Home
http://www.faz.net/-gub-72dy9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Beachvolleyball „Endlich Urlaub“

 ·  Die Gold-Beachvolleyballer Julius Brink und Jonas Reckermann lernen die Mühsal ihrer neuen Popularität kennen - und verlieren bei den deutschen Meisterschaften im Halbfinale.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)
© dpa Die Golden-Boys: Umjubelt, umschwärmt

Die gewohnten Strand-Spaziergänge nach Niendorf und Scharbeutz sind in diesem Jahr etwas zu kurz gekommen. Irgendwann ist Jonas Reckermann in den freien Stunden an diesem Wochenende lieber in seinem Hotelzimmer geblieben. Es war einfach zu mühsam, sich durch Timmendorf zu bewegen. Jeder wollte ein Autogramm, jeder hatte eine Frage oder wollte gratulieren. Bis zum Sonntag gelang es dem 33 Jahre alten Reckermann und seinem drei Jahre jüngeren Partner Julius Brink gut, das Wesentliche als umjubelte „Golden Boys“ im Blick zu behalten: nach erstaunlich starken Leistungen erreichten die beiden Beachvolleyballer das Halbfinale bei den deutschen Meisterschaften an der Ostsee.

Am Sonntagmittag war dann Endstation: das Unternehmen Titelverteidigung misslang, weil Eric Koreng und Alexander Walkenhorst bei Sturm und Platzregen frischer und freier aufspielten und 21:19, 21:14 gewannen. Neuer deutscher Meister wurden Jonathan Erdmann und Kay Matysik, die das Finale gegen die Olympiasieger-Besieger Koreng/Walkenhorst mit 2:0 (25:23, 21:16) gewannen.

Julius Brink ließ sich gleich nach der Niederlage auf dem Hotelzimmer behandeln - eine Blockade in der Lendenwirbelsäule machte ihm zu schaffen. „Endlich Urlaub“, stöhnte Reckermann. Nur noch einige wenige Termine, dann dürfen die ersten deutschen Olympiasieger im Beachvolleyball die Beine hochlegen. Es war ihnen anzusehen, dass die Timmendorfer Tage mit der immerwährenden Begeisterung noch einmal richtig Kraft gekostet hatten. Allein fünf Fernsehkameras rangelten in den Spielpausen um die beste Position vor Brink/Reckermann.

Die lustigsten Momente sind oft die, wenn der erwartete und bekannte Ablauf gestört wird. In einer Traube von Medienleuten standen Brink/Reckermann am Donnerstag bei schönem Sommerwetter auf der Terrasse des besten Hotels am Ort und gaben Interviews, als sich ein Mann in Badehose Zugang verschaffte. Ihm klebte noch der Sand auf der Haut. „He!“, rief er Julius Brink zu, „erinnerst du dich? Ich habe euch vor zwei Jahren gesagt, dass ihr Gold holt!“

Brink war mitten im Fernsehinterview; er beendete es rasch, grinste dem Mann zu und ließ ihn die Goldmedaille befingern. Alles ganz entspannt. Erst dann komplimentierte Klaus Kärcher, der Manager der beiden, den enthusiastischen Fan weg, zurück ans Wasser. Unten auf der Treppe rief er noch nach oben: „Und deutscher Meister werdet ihr auch wieder!“

Um sich dem Trubel etwas zu entziehen, hatten sich Brink/Reckermann entschlossen, alle Medientermine auf den Donnerstag zu legen. Seit Tagen hatte das Telefon ihres Managements nicht stillgestanden. Sie waren im „Sportstudio“, sie waren in Markus Lanz’ Talkshow, sie gehen natürlich noch zu Stefan Raab (an diesem Mittwoch), es gab unzählige Empfänge - es kann auch mühsam sein, so sehr gemocht zu werden. „So viel Popularität kennen wir nicht“, sagte Reckermann, „es ist interessant, es ist aber auch viel. Man ist kaputt irgendwann, wägt aber ständig ab, ob man nicht noch mehr machen kann, um die Popularität für unsere Sportart zu vermehren.“

Geht es ihnen vor allem darum, sind sie Botschafter des Beach-Volleyballs? Reckermann sagt: „Wir wollen uns nicht verstellen, wollen unsere Natürlichkeit behalten. Wir machen auch mal einen Spruch oder Späße. Wir fühlen uns schon als Botschafter, wir beleuchten nicht nur unsere Seiten. Es geht uns nicht darum, uns die Taschen vollzumachen.“ Er habe genug gute Angebote nach dem Olympiasieg bekommen, sagt Manager Kärcher, doch seien die Werbeflächen am Körper der beiden Profis langfristig vermarktet.

