03.08.2011 · Das Interesse der TV-Sender an der Basketball-Bundesliga ist gering. Daran ändern auch Dirk Nowitzki oder der Aufstieg des FC Bayern nichts. Im Eishockey sieht es nicht besser aus. Maximilian Weingartner über die Suche nach Auswegen aus der Nische.
Der Boris-Becker-Wimbledon Effekt ist dieses Mal nicht eingetreten. Jan Pommer, Chef der Basketball Bundesliga (BBL) erwartet „positive Auswirkungen, aber keinen Unterschied wie Tag und Nacht“. Der Präsident des Deutschen Eishockey Bundes, Uwe Harnos, glaubt nicht daran, „dass man da unmittelbar Honig heraussaugen kann“. In den Wochen, nachdem Dirk Nowitzki als erster Deutscher die Meisterschaft in der nordamerikanischen Basketball-Liga (NBA) und Dennis Seidenberg mit seiner Mannschaft den Stanley-Cup der amerikanischen Eishockey Liga (NHL) gewonnen hatten, hat sich außer ein paar unverbesserlichen Träumern niemand dazu hinreißen lassen, einen Boom vorherzusagen.
Das war einmal ganz anders. 1985 gewann der erst 17 Jahre alte Becker in Wimbledon das wichtigste Tennisturnier der Welt. Der Sieg wirkte wie eine Initialzündung für das deutsche Tennis, das innerhalb kürzester Zeit zum populärsten Sport nach dem Fußball avancierte. Seither ließen sich, sobald eine Mannschaft oder ein Spitzensportler aus Deutschland etwas Herausragendes geleistet hatte, die Verbandsfunktionäre der gerade betroffenen Sportarten von der Begeisterung anstecken und stimmten wie Fans in der Kurve ein „Jetzt geht's los“ an.
Inzwischen ist man bescheidener geworden. Die Sportarten Basketball und Eishockey sind weit davon entfernt, zum Volkssport zu werden. Das Interesse daran ist zu gering. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Promit zufolge interessieren sich nur zirka 14 Prozent der sportaffinen Menschen für die BBL und nur 27 für die Deutsche Eishockey Liga (DEL). Es scheint ein Teufelskreis zu sein: Die Sportfunktionäre beklagen mangelnde mediale Präsenz, die Fernsehsender fehlendes Interesse bei den Zuschauern, die - zumindest bei ARD und ZDF - ein Durchschnittsalter haben, das vielleicht einfach nicht passt zu Sportarten, die sich jung und wild geben. Die Rollen von Sport und Spitzensportlern in der Gesellschaft liegen immer weiter auseinander. Top-Athleten werden betrachtet wie Filmstars - oder nicht beachtet.
Übertragungen der Frauenfußball-WM „bemerkenswert“
„Es ist eine Willensentscheidung, Basketball zu zeigen oder nicht“, sagt BBL-Chef Pommer und findet es „ bemerkenswert“, dass ARD und ZDF bei der Frauenfußball-WM Spiele ohne deutsche Beteiligung übertragen haben. Auch DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke hat kein Verständnis: „Die Rechte sind da, die Bilder sind da, die Flexibilität ist da“, kritisiert er. „Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender wollten, könnte man viel mehr machen.“ In der Tat hat es keine der beiden Ligen geschafft, einen festen Sendeplatz bei einem reichweitenstarken Sender wie ARD, ZDF, RTL oder Sat.1 zu bekommen.
Woran liegt das? „Monokultur Fußball“, sagt Pommer lapidar dazu. Das zeigt eine aktuelle Studie der Beratung Sport+Markt. Demnach waren die Anteile der Sendezeit der Sportarten Basketball und Eishockey 2010 im frei empfänglichen Fernsehen verschwindend gering. In der ARD wurde von mehr als 675 Stunden Sport nur zirka 18 Stunden Eishockey gezeigt. Basketball war weder im ARD- noch im ZDF-Ranking vertreten. Bei Sat.1 und RTL kamen die beiden Sportarten gar nicht relevant vor.
