Es war eine nette Idee der Basketball-Bundesliga (BBL), den gewohnten Rhythmus zu unterbrechen und mit einem Spieltag aus allen möglichen Derbys ins neue Jahr zu starten. Alte Nachbarschaftsduelle versprechen schließlich stets aufs Neue eine sportliche Brisanz und garantieren dabei einen erhöhten Aufmerksamkeitswert.
An den meisten Spielorten fand die Idee der BBL am Montag entsprechend Anklang, nur einem Bundesligaklub war es völlig schnuppe, dass ein alter Rivale in eigener Halle vorstellig wurde. Die BG 74 Göttingen ist seit Wochen genug mit sich selbst beschäftigt, um einem Aufeinandertreffen mit dem niedersächsischen Konkurrenten Phantoms Braunschweig allzu viel Bedeutung beizumessen. Und auch de Auswärtspartie beim Spitzenklub Alba Belin am Sonntag um 17 Uhr ist da nichts besonderes. "In unserer Situation ist es egal, wie der Gegner heißt", sagte BG-Trainer Michael Meeks: "Ob Braunschweig, Berlin, Bamberg oder die Los Angeles Lakers: Wir stehen tief im Tabellenkeller und müssen jedes Spiel gewinnen."
Niederschmetterende Bilanz
Aber genau an diesem Anspruch scheitern die Göttinger in dieser Saison regelmäßig auf eine Weise, die nur kläglich zu nennen ist. Weil sie am Montag auch dieses Niedersachsen-Derby gegen Braunschweig 66:76 verloren, sieht ihre Bilanz nach sechzehn Bundesliga-Spieltagen niederschmetternd aus: zwei Siege, vierzehn Niederlagen, 4:28 Punkte und damit sechs Zähler Rückstand auf den Tabellenvorletzten TBB Trier.
Zusätzlich hat das Team in dieser Saison alle seine sechs Begegnungen in der EuroChallenge verloren und ist in dem zweitrangigen europäischen Wettbewerb sang- und klanglos ausgeschieden. "Wir müssen einen Weg finden, um den Schalter umzulegen", sagte Meeks, der vor anderthalb Jahren noch zu jenen Göttinger Spielern gehörte, die in der EuroChallenge triumphierten. Andernfalls führt der Weg des Europapokalsiegers von 2010 schnurstracks in die Zweitklassigkeit.
Erfahrung fehlt auf und neben dem Parkett
Um eine Wende zum Besseren zu schaffen, fehlt es den Göttingern offenbar an allen Ecken und Enden: Die lila "Veilchen", wie die Basketballprofis aus der Universitätsstadt genannt werden, sind ziemlich grün hinter den Ohren. Und die sportliche Führung ist, nachdem der jahrelang dominierende Trainer John Patrick mangels Perspektive in Richtung Würzburg abwanderte, in ihrem Aufgabengebiet ebenso unerfahren wie das Team auf dem Parkett.
Der frühere Profi und Teambetreuer Jan Schiecke ist im vergangenen Sommer zum Sportdirektor aufgestiegen und musste auf die Schnelle ein wettbewerbsfähiges Team zusammenstellen; auch Trainer Meeks ist ein Novize, der erst vor einem halben Jahr seine B-Lizenz gemacht und seit einem Monat das Sagen hat. Sein glückloser Vorgänger, der vom Co-Trainer zum Patrick-Nachfolger emporgelobte Stefan Mienack, wurde Ende November wegen Erfolglosigkeit entlassen. "Wir haben viele Fehler gemacht", sagt Schiecke über sich und seine Kollegen, "wir müssen hart arbeiten, um in der ersten Liga zu bleiben."
Talente zu labil
Die größten Fehler sind den BG-Verantwortlichen bei der Zusammenstellung des Kaders unterlaufen. Weil der Saisonetat von zwei Millionen Euro (Liga-Schnitt: 3,5 Millionen Euro) nicht viel hergab und die Göttinger Basketball-Gesellschaft zudem Verbindlichkeiten von 350.000 Euro plagen, konnte die BG im vorigen Sommer nur unerfahrene Spieler verpflichten.
Allerdings entpuppten sich die Talente bislang als zu labil, um konstant auf gutem Bundesliga-Niveau zu spielen. Die Defensive ist oft überfordert, die Offensive sucht häufig überhastet den Abschluss, und gegen Braunschweig versagten die Schützen zudem auch noch bei Freiwürfen.
Hoffnung auf Finanzspritze
"Sobald zwei, drei Dinge nicht so laufen wie geplant, merkt man, wie ihr Selbstvertrauen in den Keller geht", sagt Schiecke: "Die Spieler glauben dann nicht mehr daran, noch die Wende zu schaffen." Zu Pleiten, Verletzungspech und Pannen kam bei den "Veilchen" auch noch eine Tragödie. Stammkraft Marco Grimaldi fehlt für unbestimmte Zeit, seit er Ende Oktober bei der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel in Gießen mitansehen musste, wie seine Lebensgefährtin sowie seine jüngere Schwester auf der Autobahn tödlich verunglückten.
Dank einer zusätzlichen Finanzspritze einiger Sponsoren ist es der BG Göttingen immerhin gelungen, kürzlich die routinierten Jerel Allen und Matt Bauscher, der gegen Braunschweig mit 17 Punkten bester BG-Schütze war, für die Guard-Position zu verpflichten. Jetzt wollen die Göttinger Fans nachlegen. Eine Handvoll Anhänger hat am Montag angekündigt, ein Spendenkonto eröffnen zu wollen, um unter Gleichgesinnten Geld für einen neuen Center zu sammeln. Wenn die Finanzspritze nicht reichen sollte, gibt's das Geld zurück. Das ist, anders als der Klassenverbleib, garantiert.