Wenn die Goliaths in der Basketball-Bundesliga ihre Arme ausstrecken, kann ihr Bester aufrecht drunter durch laufen. Der David der Bundesliga, mit 1,67 Meter Körpergröße der kleinste Profi der BBL, heißt mit Nachnamen Holston. Und er spielt aufrecht: Mit bedingungslosem Drill hat der Amerikaner Tempo, Sprungkraft und das Händchen erworben, mit denen er sich seinen Vertrag als Aufbauspieler der Artland Dragons in Quakenbrück erkämpfte.
Dabei könnte er vom unterschätzten und übergangenen zum wertvollsten Spieler der Saison werden. Mit 16,7 Punkten pro Spiel ist er unter den erfolgreichsten Schützen der BBL die Nummer zwei (hinter Bobby Brown). Auch bei den Assists, Pässen, die zu einem Treffer führen, wird er bei einem Schnitt von 6,1 nur von einem einzigen, dem Bonner Jared Jordan, übertroffen.
„Einen Spieler mit seinen Fähigkeiten, der 1,90 Meter groß ist, könnten wir nicht bezahlen“, sagt sein Trainer Stefan Koch. „Ich habe selten einen Profi erlebt, der so gut mit Druck umgehen kann wie David.“ Das hat seinen Grund. „Niemand sagt es dir direkt“, erinnert sich Holston. „Aber du hörst überall, dass du nie etwas erreichen wirst, weil du zu klein bist.“ Kein einziges College in den Vereinigten Staaten bot ihm ein Stipendium an, obwohl er auf der High School in Detroit einer der Besten war. Die Scouts der NBA, der besten Liga der Welt, ignorierten ihn.
Gewiss träume er manchmal, was er mit seinen Fähigkeiten und ein paar Zentimetern mehr hätte erreichen können, verrät Holston. „Manchmal scherze ich mit meinen Mannschaftskameraden und sage: Ich wünschte, ich könnte den Ball dunken, jedes Mal, wenn ich zum Korb gehe. Aber in Wirklichkeit denke ich nicht so.“ Unmöglich für einen Spieler von 1,67 Meter Größe, den Ball von oben in den Korb zu drücken, der 3,05 Meter hoch hängt.
Holston hörte auf zu wachsen
Dabei war der junge David bis zur Pubertät unter seinen Klassenkameraden einer der längeren. Dann wuchsen die anderen. Holston wartete ungeduldig auf den Wachstumsschub, dann ging er zum Arzt und fragte, ob mit ihm etwas nicht stimme. „Wird schon noch“, bekam er zu hören. Doch es blieb dabei, dass er nur ein klein bisschen größer als seine Mutter wurde und ein klein bisschen kleiner als sein Vater. Hätte er sich eine Behandlung mit Wachstumshormon gewünscht wie die, mit welcher der FC Barcelona Lionel Messi auf immerhin 1,69 Meter brachte? „Vielleicht. Man weiß nie“, antwortet Holston bedächtig. „Ich bin gesegnet, wie ich jetzt bin.“
Auf Talent und Gottesgaben verlässt sich Holston nicht. „Ich habe viel gebetet, und ich habe immer härter gearbeitet“, erinnert er sich. „Ich habe viel Zeit allein in der Halle verbracht, ich bin gerannt, habe geschossen und meine eigenen Rebounds geholt.“ Bis heute ist es so. Wenn die Quakenbrücker Spieler frei haben, trainiert ihr Anführer allein. Wenn Sommerferien sind, trainiert er daheim in Detroit bei Spezialisten seine Kraft und Geschwindigkeit. So ist er robuster und schneller geworden über die Jahre.
Und er hat sein Offensiv-Repertoire vervollständigt: Mit rechts und mit links wirft er, sobald er seine Gegner umspielt hat. Kein Spieler hat mehr Distanzwürfe ins Ziel gebracht als Holston: 53 Dreier in 22 Spielen. Sein stärkster Wurf ist der Floater, bei dem der Ball in einer steilen Kurve über noch so große Gegenspieler hinweg fliegt. Er beherrsche ihn immer besser, sagt Holston. „Das kommt von der langen Arbeit in der Halle.“ Weil der Ball genau so steil in den Korb fällt, wie er die Hand verlässt, nennen ihn Romantiker des Basketballs „tear drop“, Träne.
Nie auf der Straße
Holston will von Tränen und Romantik nichts wissen. Was auf dem Feld frech und improvisiert wirkt, ist bei ihm die Frucht harter, intensiver Arbeit. Vom Aufstieg aus zerrütteten Verhältnissen, familiär wie gesellschaftlich, kann bei ihm keine Rede sein. Im Gegenteil: Vor zwanzig Jahren zogen seine Eltern um, damit David und seine Schwester in einer guten Gegend eingeschult und ihre Freunde finden würden.
Der Junge spielte praktisch nie auf der Straße, sondern trainierte mit dem Vater hinterm Haus oder in der Schulsporthalle. Bis heute hat er keine einzige Tätowierung. „Meine Mutter und mein Vater würden das nicht mögen“, sagt der Sechsundzwanzigjährige. Er habe nur ganz kurz drüber nachgedacht, sich ein Tattoo machen zu lassen.
„Gott hat mich mit anderen Dingen gesegnet als Größe“
Seinen Platz am College erkämpfte sich Holston, indem er ohne Einladung zum Probetraining an der Chicago State University fuhr. Nach einem Tag bot der Coach ihm ein Stipendium an. „Die NBA war mein Traum“, sagt Holston. „Aber es ist nicht so gekommen.“
Seinen ersten Profivertrag schloss er vor zweieinhalb Jahren mit Pinar Karsiyaka in Izmir. Dort entdeckte ihn Artland. An diesem Samstag wollen seine Mannschaft und er eine wichtige Etappe auf dem Weg in die Play-offs und zur deutschen Meisterschaft nehmen - und mit einem Sieg Ulm von Platz zwei verdrängen. „Gott hat mich mit anderen Dingen gesegnet als Größe: meiner Schnelligkeit“, sagt David Holston. „Ich denke nicht mal daran, wie groß jemand ist, der gegen mich spielt.“