Home
http://www.faz.net/-gub-ykcq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Basketball „Solche Spiele braucht der Sport“

27.03.2011 ·  Die zwei besten Mannschaften hat Meistercoach Chris Fleming beim Sieg seiner Bamberger gegen Alba gesehen - und große Berliner Fortschritte. Das Spitzenspiel war beste Werbung.

Von Michael Reinsch, Berlin
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Wieder einmal spielte die Mannschaft von Trainer Shamuel Katzurin, als hätte sie alle Fesseln abgeworfen. Acht Minuten vor Schluss der Partie stieg Julius Jenkins am Bamberger Korb auf, nahm in der Luft einen Pass seines Mitspielers Immanuel McElroy auf und haute den Ball durch den Ring. Im Triumph baumelte er noch ein wenig am Korb und genoss seine Rückkehr ins Spiel – ins Spiel der Spiele in der Basketball-Bundesliga. Was er unter dem Jubel der Berliner unter den 14 500 Zuschauern nicht ahnte: Die Partie gegen Meister und Tabellenführer Brose Baskets Bamberg am Sonntagabend ging noch 93:97 verloren. Die Franken bleiben Favorit der Liga und haben allerbeste Aussichten, beim Finalturnier des Pokalwettbewerbs am nächsten Wochenende in Bamberg ihren ersten Titel dieser Saison zu gewinnen.

Der Dunk von Jenkins in Minute 32 vergrößerte die zwischenzeitliche Führung der Berliner auf 76:68, und die Halle hatte sich längst in ein Tollhaus verwandelt, in dem Berliner und Bamberger Fans um die Wette schrien. Jenkins kehrte begeisternd zurück in die runderneuerte Berliner Mannschaft, als Spielmacher und erfolgreichster Schütze mit 24 Punkten. Das war besonders schön für ihn, da es seit dem vierten Advent eine Scharte auszuwetzen gilt. Damals hatten die Erzrivalen aus Bamberg die Berliner 103:51 besiegt; eine Demütigung, der die Beurlaubung von Trainer Luka Pavicevic und der Abschied von beiden Berliner Aufbauspielern, Hollis Price und Marco Marinovic, folgten – ein Umbruch, gegen den die wilden Trainerwechsel in der Fußball-Bundesliga fast schon wie konzeptionelle Arbeit wirken.

Doch der scharfe Schnitt und das Konzept Katzurin schienen zu greifen. Von den taktischen Vorgaben des Kontroll-freaks Pavicevic befreit und von dem schnellen und vielseitigen, aus Istanbul in die Bundesliga zurückgeholten Aufbauspieler Taylor Rochestie befeuert hatten die Berliner bis zum Duell mit Bamberg sechs Spiele nacheinander gewonnen, zuletzt das beim Tabellenzweiten Frankfurt Skyliners.

Jenkins, wie er da glücklich am Korb baumelte und das Ende der Erholungspause genoss, die ihm Trainer Katzurin wegen einer chronischen Ellbogenentzündung verordnet hatte, ahnte nicht, dass dies sein letzter Korb in diesem Spiel gewesen sein sollte – mit 24 Punkten in nur 24 Minuten Spielzeit war er dennoch der überragende Berliner. Er war es, der nach der Schlusssirene die Berliner Spieler um sich versammelte, und was er ihnen im Getöse zurief, konnte man ahnen, als er hinterher sagte: „Heute haben wir gelernt, dass man Bamberg schlagen kann.“

„Jenkins gibt dem Berliner Spiel eine komplett andere Dimension“, urteilte der Bamberger Trainer Chris Fleming nach dem Spiel, in dem die Berliner schon mit 16 Punkten geführt hatten, in dem es zehn Führungswechsel gab und dessen letzte Sekunden sich durch taktische Fouls und Freiwürfe über Minuten erstreckten. „Solche Spiele braucht der deutsche Basketball unbedingt“, fuhr der Meistertrainer fort und widersprach dem Eindruck, dass die Berliner Mannschaft dadurch, dass sie in der Bundesliga-Tabelle von Platz drei auf Platz vier gerutscht ist, die viertbeste der Liga sei: „Heute haben hier die beiden besten deutschen Mannschaften gespielt.“

Die beste war Bamberg, insbesondere dank der Treffsicherheit und der zupackenden Art des massigen Predrag Suput. Mit 34 Punkten – jeder seiner elf Würfe ein Treffer – und neun Rebounds machte der Serbe den Unterschied, obwohl er wegen früher Foulbelastung mehr als zehn Minuten auf der Reservebank saß.

Doch auch die Berliner haben ihre Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft. „Bis zum Erbrechen“, wie Center Yassin Idbihi beklagt, bleut Katzurin seinem Team neue Spielzüge und Details ein. „Als wir fünf Spiele nacheinander verloren hatten und uns die Apokalypse vorausgesagt wurde, war ich so wenig deprimiert, wie ich jetzt euphorisch bin“, sagte Marco Baldi, Vizepräsident und Manager von Alba, vor dem Spiel gegen Bamberg. „Wir dürfen nicht glauben, jetzt sei der Knoten geplatzt. So etwas passiert bei Individuen, aber nicht bei Teams. Mannschaften müssen zusammenwachsen und müssen gepflegt werden. Diese Wochen haben wir jetzt.“ Katzurin versucht, eine Balance zu finden zwischen lernen, Spielen und Erholen. Als die Bamberger im zweiten Viertel zum ersten Mal das Spiel drehten, saßen Rochestie und Jenkins auf der Bank. „Ich habe versucht, die beiden zu schonen“, sagte Katzurin nur mäßig zerknirscht. Beide hatten aus gesundheitlichen Gründen nur zwei Tage vor der Partie trainieren können. „Das sah alles gut aus“, sagte Katzurin. „Da haben wir vergessen, wie gut Bamberg ist.“ „Die Play-offs sind eine andere Welt“, urteilte Sieger Fleming. „Für sie hat dieses Spiel heute keinen großen Wert.“ Die Berliner sehen das ähnlich. Der Gewinn aus ihrer Niederlage ist, dass sie nun wissen, wie groß ihr Fortschritt ist. „Nächstes Mal machen wir es besser“, versprach der Trainer.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1