26.07.2009 · In abenteuerlichem Tempo zum neuen Siegrekord: Julius Brink und Jonas Reckermann sind das derzeit beste Beachvolleyball-Team der Welt. Doch auch das ist vor Niederlagen nicht sicher. In Marseille reichte es zum dritten Platz.
Von Bernd SteinleMan stellt sich das ja immer so schön vor. Einmal Weltmeister werden – und dann so richtig Abfeiern. Die ganz große Party. Julius Brink und Jonas Reckermann sind vor knapp drei Wochen Weltmeister geworden, und als Beachvolleyballer und Rheinländer sind sie gleich doppelt unverdächtig, einen so hervorragenden Anlass zum Feiern ungenutzt zu lassen wie den Gewinn einer Weltmeisterschaft. Und trotzdem wurde es schwierig mit der ganz großen Party. Denn das Leben eines Beachvolleyballprofis hat heute nicht mehr unbedingt viel gemein mit dem Bild der ewigen Spaßhaber, der lässigen Strandjungs und der gnadenlosen Gute-Laune-Typen.
Im Fall von Brink und Reckermann sah dieses Leben zuletzt so aus: Nach dem WM-Sieg in Stavanger (Norwegen) ging es zurück nach Deutschland und von da gleich weiter zum Grand-Slam-Turnier nach Gstaad in die Schweiz. Von Gstaad wieder zurück in die Heimat und umgehend nach Moskau, zum nächsten Grand Slam. Wieder zurück und tags darauf wieder los – diesmal nach Marseille, zum dritten Grand-Slam-Turnier, das nun seit Mittwoch läuft.
Flüge, Züge, Hotels. Dazwischen waren sie mal eingeladen beim ARD-Morgenmagazin, nach dem Turnier in Gstaad. Auf der Rückreise verpassten sie ihre Zugverbindung und mussten auf den Nachtzug ausweichen. „So kamen wir dann um 5:45 Uhr nicht restlos ausgeruht in Köln an“, schrieb Reckermann in seinem Blog, „konnten direkt auf die andere Straßenseite laufen und bei den Jungs vom WDR frühstücken.“ Doch Reckermann hat in diesen Tagen auch erfahren: „Der Erfolg macht vieles leichter.“
Im dritten Spiel nach dem Rekord reißt die Serie
Und Erfolg hatten die beiden zuletzt mehr als je zuvor ein Team in der Geschichte des Beachvolleyballs. Nach der WM hörten sie einfach nicht mehr auf zu siegen, gewannen in Gstaad, gewannen in Moskau, beide Male gegen das brasilianische Top-Duo Emanuel/Ricardo. In den vergangenen Tagen gewannen sie auch noch die ersten drei Spiele in Marseille, und das hieß endgültig: neuer Rekord. Nie zuvor hatte ein Team mehr als 22 Spiele ohne Niederlage überstanden. Brink/Reckermann blieben nun in 25 Partien ungeschlagen. Da ist es schon fast selbstverständlich, dass sie inzwischen auch die Weltrangliste anführen. Doch am Samstag riss die beeindruckende Serie. Im Halbfinale gab es ein 0:2 (18:21, 15:21) gegen die amerikanischen Olympiasieger Todd Rogers/Philip Dalhausser. Am Sonntag holten sie sich immerhin noch den dritten Platz - ein zuletzt ungewohntes Gefühl.
Brink, 27 Jahre alt, und Reckermann, 30 Jahre, sind das im Augenblick beste Beachvolleyball-Team der Welt. Wobei ihnen das mit dem Augenblick wichtig ist. „Ich sehe uns am Beginn einer Entwicklung, an deren Ende regelmäßige Siege gegen die Top-Teams stehen sollen“, sagte Brink nach dem WM-Triumph. „Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“ Drei Wochen später sind sie auf diesem Weg schon wieder ein gutes Stück vorangekommen – zum eigenen Erstaunen. „Es war für mich fast die größere Leistung, nach dem WM-Sieg auch die nächsten beiden Grand-Slam-Turniere zu gewinnen, die Stange so hoch zu halten“, sagt Reckermann.
