25.09.2005 · Philip Manyim hat beim Berlin-Marathons für den siebten kenianischen Erfolg in Serie gesorgt. Bei den Frauen triumphierte Mizuki Noguchi aus Japan. Die Olympiasiegerin setzte sich souverän in 2:19:12 Stunden durch.
Von Michael ReinschSieger und Siegerin des Berlin-Marathons sprachen im Ziel über ihren Hunger und übers Essen. Doch Welten lagen zwischen der 27 Jahre alten Olympiasiegerin Mizuki Noguchi aus Japan, die bei ihrem Sieg in 2:19:12 Stunden japanischen, Asien- und Streckenrekord lief, auf der einen und dem gleichaltrigen Kenianer Philip Manyim auf der anderen Seite.
Die Japanerin wußte schon vor dem Start, daß sie mit einem Rekordlauf wie dem ihren, direkt übertragen vom japanischen Fernsehen, ihren Marktwert in die Dimension von Rock- und Filmstars steigern würde. Schon bisher konnte sie, wie sie erzählte, in ihrer Heimat nur mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze auf die Straße gehen, um nicht ständig angesprochen zu werden. Ihr Sieg vor Luminita Zaituc aus Hamm, die, von Krämpfen gebremst, für kurze Massagen stehenbleiben mußte und doch in 2:27:34 Stunden von sich reden machte, dürfte wesentlich mehr wert sein als die 70.000 Euro Prämie, mit der der Veranstalter sie belohnte.
„Der Sieg hat mein Leben verändert“
Schließlich sind erst zwei Frauen schneller auf der 42,195 Kilometer langen Strecke gewesen als die 27 Jahre alte Mizuki Noguchi; viermal die Britin Paula Radcliffe, die beim London-Marathon 2003 in 2:15:25 Stunden Weltrekord lief, sowie die Kenianerin Catherine Ndereba mit ihrem Sieg beim Chicago-Marathon 2001 in 2:18:47.
Der Kenianer Manyim dagegen realisierte erst im Ziel, das er nach 2:07:41 Stunden erreicht hatte, was sein Sieg wert war. Als ihn ein Reporter auf die Siegprämie von 40.000 Euro und den Zeitbonus von weiteren 7.500 Euro ansprach, brach der 27 Jahre alte Berufsläufer aus Eldoret in Tränen aus. Später erklärte er: "Der Sieg in Berlin hat mein Leben verändert. Der Lebensstandard für eine Familie in Kenia ist klein wie ein Baby. Jetzt wächst meiner und wird groß wie ein Erwachsener." Er wolle sich nun niederlassen, erzählte er, was wohl bedeutet, daß er für sich, Frau und zwei Kinder ein Haus kaufen werde. Auch werde er, anders als das in Europa üblich sei, teilen, versprach er. Seine Brüder und deren Familien sollen an seinem Wohlstand teilhaben.
Noguchis Vorbereitung ist „crazy“
Sieg und Bestzeit von Mizuki Noguchi lagen eine gründliche Planung zugrunde. Seit Februar hatte sie sich auf ihren ersten Marathon seit dem Olympiasieg von Athen vorbereitet. Andere würden das, was sie unter anderem im Trainingslager in St. Moritz trieb, "crazy" nennen, erzählte sie kichernd. Vor allem europäische Trainingspartner wunderten sich sehr über ihre Methoden. Straßenläufe bis zu vierzig Kilometer gehörten zu ihrer Vorbereitung und Tempo-Einheiten auf der Bahn, die sich auf 18 Kilometer am Stück summierten. Vier Tempomacher wurden für ihren Lauf in Berlin verpflichtet. Zu ihren Begleitern, die sie auch vor allzu ehrgeizigen Läufern aus dem Feld der etwa 40.000 Teilnehmer zu schützen hatten, gehörte auch der Kenianer Christopher Kandie, der vor drei Jahren den Hamburg-Marathon in 2:10,17 Stunden gewann. Er ließ sich am Freitag kurzfristig verpflichten, da er für das Wochenende ohnehin einen Trainingslauf von zwei Stunden geplant hatte. Er lief mit der Japanerin bis ins Ziel - und wird in der Ergebnisliste als Nummer 17 geführt.
Die strahlende Sonne, die für 21 Grad Celsius sorgte und etwa eine Million Zuschauer an die Strecke lockte, machte den Läuferinnen und Läufern zu schaffen. Bei geringerer Hitze, sagte Mizuki Noguchi, könne sie wohl eine Zeit von 2:18 laufen.
„Langsamer laufen, um mein Leben zu retten“
Bei den Männern beendeten die Tempomacher ihre Arbeit bei Kilometer 35. "Ich hörte eine Stimme, die sagte, wenn ich 2:06 laufen wollte, müßte ich jetzt antreten", erinnerte sich Manyim. Das war Race-Director Mark Milde gewesen, der auf dem Mountainbike mit der Spitze unterwegs war und den Eindruck hatte, daß die Läufer ein wenig langsamer wurden. Manyim forcierte und lief, am Ende sichtlich angeschlagen, allein ins Ziel. Jackson Koech, der ihm gefolgt war, war vor dem Zielstrich am Brandenburger Tor mit den Kräften am Ende und mußte Peter Chebet passieren lassen. Ins Ziel gewankt, klammerte er sich an ein Absperrgitter, um nicht zu Boden zu sinken. Auf die ersten fünf Plätze und damit zu ihrem Teil-Wohlstand liefen ausschließlich Kenianer.
Mit 21 Jahren begrub Manyim, obwohl ein vielversprechender Hindernisläufer, alle persönlichen Ambitionen und verdingte sich als Tempomacher für Sportfeste. Beim Weltrekord des Marokkaners Brahim Boulami 2001 in Brüssel war er einer der Hasen. Erst im vergangenen Jahr wechselte er von der Bahn auf die Straße und gab beim Amsterdam-Marathon in 2:18:17 sein Debüt. Im März wurde er Zweiter des Rom-Marathons in 2:08:17 und verbesserte sich nun bei seinem dritten Marathon um 36 Sekunden. "Ich mußte langsamer laufen, um mein Leben zu retten", sagte er vergnügt über eine vermeintlich schwache Phase kurz vor dem Ziel. "Die Temperatur war hoch und das Tempo auch." Sein Potential sieht er nicht ausgeschöpft. "Fast 2:05" will er einmal im Marathon laufen.