Kärcher stand manchmal ganz verzückt neben seinen Klienten. Wie smarte Unternehmensberater in Boxershorts treten sie auf: klug, clever, schlagfertig, witzig und dabei gut voneinander zu unterscheiden: Reckermann, der spröde Analytiker, Brink, der kesse Frauentyp, der in Timmendorf auch noch intellektuell wirkte mit seiner großrahmigen schwarzen Brille.

Dass sie von der Begeisterung in der Heimat regelrecht überrollt wurden, gab Brink zu: „Wir waren in London ziemlich abgeschirmt, haben uns voll auf das nächste Spiel konzentriert und nicht so mitbekommen, was in Deutschland abgeht“, sagte er, „jetzt merken wir: hier ist etwas passiert, und wir sind dafür verantwortlich. Die Suppe löffeln wir gern aus.“ Gerade Brink zahlte am Timmendorfer Wochenende den Preis: In der Nacht zu Samstag habe er zwölf Stunden geschlafen, erzähle er. „Ich war am Freitag total platt, es ging gar nichts mehr.“ Am Samstag dann gelang den beiden die beste Leistung des Turniers, als sie Dollinger/Windscheif deutlich besiegten.

Immer wieder ging es in Timmendorf um die Frage, was nun kommen wird. Manchmal musste sich gerade Brink bremsen, um dem Fragesteller die Absurdität der Frage nach „Rio 2016“ nicht allzu deutlich vor Augen zu führen. „Es ist ja Irrsinn, dass man im Grunde zwei Minuten nach dem Gewinn der Goldmedaille gefragt wird: und? Macht ihr weiter bis Rio?“

Klar ist das überhaupt nicht - weder ob die beiden bis dahin zusammenspielen, noch ob sie überhaupt spielen. Diese Frage bereitet ihnen auch deswegen Mühe, weil sie sie selbst daran erinnert, wie viel Arbeit auf dem Weg zum olympischen Gold liegt, wie mühsam die Koordination mit den drei Trainern Hans Voigt, Markus Dieckmann und Jürgen Wagner ist. Allein in den Monaten Januar bis März 2012 sind Brink/Reckermann nach Neuseeland, Fuerteventura und Kalifornien gereist, um in längeren Camps zu trainieren.

Hochzeit und Kind kriegen

Klar ist bislang nur, dass Brink/Reckermann als Paar bis 2013 weitermachen. „2013 ist eine Weltmeisterschaft in Polen, die uns sehr reizt“, sagt Reckermann, „aber weiter, als bis dahin zu denken und zu planen, ist aus verschiedenen Gründen schwer. Wir haben keinen Zeitdruck. Wir genießen das, was wir erreicht haben, lassen alles sacken. Wir haben keine Not, jetzt schon einen Vier-Jahres-Plan aufzustellen.“

Zumal es familiär demnächst auch genug zu planen gibt: Julius Brink will bald seine Freundin Verena heiraten. Jonas Reckermanns Frau Katja erwartet das erste gemeinsame Kind. Dann ist es mit der erhofften Ruhe auch wieder dahin.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Vorbei an Ronaldo

Von Peter Penders

Ein Dortmunder stand in dieser Saison in der Champions League in allen Spielen von An- bis Abpfiff auf dem Platz und wird noch einen weiteren Rekord aufstellen. Der Bundestrainer ist darüber wohl am meisten verblüfft - oder erleichtert. Mehr 4

Ergebnisse, Tabellen und Statistik