Keine neuen Überlegungen bei der ARD
Allein der Aufstieg des FC Bayern München in die Erste Basketball-Bundesliga lässt die Verantwortlichen nachhaltigen Optimismus verbreiten. „Die BBL soll bis 2020 die stärkste Liga Europas werden“, sagt Pommer, und die Liga möchte dabei auf dem Weg von der Strahlkraft der Marke FC Bayern profitieren. „Der FC Bayern ist eine Marke, die für Erfolg steht und der Liga guttut.“ Auch der neue Trainer des FC Bayern, Dirk Bauermann, freut sich auf „eine der spannendsten Spielzeiten in der Geschichte der BBL“. Der Sportkoordinator der ARD, Axel Balkausky, ist skeptischer: „Für die ARD ändert sich erst einmal mit dem Aufstieg des FC Bayern München nichts am Programmkonzept.“
Er glaubt zwar, dass die „Teilnahme des Vereins an der BBL einen positiven Effekt auf die gesamte Liga und ihre Außendarstellung haben kann“. Zu einer auf den FC Bayern zugeschnittenen Berichterstattung wird es aber nicht kommen. „Wir werden nicht plötzlich zum FC-Bayern-TV.“ Denn dafür sei die Nachfrage nach Basketball unter deutschen Fernsehzuschauer „nach wie vor zu gering“. Balkausky führt als Beispiel das im Februar dieses Jahres vom Bayerischen Rundfunk live übertragene Spitzenspiel der zweiten Liga zwischen dem FC Bayern und Würzburg an. Die Einschaltzahl lag unter 100.000 Zuschauern und damit „weit unter den Erwartungen“ der ARD, so dass „Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis standen“.
Die Hoffnung: Bayern München statt Dirk Nowitzki
Das Gefühl des Sportkoordinators wird unterstützt durch die Zahlen der Promit Umfrage: Demnach gaben zirka 72 Prozent der Befragten an, sich in Zukunft durch den Aufstieg des FC Bayern nicht mehr als bislang für die BBL zu interessieren. Etwas optimistischer gibt sich der Chefredakteur von Sport1, Alexander Rösner. Sein Sender hält die Erstligaverwertungsrechte an der BBL und überträgt pro Saison 50 Spiele live. Sport1 erreicht damit aber ohne die Playoffs nur durchschnittlich 70 000 Zuschauer. Durch den FC Bayern erhofft sich Rösner die Einschaltquoten zu erhöhen: „Von der Strahlkraft der Marke wird die Liga profitieren - und nicht zuletzt auch die mediale Reichweite.“
Die Hoffnung heißt also nicht Dirk Nowitzki, sondern eher FC Bayern München. Viel Last auf den Schultern eines Vereins. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan im deutschen Basketball. Mit Alba Berlin und Bamberg haben sich zwei attraktive Teams herauskristallisiert. Die Liga ist relativ ausgeglichen und spannend, die Play-offs waren fast überall ausverkauft, und in der vergangenen Saison verzeichnete die BBL zum zehnten Mal in Folge einen Zuschauerrekord. Erstmals in der Geschichte kamen im Durchschnitt mehr als 4000 Besucher pro Spiel.
Bei der DEL läuft es umgekehrt. Die Eishockey-Klubs verbuchen zwar mit fast 5800 weiterhin den höheren Zuschauerschnitt, den meisten von ihnen laufen aber die Zuschauer weg, was für einige schon existentielle Ausmaße hat. Außerdem ist die DEL im Fernsehen nur beim Bezahlsender Sky zu empfangen, der sich die 65 Spiele rund drei Millionen Euro kosten lässt. Bei Sport1 werden nur einige Spiele der Nationalmannschaft übertragen.
