Als vor fünfzehn Jahren die kleine Aberu lesen und schreiben lernte, sah sie immer wieder eine schlanke junge Frau, die ihren Wagen neben der Schule in Mojo parkte und losrannte. Aberu erzählte ihrer Mutter davon, und bald war die Familie am Transistorradio dabei, wenn die junge Sportlerin, weit weg in Europa und Amerika, von Erfolg zu Erfolg rannte. Es war Berhane Adere, die 2002 in Brüssel Weltmeisterin im Halbmarathon wu, Berlinrde und im Jahr darauf in Paris dem WM-Titel über 10.000 Meter holte, die zweimal den Chicago-Marathon gewann und einmal den von Dubai, die ihre Bestzeit auf 2:20,42 Stunden steigerte.
Sie machte Rückschläge furios wett
„Berhane Adere war mein Vorbild“, sagt Aberu Kebede, „ihretwegen habe ich angefangen zu laufen. Ich wollte werden wie sie.“ An diesem Sonntag, wenn beim Berlin-Marathon der Kenianer Geoffrey Mutai den Weltrekord der Männer von 2:03,38 Stunden angreift, wird das staunende, schüchterne Mädchen von einst selbst Favoritin des Frauenrennens sein. Vor zwei Jahren siegte Aberu Kebede im strömenden Regen, es war ihr zweiter Sieg im erst dritten Lauf über die Distanz von 42,195 Kilometer. Seitdem hat sie aber auch ein paar Einbrüche erlebt: Bei der WM von Daegu kam sie zum Beispiel mit einer Zeit von 2:31 Stunden auf Platz zwölf.
Diese Rückschläge machte die Zweiundzwanzigjährige im Januar dieses Jahres furios wett, als sie in Dubai acht Sekunden unter dem äthiopischen Marathon-Rekord blieb. Ihr Pech war allerdings, dass ihre Landsfrau Aselefech Mergia noch schneller lief und in 2:19,31 siegte. Für Aufsehen sorgte das aber nicht, weil sich gleichzeitig bei den Männern neun Äthiopier unter den besten zehn plazierten. Platz fünf für Aberu Kebede (2:20,33) sah da nach einer weiteren Enttäuschung aus, doch mit dieser Zeit gehört sie zu den zwanzig schnellsten Marathonläuferinnen der Welt.
„2:20 zu unterbieten ist möglich“
Läuft sie am Sonntag ähnlich zügig, dürfte sie um einen Sieg und 40.000 Euro Prämie reicher sein. Aber sie will mehr. Zwei männliche Tempomacher hat sie nach Berlin mitgebracht, ein Privileg, das Läuferinnen etwa bei den Marathons von London und New York nicht gewährt wird. Dort laufen die Frauen in ihrem eigenen Rennen deutlich vorneweg; Rekorde in gemischten Rennen wie Berlin will der Weltverband nicht mehr anerkennen. „Äthiopische Läuferinnen sind schon eine Zeit von 2:18 Stunden gelaufen“, sagt sie in Anspielung auf den äthiopischen Rekord, den Tiki Gelana vier Monate vor ihrem Olympiasieg von London beim Rotterdam-Marathon auf 2:18,58 Stunden verbessert hat.
„Ich werde, so Gott will, in Zukunft auch schneller laufen. 2:20 zu unterbieten ist möglich.“ Erst siebzehn Marathonläuferinnen waren je so schnell, allen voran die Britin Paula Radcliffe mit ihrem (2003 noch mit Tempomachern in London erarbeiteten) Weltrekord von 2:15,25 Stunden. Ob die 30.000 Euro Prämie der größere Gewinn wären oder das Renommee, das sich bei künftigen Verpflichtungen auszahlte, ist müßig abzuwägen. Aberu Kebede würde im Erfolgsfall von beidem profitieren.