Wundern aber sollte einen im Fall Brink/Reckermann vermutlich gar nichts mehr. Das Tempo, mit dem sie sich an die Weltspitze katapultierten, war abenteuerlich – die beiden spielen ihre erste Saison zusammen. Auch wenn sie, wie Reckermann sagt, „keine Rohdiamanten“ mehr sind. Brink war zuvor schon Europameister und WM-Dritter, Reckermann gewann zwei EM-Titel und mit Markus Dieckmann als erstes deutsches Männerteam ein Turnier der World Tour.
Mentale Stärke und spielerische Variabilität
Das aber ändert nicht viel an der Frage: Warum sind Brink/Reckermann so schnell so gut geworden? „Wir haben die gleichen Vorstellungen, wie wir als Leistungssportler vorankommen wollen“, sagt Reckermann. Beide arbeiten extrem professionell, beide haben viel Erfahrung gesammelt. Julius Brink etwa bei den Olympischen Spielen in Peking, als er am Anfang schon von der Goldmedaille redete und dann mit Christoph Dieckmann nicht mal die Vorrunde überstand. Er hat gelernt daraus, setzt sich nicht mehr so unter Druck, reifte als Spieler und Persönlichkeit – und wurde in Stavanger als bester Akteur der WM ausgezeichnet. Auch wenn er sich hinterher fast schämte dafür. „Jonas hätte die Auszeichnung eher verdient“, fand Brink.
Die Rekordserie der vergangenen Wochen, die Erfolgserlebnisse auch in engen Situationen, haben das Selbstbewusstsein und die Abgeklärtheit der beiden weiter gestärkt. „Wir waren vorher schon psychisch sehr stabil“, sagt Reckermann, „aber jetzt haben wir mental einen Riesenvorteil.“ Dazu kommt eine enorme spielerische Variabilität, die auch den besten Blockspielern der Welt das Leben schwermacht. Und dann ist da noch die Aufschlagstärke, die selbst den Weltmeister 2007 und Olympiasieger 2008, den Amerikaner Todd Rogers, schwer beeindruckte. Auch er kam bei der WM zu dem Schluss: „Die beiden haben den Titel verdient.“
Vizekusener und Kölns bester Fußballspieler
Der Turnierstress geht für Brink/Reckermann auch nach Marseille vorerst weiter. Eine Woche später steht der letzte Grand Slam in Klagenfurt an. Erst danach wollen sie eine Pause einlegen. Bis dahin, so Reckermann, „gleichen die Glückshormone alles aus“. Die Gefahr, dass sie sich angesichts des dichten Tourplans und des intensiven Miteinanders irgendwann schwer auf die Nerven gehen, sieht er nicht. „Wir laufen ja nicht ständig händchenhaltend rum.“ Jeder hat seine Freiräume, und jeder weiß sie zu schätzen. Auch das ist eine Sache der Erfahrung. „Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere, aber wir sind uns sympathisch, haben Respekt voreinander und können viel Spaß zusammen haben“, sagt Reckermann.
Klingt nach einer perfekten Beziehung. Wenn da nicht die Sache mit dem Fußball wäre. Brink ist Leverkusener, Reckermann für den 1. FC Köln am Start. So gesehen ist es fast ein Wunder, dass sie auf dem Platz so prächtig harmonieren. Neulich wurden sie gefragt, wer die besseren Chancen hätte beim Torwandschießen, das sie sich gerne mal im „Aktuellen Sportstudio“ liefern würden. Reckermanns Antwort: „Ich sage nur: Vizekusen.“ Brinks Erwiderung: „Jonas ist ein guter Fußballspielerer. Sicherlich der beste, den der FC je hatte.“