Tennis erzielte regelmäßig sehr gute Einschaltquoten
Tennis konnte einst mehr als nur am Sockel der Statue Fußball kratzen. Bis Anfang des neuen Jahrtausends war der Sport mit der kleinen Filzkugel im frei empfänglichen Fernsehen präsent, vor allem auch in den an Reichweite starken öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF. Stars wie Becker, Michael Stich und Steffi Graf erzielten regelmäßig sehr gute Einschaltquoten. Auch Matches ausländischer Spieler wie Andre Agassi, Pete Sampras, Monica Seles oder Martina Hingis wurden verfolgt. Der deutsche Basketball hat nur einen massentauglichen Star, Dirk Nowitzki, und der spielt in den Vereinigten Staaten, also sehr weit weg.
Und wer kennt Dennis Seidenberg? „Weder Vereine noch Akteure verfügen über einen signifikanten Bekanntheitsgrad, um der Liga ein Gesicht zu geben“, sagt Christian Hupertz, Vorstandschef der Werbeagentur Grey. Zudem fehle es beiden Ligen an Inszenierungsinhalten. Außerdem würden „Trends für eine Sportart oder eine Liga nicht auf Sport1 entfacht“, wie Andreas Oettel, Manager beim Basketballklub Ratiopharm Ulm, sagt. Um eine Liga populärer zu machen und eine „Gesamtwahrnehmung“ für eine Sportart aufzubauen, brauche man Highlightsendungen und müsse Köpfe und Geschichten bei großen Sendern plazieren. Alexander Rösner von Sport1 argumentiert ähnlich: „Es ist wichtig, Persönlichkeiten aufzubauen, sportliche und charakterliche Aushängeschilder, mit denen sich die Zuschauer identifizieren können.“
„Die Leute von unserem Sport überzeugen“
Um das große Ziel zu erreichen, müssen die Klubs mit den Ligen jedoch zusammenarbeiten. „Der ganzheitliche Ansatz wird nicht verfolgt. Da können wir uns noch viel von der NBA abgucken“, sagt Marco Baldi, Manager bei Alba Berlin. Mittlerweile laufe es jedoch besser. Neue Markenauftritte wurden kreiert, Designs verändert - die DEL setzt jetzt auf „Die eiskalte Leidenschaft“ - und in Social-Media-Aktivitäten wie Facebook investiert. Außerdem werden in den Klubs Lehrgänge für Marketing, PR und Ticketing angeboten.
„Es ist unsere Aufgabe, die Leute von unserem Sport zu überzeugen“, sagt Pommer und relativiert damit ein wenig seine Kritik an den Fernsehsendern. „Wir sind noch nicht an dem Punkt, dass es für Medien unverzichtbar ist, Basketball zu zeigen.“ Und Unverzichtbarkeit ist ohnehin nicht automatisch auf Dauer angelegt. Seit dem Abtritt der Generation um Boris Becker und Steffi Graf im Jahre 1999 ist Tennis nach und nach aus dem Fernsehen verschwunden. Das Turnier in Wimbledon, mit dem der Tennisboom vor 26 Jahren angefangen hatte, kann man inzwischen nur noch im Bezahlfernsehen anschauen, was allerdings bis zu diesem Sommer - als sich Sabine Lisicki furios ins Halbfinale spielte - nur wenige störte.
Interesse der TV-Sender = Interesse der Zuschauer
Alwin Bumske (alske)
- 04.08.2011, 11:44 Uhr
Menschen lehnen vllt Werbe-Sportarten ab..
Raoul Duke (RaDuke)
- 04.08.2011, 08:00 Uhr
@Andreas Breuer (IUSTINUS)
Alex Zunker (zunker)
- 04.08.2011, 00:44 Uhr
Vielleicht sollte man Sport als ganzes schmackhaft machen?
Alex Zunker (zunker)
- 04.08.2011, 00:23 Uhr
Monokultur
Volker Gross (magic0061)
- 03.08.2011, 21:00 Uhr