Die erste Szene von Dirk Nowitzki bei seiner Rückkehr in die Nationalmannschaft war nicht eindrucksvoll, im Gegenteil. Drei Jahre ist es her, dass er bei den Olympischen Spielen von Peking für Deutschland am Ball war, in der Zwischenzeit hat er den wichtigsten Titel im Basketball gewonnen, die Meisterschaft in der NBA mit den Dallas Mavericks. Die Auszeichnung als wertvollster Spieler der Finalserie bekam er obendrein. 6600 Besucher des Super-Cups in der Stechert-Arena von Bamberg, unter ihnen die Familie Nowitzki aus Würzburg, schienen wie die 55.000, die Karten für die weiteren fünf Länderspiele in Deutschland gekauft haben, alle nur ihn sehen zu wollen: Dirk, den Großen. Sie kamen in T-Shirts mit seinem Gesicht, seinem Namen, seiner Rückennummer in der NBA, der 41, und sie trugen Mützen, auf die „Dallas Mavericks“, „Champions“ oder „Nowitzki“ gestickt war. Sie bejubelten ihn, als er sich einwarf, und sie hielten die Luft an, als Axel Hervelle, der fast einen Kopf kleiner ist, Nowitzki den Ball abjagte, übers Feld lief und mühelos einen Korb erzielte.
Das hätte etwas von Majestätsbeleidigung haben können, wie der Belgier mit den breiten Schultern ständig eine Hand an Nowitzki und manchmal auch in dessen Gesicht hatte. Doch Nowitzki arbeitete klaglos, bis er einen Korb und einen Freiwurf zur ersten Führung beisteuern konnte und, am Ende eines turbulenten Abends, mit 71:65 der Sieg in seinem ersten Länderspiel seit 2008 feststand – gegen Belgien. Als er nach sechs Minuten Trainer Dirk Bauermann um Auswechslung bat, geschah das nicht, um einen Kratzer auf der Oberlippe behandeln zu lassen. Ihm sei die Luft ausgegangen, verriet Nowitzki. „Drei Wochen Einzeltraining sind doch etwas anderes als die Intensität eines Spiels“, sagte er. „Zum Glück haben wir noch ein paar Spiele, bevor die Europameisterschaft beginnt.“
Nach ausgedehnten Feierlichkeiten und nicht einmal neun Tagen Urlaub in der Karibik hat sich Nowitzki wieder dem Ernst des Basketballs zugewandt. Er besteht darin, bei der Europameisterschaft im September in Litauen Platz sechs zu erreichen – und diese Aufgabe hat es in sich, wie sich gleich am Samstag wieder zeigte. Die Deutschen verloren die Supercup-Partie in Bamberg gegen Griechenland 56:69 und offenbarten große Abstimmungsprobleme. Dabei schaffte Nowitzki mit elf Punkten nur eine Trefferquote von 28,6 Prozent – nur vier der 14 Würfe waren zielführend. „Das wird für uns noch ein langer Weg“, sagte er nach dem Spiel.
Noch keine Harmonie
Nowitzki ahnte schon etwas, als er mit dem eingedeutschten Center der Los Angeles Clipper, Chris Kaman, zur Nationalmannschaft stieß. „Das wird eine lustige Herausforderung werden, diesen Kids zu helfen, zu den Olympischen Spielen zu kommen“, sagte er vor einigen Tagen. Ganz so lustig waren nun die ersten gemeinsamen Erfahrungen nicht. Auch Kaman kam gege Griechenland nur auf 15 Punkte und traf nur jeden zweiten Wurf. Schon zuvor gegen Belgien fiel auf, dass die beiden je 2,13 Meter langen Profis aus Amerika sich noch einfinden müssen, aber zugleich für die Hälfte der Punkte zuständig waren. „Es gibt keinen Athleten vergleichbarer Qualität, der sich das antun würde“, lobte Bauermann seinen Besten. Was gegen Belgien und auch Griechenland fehlte, war der Beitrag der Mannschaft, eine Zwei-Mann-Show zu verhindern. „Wir haben einige Junge, die das Spiel noch lernen“, kritisierte Kaman zuletzt. „Aber wir haben auch ein paar Gute.“
Warum sich Nowitzki das antut? Weil er es vor Jahr und Tag versprochen hat. Einer wie er hält sein Wort. Selbstverständlich zeigte er ein paar Schüsse, wie man sie schöner nicht hinkriegen kann: aus der Drehung, im Sprung, Bälle, die sich aus seiner typisch hohen Flugkurve ins Netz senken, ohne den Metallring des Korbs zu berühren. Doch die Szene, die Nowitzki am besten charakterisiert, hatte er am Mittag im Hotel. Da schlenderte er mit einigen Nationalspielern vom Mittagessen zum Fahrstuhl. Als die Tür sich öffnet, stiegen die ersten ein. Da schob sich Nowitzkis Hand aus der Gruppe und hielt die Schiebetür offen. Er, der Älteste und Berühmteste des Teams, ließ einer jungen Frau mit Kinderwagen den Vortritt. Nach ihr erst betrat er die Kabine, und er musste sich bücken, um hineinzupassen.
