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Basketball Nowitzkis Offensive

Der neue Mavericks-Trainer Rick Carlisle gibt dem deutschen Star die Freiheiten, die er braucht. Und Dirk Nowitzki will das Vertrauen zurückzahlen: „Ich würde gerne meine Laufbahn in Dallas beenden.“ Natürlich als NBA-Champion.

© AP Vergrößern Eigentlich ein Rock'n'Roller: Dirk Nowitzki

In den zehn Jahren einer bemerkenswerten Karriere in der NBA ist der beste Basketballspieler Europas im Umgang mit seinen Mitmenschen, wenn möglich, jedweden Spannungen und Konflikten aus dem Weg gegangen. Die Scheu vor dem offenen Wort zur rechten Zeit und die Furcht vor dem Echo gehören vermutlich ebenso zu Dirk Nowitzkis Charaktereigenschaften wie sein Trainingseifer und dieser unwiderstehliche Sprungwurf, der sein Markenzeichen ist.

Das Problem: Wenn man auf diese Weise als Kapitän eine Mannschaft zum Titel führen will, wird man irgendwann erkennen, dass auf dem Weg dahin nicht alle in die gleiche Richtung marschieren. Nicht alle Nebenleute, nicht der Trainerstab und nicht der Klubbesitzer. Wie ging der 30-Jährige bislang damit um? „Ich behalte Dinge meistens für mich“, sagte Nowitzki neulich.

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„Die Liga ist eine Spieler-Liga und keine Trainer-Liga“

Irgendetwas muss allerdings passiert sein, als sich im letzten Frühjahr abzeichnete, dass er und die Dallas Mavericks erneut klanglos in der ersten Runde der Play-offs ausscheiden würden. Im Umfeld der Mannschaft hörte man damals das Gerücht, dass er die Arbeitsweise seines Trainers leid geworden sei und erstmals das offensichtliche Kreativitätsdefizit von Avery Johnson beklagte.

Dirk © Vergrößern „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Sportler zu lange spielen”

Die Kritik muss sich damals bis zu Klubeigentümer Mark Cuban herumgesprochen haben. Denn der zögerte nach dem Aus Ende April keine Minute und gab dem Coach den Laufpass. Die Reaktion von Nowitzki Wochen später klingt nach einem Mann, der nicht mehr länger zu allem ja und amen sagen wird. „Ich denke, die Liga ist eine Spieler-Liga und keine Trainer-Liga“, erklärte Nowitzki einem Reporter der Ortszeitung „Dallas Morning News“.

Die Mavericks werden wieder mehr auf die Offensive setzen

Den Hinweis wird der neue Übungsleiter vermutlich registriert haben, selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass er das einflussreiche Blatt nicht liest. Rick Carlisle gibt eine Menge auf die Fähigkeiten und das enorme taktische Wissen des introvertierten Deutschen, sonst hätte er sich wohl nicht der Mühe unterzogen und ihn und seinen Manager Holger Geschwindner im Frühsommer eine Woche lang in Würzburg besucht. Nachdem er die beiden beim Training beobachtet hatte, verstand er den Sinn der symbiotischen Arbeit. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie einer auf die Idee kommen könnte, das tauge nichts“, gab er nach seiner Rückkehr nach Texas zu Protokoll. „Ich glaube wirklich, dass Dirk und ich das Spiel ähnlich sehen.“

Der Trip zeigte: Der Johnson-Nachfolger ist ein völlig anderer Typ. Eher still. Eher sachlich. Und geprägt von seinem ehemaligen Nebenmann und Förderer Larry Bird, dem letzten herausragenden weißen Amerikaner. Der holte Carlisle in den neunziger Jahren zu den Indiana Pacers, wo er allerdings später bei einem internen Machtkampf um den Posten des Cheftrainers ausgebootet wurde. Der 48 Jahre alte, ehemalige Aufbauspieler erhielt stattdessen einen Vertrag bei den Detroit Pistons, wo er 2002 zuerst als NBA-Coach des Jahres ausgezeichnet wurde, aber anschließend die Kündigung erhielt. Der Vorwurf an seine Adresse: Er war zwar erfolgreich, aber nicht erfolgreich genug.

Eine Reihe ungelöster Fragen bei den Mavericks

Als er in Dallas verpflichtet wurde, gehörte es zu seinen ersten Amtshandlungen, Nowitzki zu Hause seine Aufwartung zu machen. Die beiden brauchten nicht lange, bis Carlisle aufstand und dem deutschen Nationalspieler im Wohnzimmer ein paar Körperdrehungen aus dem Repertoire von Larry Bird zeigte. Seine Philosophie für die Mavericks setzt auf Beweglichkeit und Geschwindigkeit im Angriff. „Wir haben einen großartigen Anführer in Jason Kidd“, sagte er im Mai über den vielseitigen NBA-Profi, der das quirlige Passspiel liebt, jede Menge Rebounds fängt und trotz seiner 35 Jahre in jeder Phase auf die Tube drückt.

Mit anderen Worten: Die Mavericks werden in dieser Saison wieder mehr auf die Offensive und ihre Scorer-Qualitäten setzen. Ein Stil, den Nowitzkis Mentor Don Nelson gepflegt hatte und für den der deutsche Nationalspieler wie geschaffen schien, aber von Avery Johnson abgewürgt und durch ein übertriebenes Sicherheitsdenken und ein schematischen Spielverständnis ersetzt wurde.

„Ich würde gerne meine Laufbahn in Dallas beenden“

Die Mavericks gehen allerdings in der kommenden Woche mit ein paar immer noch ungelösten Fragen in die neue Saison: Wie belastbar ist Jason Kidd eigentlich noch in seinem Alter? Wann wird Mark Cuban Josh Howard abgeben, der vor Monaten im Radio zugab, in seiner Freizeit Marihuana zu rauchen, und bei einem Benefizspiel vor laufender Kamera einen unpatriotischen Spruch über seine gestörte Beziehung zur amerikanischen Nationalhymne zum Besten gab? Wann wird ein Center von Format verpflichtet, ohne den die Mannschaft in der Zone unterm Korb gegen jedes Spitzenteam benachteiligt ist? Und wann wird Dirk Nowitzki seine Karriere beenden, in deren Rahmen er eine MVP-Auszeichnung und eine Finalteilnahme verbuchen konnte?

Zumindest zur letzten Frage gab der Würzburger neulich eine ziemlich deutliche Antwort: „Ich würde gerne meine Laufbahn in Dallas beenden“, sagte er. „Und in den kommenden drei Jahren die Meisterschaft gewinnen. Das wäre großartig. Sollte das gelingen und ich danach nicht mehr spielen wollen, höre ich vielleicht auf. Ich denke, es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Sportler zu lange spielen und am Ende sehr langsam wirken und einiges von ihrem Ruf einbüßen. Das will ich nicht.“

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 27.10.2008, 11:50 Uhr

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