Niemand ist je einen Marathon schneller gelaufen als er: Im April 2011 brachte Geoffrey Mutai in Boston die 42,195 Kilometer in 2:03,02 Stunden hinter sich. Damit unterbot er den damaligen Weltrekord von Haile Gebrselassie um fast eine Minute. Dennoch scheint Geoffrey Mutai das Gefühl zu haben, dass er nicht stolz sein kann auf seine Leistung. „Immer wurden die Zeiten des Boston-Marathon offiziell genannt. Erst als ich Bestzeit lief, sagte der Weltverband, dass er sie nicht anerkenne“, klagt er. Die Strecke von Boston, eher eine lange Gerade als ein Rundkurs und insgesamt leicht abschüssig, entspricht nicht den Regeln der IAAF und ließ Mutai von dem starkem Rückenwind profitieren, der an jenem Montag blies.
Sieben Monate später flog Mutai leichtfüßig über die schwierigste aller großen Marathonstrecken, die von New York mit ihren fünf Brücken. Wieder war er so schnell wie keiner vor ihm. Zweieinhalb Minuten blieb Mutai unter dem Streckenrekord. Doch wieder konnte er den Triumph nicht genießen. Mutai wurde das Gefühl nicht los, dass ihm Patrick Makau die Schau gestohlen hatte, als er vier Wochen zuvor in Berlin den Weltrekord auf 2:03,38 Stunden verbesserte. Damit lag dieser zwar gut eine halbe Minute über Mutais Siegeszeit von Boston, doch im Vergleich zu dem Ergebnis von New York, 2:05,06 Stunden, Welten entfernt.
Deshalb ist Geoffrey Mutai an diesem Sonntag beim Berlin-Marathon am Start, einem Rennen, das für seinen flachen Kurs bekannt ist und als schnellster Marathon der Welt gilt. In den vergangenen vierzehn Jahren ist der Weltrekord der Männer hier sechs Mal, die Bestmarke der Frauen zwei Mal gefallen. „Ich kann es nicht versprechen“, sagt Geoffrey Mutai. „Aber ich will alles tun, um Weltrekord zu laufen.“ Vier Tempomacher hat er dafür aus seinem kenianischen Trainingslager in Kapngetuny mitgebracht, eine Unterstützung, wie sie in Boston und New York nicht erlaubt ist. Mutai verspricht sich viel vom Marathon als Mannschaftsleistung.
„Eine Zeit unter 2:03 Stunden ist generell möglich“, sagt er, „alles ist möglich.“ Im Gegensatz zum vergangenen Jahr lief es in dieser Saison gar nicht gut für Mutai. In Boston musste er wegen einer Magenverstimmung aufgeben, woraufhin der kenianische Verband ihn aus der Olympiamannschaft für London strich. „Ich hatte Glück“, sagt Mutai. „Gut möglich, dass mit der Vorbereitung des kenianischen Verbandes nicht einmal ich gewonnen hätte.“ Die hochfavorisierten Kenianer wurden im Marathon von Stephen Kiprotich aus Uganda besiegt. „Wilson Kipsang hat sich selbst umgebracht“, sagt Mutai, „weil er den olympischen Rekord brechen wollte.“ Der zweimalige Weltmeister Abel Kirui, auch er auf den letzten Metern abgehängt, sei womöglich übertrainiert gewesen.
„Manchmal muss ich heute noch weinen“
Geoffrey Mutai hat genau hingeschaut, zu Hause vor dem Fernsehgerät. „Das waren meine Spiele. Ich hätte dort sein sollen“, sagt er. Es ist nicht nur der Verband, der ihn verbittert. „In Kenia wird nicht anerkannt, welche Opfer wir Marathonläufer bringen, wie hart wir trainieren, wie sehr wir leiden“, klagt er. „Klar klopfen mir Leute auf die Schulter und sagen, dass ich sie stolz mache. Ich habe mich trotzdem gefreut, dass Kiprotich aus Uganda gewonnen hat. Die Leistung von uns kenianischen Läufern wird in unserem Land gar nicht wahrgenommen. Mit Kiprotich hat sich sein ganzes Land gefreut, der ugandische Präsident hat ihm eine Menge Geld geschenkt. In Kenia erwarten sie von uns einfach die Goldmedaillen.“
Als ältestes von zehn Kindern ist Geoffrey Mutai der Armut buchstäblich davongerannt. Er konnte nur die Grundschule besuchen, weil sein Vater das Schulgeld für die weiterführende Ausbildung nicht aufbringen konnte. Als er mit 23 eine Muskelverletzung erlitt, konnte Mutai sie nicht behandeln lassen, bis er sich als Holzfäller verdingte und ein wenig Geld verdiente. Heute lebt er mit Frau und Tochter in einer Villa in Eldoret und ist ein gemachter Mann; ihm gehören Häuser in der Stadt und eine Farm auf dem Land. Seinen jüngeren Geschwistern bezahlt er die Schule, den älteren hilft er, beruflich auf die Beine zu kommen, und seinen Eltern hat er ein Haus gebaut. „Ich laufe, weil ich Spaß am Laufen habe“, sagt er. Von der Verzweiflung und Gewissenlosigkeit des rennenden Lumpenproletariats in Kenia will er nichts wissen. „Wer dopt, wird mit seiner Gesundheit und mit seinem Gewissen dafür bezahlen“, sagt er. Er hat den harten Weg genommen. „Wenn ich daran denke, welche Opfer ich gebracht habe, wie ich gelitten habe“, sagt er, „muss ich heute noch manchmal weinen.“