„Das gehört sich einfach so“, sagt Holger Geschwindner. „Er ist, ob er will oder nicht, auch Vorbild. Dazu gehören gewisse Grundregeln. Die hat er in seiner fränkisch-bodenständigen Familie gelernt.“ Mit Geschwindner, Mathematiker, Physiker und in den siebziger Jahren Kapitän der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, arbeitet Nowitzki schon mehr als die Hälfte seines Lebens zusammen. Die beiden haben entwickelt, was den Basketballprofi Nowitzki von anderen unterscheidet: die Sicherheit seiner Würfe, seine Vielseitigkeit, seine Beweglichkeit, sein Spielverständnis und nicht zuletzt sein Arbeitsethos. Geschwindner hat mit Nowitzki, dem Sohn eines Würzburger Malermeisters, nicht nur dessen basketballerischen Werkzeugkasten erstellt, sondern ihm auch das Abitur abverlangt, ihn mit Literatur und Musik bekannt gemacht und ihm geholfen, in Amerika heimisch zu werden. Die Ängstlichkeit der jungen deutschen Mitspieler in der Nationalmannschaft beschrieb er mit den Worten: „Das ist die Haltung: Schieß du, ich hab Familie.“
Nichts an Nowitzki schreit nach Aufmerksamkeit
Die schräge Art seines Mentors, der keinen Allgemeinplatz akzeptiert und mit Freuden aneckt, hat sich in einer ironischen Note auf Nowitzki übertragen. Von seiner zweiten Heimat spricht er als „Amiland“, und wenn er dort von seinem fränkischen Zuhause redet, heißt es „Germanien“ oder, in Anspielung auf die Herkunft seines Namens, „Polen-Land“. Doch das sind nur Sprachspiele, wie er sie auch macht, wenn er – wer versteht in Deutschland schon Basketball? – Freiwürfe Elfmeter nennt und Treffer Tore. „Don’t ask“, steht für alle, die ihn nach seiner Körpergröße fragen, auf einem seiner T-Shirts, „I’m 7 foot“.
Distanz hält Nowitzki zu all dem, was unter Star-Rummel fällt. Auf dem Feld will er der Beste sein. Im Scheinwerferlicht stehen mag er nicht. Als er im Juni, nach dreizehn Jahren und mehr als tausend Spielen der NBA, die sechste Finalpartie gegen Miami Heat zum 4:2 gewonnen hatte, als feststand, dass er endlich am Ziel war, rannte er, so überwältigt war er, vor dem Schlusspfiff vom Feld in die Kabine. Unter der Dusche verdrückte er ein paar Tränen und verlangte allen Ernstes und erfolglos, jemand anders solle die Meistertrophäe entgegennehmen. Er habe das Gefühl, dass er für die großen Momente nicht gemacht sei, sagte er. „Ich empfinde Scham, wenn der ganze Fokus auf mich gerichtet ist.“
Seine Haare haben keine Frisur, seine Kleidung ist unauffällig, er führt nicht das große Wort. Werbeverträge über die hinaus, die er hat, lehnt er ab. Er kann es sich, bei einem Vermögen, das auf mehr als hundert Millionen Dollar geschätzt wird, leisten, nicht jedem Milliönchen nachzujagen. Oder aus seiner Perspektive: Er will es sich gerade nicht leisten, dem Geld hinterherzulaufen. Es würden ihn Zeit und Privatleben kosten – das Einzige, was in seinem Leben knapp ist. Nichts an Dirk Nowitzki schreit nach Aufmerksamkeit, außer sein Spiel. Als er seinen Vertrag mit Dallas verlängerte, reizte er seine Möglichkeiten, zwanzig Millionen Dollar zu übertreffen, nicht aus. Ihm war wichtig, dass die Mavericks das Team verstärken konnten.
Nowitzki weiß, dass er Basketball nicht allein spielen kann. Deshalb sollte niemand sein Engagement in der Nationalmannschaft als Spaß missverstehen. Er mag nicht für sich allein spielen. Aber er spielt auch nicht nur für die Jungen. Er, der so viel gibt, fordert auch. Die Jungen sollen mit ihm um ihren Platz bei Olympia kämpfen.