dass ihr Darja Domratschewa, Olga Saizewa oder Kaisa Mäkäräinen gefährlich werden könnten. Sie ist gesund, sie hat in WM-Trainingslager in Obertilliach gut trainiert, sie hat im Teamhotel ein gutes Stück außerhalb des lärmenden Ortskerns ihr Rückzugsgebiet.

Biathlon-WM 2012 © dpa Vergrößern

Deshalb sagt sie nur: „Warum sollte ich tiefstapeln? Ich weiß, was ich kann.“ Es ist das Bewusstsein der eigenen Stärke. Das größte Fragezeichen steht deshalb hinter den beiden Staffelwettbewerben, in denen die Rekordweltmeisterin auf die Hilfe ihrer Kollegen angewiesen ist. Wobei sie selbst schon eine Staffel „vergeigt“ hat. Unfehlbar ist auch Magdalena Neuner nicht, aber mittlerweile unerschütterlich.

Manchmal ist sie vielleicht auch ein bisschen zu forsch für die Kollegen, wenn sie sagt: „Wir haben eine Superchance, in der Mixed-Staffel Gold zu gewinnen.“ Die Besetzung gäbe das her, und ein Erfolg beim ersten WM-Wettbewerb an diesem Donnerstag wäre natürlich höchst willkommen, weil er den Druck von der Mannschaft nehmen würde. Aber während Mitstreiterin Andrea Henkel ganz in Neuners Sinn „Vollgas von Anfang an“ verspricht, zuckt Sprint-Weltmeister Arnd Peiffer, der nach dem Weltcup-Dritten Andreas Birnbacher den Schluss-Part übernehmen wird, dann doch etwas zusammen. „Ich finde es toll, wie offensiv sie ihren Anspruch vertritt“, sagt er und lässt den Satz unvollendet. Er selbst hält es lieber mit einer defensiveren Version: „Medaillen kommen, wenn man alles richtig gemacht hat.“

Quelle: F.A.Z.

 
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