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NBA-Profi Paul Zipser : Der Geist des Krümels

  • -Aktualisiert am

Ein Deutscher in den Play-offs: Paul Zipser (links) mit den Chicago Bulls Bild: dpa

Die Glanzzeiten der Chicago Bulls liegen weit zurück. Doch das erste Play-off-Spiel gegen Boston haben sie gewonnen – mit dem Deutschen Paul Zipser. Ob sein Knöchel hält?

          Es ist lange her, dass in den kalten Wintern am Lake Michigan die Gespräche um nichts anderes mehr kreisten als einen sportlichen Dauerbrenner: um die „Unbeata-Bulls“ in Chicago, eine der besten Basketballmannschaften, die es je gegeben hat. Vor drei Wochen gab es mal wieder eine – wenn auch traurige – Gelegenheit, die Erinnerungen hervorzuholen. Da wurde bekannt, dass Jerry Krause gestorben war, der Mann, dem Jordan wegen seiner kleinen Statur und seiner Essgewohnheiten einst den spöttischen Spitznamen „Krümel“ verpasst hatte. Krause hatte als Chefmanager der Chicago Bulls um das Ausnahmetalent Michael Jordan herum jene Mannschaft zusammengestellt, die in den neunziger Jahren sechsmal Meister wurde.

          An einer Mixtur, die an den legendären Erfolg würde anknüpfen können, haben Krause und andere immer wieder vergeblich herumgedoktert. Das Beste, was man seitdem auf die Beine stellen konnte, war 2011 das Erreichen des Halbfinales. So war auch niemand überrascht, dass die Bulls, die sich gerade in der x-ten Radikal-Umbauphase der Post-Jordan-Ära befinden, vor ein paar Tagen mit einer Bilanz von 41 Siegen und 41 Niederlagen mal so gerade auf dem achten Platz in der Tabelle der Eastern Conference in die Play-offs rutschten. Schon sehr viel überraschender war, wer im letzten Spiel mit einem glanzvollen Auftritt die wichtigen Punkte machte: Der in Heidelberg geborene Paul Zipser, der im vergangenen Jahr von Bayern München in die NBA gewechselt war – der dritte Deutsche in der Liga neben Dirk Nowitzki und Dennis Schröder.

          Zipser (rechts) ist neben Nowitzki und Schröder einer von derzeit nur drei Deutschen in der besten Liga der Basketball-Welt

          Zipser machte als Knipser in 28 Minuten 21 Punkte, holte sechs Rebounds und stellte eine Karrierebestleistung auf, die deutlich machte: Seine Formkurve zeigt klar nach oben. Genauso wie die Werte auf der nach oben offenen Selbstbewusstseins-Skala. „Am Anfang der Saison war alles neu“, gab der 23-jährige Flügelspieler vor dem ersten Play-off-Match seiner Karriere in einem Interview mit der Online-Plattform „Spox“ zu. Aber seit ihm sein Trainer Fred Hoiberg mehr Spielzeit und damit mehr Vertrauen gibt, zeigt er immer öfter, was in ihm steckt: „Schließlich steht man ja auf dem Feld, um dabei mitzuhelfen, den Sieg zu holen.“

          Nachdem er zuletzt häufiger von Anfang an dabei war, kam er am Sonntag bei der ersten Begegnung in der Best-of-Seven-Play-off-Serie gegen die Boston Celtics wie schon so oft zuvor von der Bank. Seine Ausbeute während einer Einsatzzeit von insgesamt 21 Minuten war mit sechs Punkten und zwei Rebounds eher bescheiden. Aber was wirklich zählte, stand am Ende unter dem dicksten Strich von allen: Obwohl als Tabellenachter gegen den Ersten krasser Außenseiter, gewannen die Bulls 106:102.

          Die Ausgangsposition wirkt vielversprechend. Tatsächlich besagt die NBA-Playoff-Statistik aber, dass Auswärtsmannschaften nur in 53 Prozent der Fälle eine Runde weiterkommen, wenn sie die erste Auseinandersetzung gewinnen konnten. Der Grund ist simpel: Das System der Setzliste macht es dem Schwächeren schwer. Es schickt ihn für die ersten beiden Begegnungen in die Halle des Favoriten. Und es zementiert jenes Leistungsgefälle, das sich im Rahmen einer langen Serie so gut wie immer bestätigt.

          Dass die Mannschaft überhaupt voller Hoffnung ins zweite Spiel am Mittwoch in Boston gehen kann, hat nach Ansicht von Dwyane Wade mit einem Stimmungswandel zu tun. Der dreimalige Meister, der in dreizehn Profijahren mit den Miami Heat zum Alpha-Basketballer geworden war, kehrte im vergangenen Jahr in seine Heimatstadt zurück, um hier mit 35 als eine Art „Elder Statesman“ für üppige 23 Millionen Dollar Gehalt seine Karriere ausklingen zu lassen. Inspiriert von den Erinnerungen an jene Zeit, als er mit neun zu Hause auf dem Boden vor einem winzigen Fernsehapparat saß und den ersten Meisterschaftserfolg der Bulls gegen die Los Angeles Lakers inhalierte. Er wusste schon damals: „Das möchte ich machen. Das möchte ich später sein.“

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          Doch nach dem Wechsel musste er feststellen, dass die Bulls von heute weder einen richtigen Anführer besaßen noch einen brauchbaren Teamgeist entwickelt hatten. „Ich weiß nicht, ob sich die Leute nicht genug dafür interessieren“, klagte er und verlieh seinem Ärger über die laxe Haltung vor allem der Mannschaftskollegen auf der Bank Nachdruck: „Es geht mir auf den Sack.“

          Die schwankende Stimmung kippte jedoch neulich endlich ins Positive. Im Training sah Wade Profis, die sich anstrengten. „Sie kamen schon vor den anderen in die Halle, trafen sich mit den Trainern, beschäftigten sich mit der Spielweise der Boston Celtics und wussten, wie wir gegen sie vorgehen wollen“, verriet Wade und lobte das neue Wir-Gefühl. „Nur so gewinnst du Spiele. Wenn alle ihren Teil leisten.“

          Woran im Fall von Paul Zipser übrigens niemand zweifelt. Schon gar nicht Trainer Fred Hoiberg, der schon vor Wochen den „beachtlichen Basketball-Intelligenzquotienten“ und die Leistungsbereitschaft des Rookies lobte. „Das ist ein Typ, auf den wir uns verlassen können.“ Der hat zurzeit denn auch nur eine Schwachstelle. Der linke Knöchel, an dem er sich im Februar verletzt hatte, tut gelegentlich weh. „Und er behindert mich noch“, gab er zu. Doch das bremst die Nummer 16 der Bulls nicht. Es geht um zu viel. „Ich muss schauen, wie ich da durchkomme.“

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