Vielleicht braucht ein Basketballklub in einer Zeit, in der nichts mehr geht, einen Mann wie Ross Perot Jr., einen Geschäftsmann, der weder die Regeln des Spiels kennt noch die Namen der Spieler und Macher. Einen Mann, der aber erkennt, dass so ein Klub eine gute Investition sein kann, wenn man zum richtigen Zeitpunkt einsteigt.
Ross Perot Jr. hat 1996 die Dallas Mavericks erworben und dafür 110 Millionen Dollar bezahlt. Als er vier Jahre später die größte Tranche seines Anteils wieder verkaufte, bekam er 280 Millionen Dollar und hatte drei entscheidende Dinge getan: Er hatte den Kauf des 30 Hektar großen Geländes angeschoben, auf dem heute das American Airlines Center steht - die moderne Halle gehört zur Hälfte den Mavericks. Er hatte Don Nelson als General Manager und Cheftrainer einen langfristigen Vertrag gegeben. Und er war 1998 mit Nelson und dessen Sohn und Berater Donnie nach Deutschland geflogen, um sich den Burschen anzuschauen, den der Klub ausgewählt hatte, der sich aber nicht sicher war, ob er den Sprung in die NBA wagen sollte.
Die Zukunft hieß Dirk Nowitzki
„Wir waren in einer Schulturnhalle in Würzburg und warteten darauf, uns einen Eindruck von diesem 18jährigen Jungen zu verschaffen, der lange Haare hatte und Ohrringe“, erinnerte sich Perot später. Nach einer Weile scheuchte der ältere Nelson die anderen Teenager vom Feld und bat den jungen Basketballspieler um eine Solovorführung. Der versenkte zehn ganz normale Dreier nacheinander und erzielte anschließend acht Körbe bei zehn Würfen mit der linken Hand. Perot hatte die Zukunft gesehen. Sie hieß Dirk Nowitzki (Siehe auch: Nowitzki im Interview: „Pessimismus ist meine Antriebsfeder“ ).
Neun Jahre später ist das Talent aus dem Fränkischen einer der besten Basketballspieler der Welt und der aussichtsreichste Kandidat für die Auszeichnung „Most Valuable Player“, die amerikanische Journalisten dem wertvollsten Spieler der Saison verleihen. Perot lebt im langen Schatten von Mark Cuban, einem neuen Typ von Clubbesitzer, der am liebsten bei der Auszeit mit im Knubbel der Spieler und Trainer stehen würde. Und Nelson trainiert die Golden State Warriors, nachdem er sich vor zwei Jahren kurz vor dem krönenden Erfolg seiner Arbeit mit Cuban über viel Geld gestritten hatte und sich vor zwölf Monaten ganz zurückzog.
„Nellie“ fordert das Genie heraus
Die Warriors, im kalifornischen Oakland zu Hause, waren ein Pflegefall, für dessen Gesundung ein Mann wie Nelson offensichtlich wie geschaffen ist. Kaum begann er mit der Arbeit, bugsierte er die Mannschaft langsam, aber sicher in die Play-off-Zone. Auf dem Weg dahin schlugen Nelsons Spieler die Mavericks in allen drei Begegnungen. Und so beginnt an diesem Wochenende im American Airlines Center in Dallas die reizvollste der acht Auseinandersetzungen in der ersten Runde der NBA-Play-offs: das Duell zwischen Nelson, genannt „Nellie“, einem taktischen Genie, der Basketball in ungewöhnlichen und riskanten Denkschemata praktiziert, und den Mavericks mit dem 28jährigen Dirk Nowitzki.
Auf dem Papier sieht die Angelegenheit für die punktbeste Mannschaft der Saison wie ein Spaziergang aus. Die Mavericks hatten im vergangenen Jahr in der Finalserie gegen die Miami Heat den Titel schon so gut wie in der Tasche und wirkten in diesem Winter nach einem schlechten Saisonstart unwiderstehlich. Mit 67 Saisonerfolgen gehören sie, statistisch gesehen, zu den besten Mannschaften in der 60jährigen NBA-Geschichte. Obendrein werden die Play-offs in einem Best-of-seven-Format ausgetragen, was den Faktor Tagesform reduziert.
Stimmungswandel in Kalifornien
Wer allerdings glaubt, Nelson wäre schon am Ende seiner Weisheit, der darf sich auf manche Überraschung gefasst machen: Der Mann hat nicht nur Nowitzki entdeckt, sondern auch den zweifachen MVP Steve Nash, den Cuban unverständlicherweise nach Phoenix ziehen ließ. Er hat Josh Howard gedraftet, der heute in Dallas neben dem deutschen Nationalspieler als Leistungsträger gilt. Und er hat Avery Johnson geholt und dessen Trainerlaufbahn gefördert. Wenn einer die Mavericks in und auswendig kennt, dann „Nellie“.
Die Beziehung zwischen Nelson und Johnson reicht schon eine Weile zurück, als der 66jährige ehemalige Meisterspieler (mit den Boston Celtics) zum ersten Mal bei den Warriors arbeitete. Er machte Johnson zum Spielmacher in der Startaufstellung. Das war 1994. Damals erreichte Golden State zum letzten Mal die Play-offs. Seine Rückkehr nach Oakland, die von seinem ehemaligen Schützling Chris Mullin, einem der Dream-Team-Mitglieder von Barcelona 1992, eingefädelt wurde, hat in Nordkalifornien für einen Stimmungswandel gesorgt. Die Mannschaft des Zigarrenrauchers und Whiskey-Trinkers Nelson gilt als „das heißeste Team in der NBA“ („San Francisco Chronicle“).
Prickelnde Erwartung
Das Blatt listete genussvoll seine herausragenden Einfälle des Jahres auf: die 1-2-2-Verteidigungsformation gegen die Utah Jazz, der hummelartige Schwarm, in dem seine Spieler Dirk Nowitzki umlagerten, die Dreifachdeckung für Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers, der sich zu einer Wurfmaschine entwickelt hat, und die Art und Weise, wie die Warriors den baumlangen Chinesen Yao Ming von den Houston Rockets vom Platz trieben. „Manchmal funktioniert es. Manchmal nicht“, resümierte die Zeitung in ihrer Freitagsausgabe das Gefühl einer prickelnden Erwartungshaltung, die sich in der Region breitgemacht hat.
In Dallas wird niemand diesen Gegner unterschätzen. Nicht Avery Johnson, der ein Meister des Planbaren ist, aber oft ziemlich ratlos reagiert, wenn er von der Bank aus einem Spiel die Wende geben soll. Nicht Assistenztrainer Del Harris, einer der besten Freunde von Nelson, der sagt: „Don gibt nie auf. Egal, was er auch spielt. Und sei es Shuffleboard oder Rommee.“
Am merkwürdigsten müsste sich in dieser Situation eigentlich Donnie Nelson fühlen. Der Sohn arbeitet als Chefmanager bei den Mavericks unter Mark Cuban und kann nur hoffen, dass seine langjährige Arbeit in Dallas als Assistent seines Vaters in diesem Jahr endlich Früchte trägt. Er spielt die Konstellation am liebsten zu einer „guten alten Familienfehde“ herunter. Was bleibt ihm anderes übrig? Anders als sein Vater kann er auf das Geschehen keinen Einfluss nehmen. Aber am Resultat trägt er genauso schwer. Ross Perot jr. hingegen ist aus dem Schneider.