15.04.2009 · Dallas steht vor dem Umbruch: Der milliardenschwere Mavericks-Eigner Mark Cuban widmet sich schon der Zukunft seiner Basketball-Auswahl. Womöglich sind die am Freitag beginnenden NBA-Play-offs die letzten für Dirk Nowitzki in Texas.
Von Jürgen Kalwa, New YorkTief im Innern der großen Sporthalle am Rand des Stadtzentrums hat sich der Eigentümer der Dallas Mavericks beim Bau ein Büro einrichten lassen, zu dem man nur Zugang hat, wenn man an der Tür einen Geheimcode eingibt. Im Umfeld der Mannschaft wird das weitläufige fensterlose Abteil mit seinen dicken Ledersesseln gewöhnlich als „Bunker-Suite“ bezeichnet. Das abschätzige Etikett unterstreicht, dass es der kommunikationsfreudige und scheinbar allgegenwärtige Milliardär Mark Cuban in fast zehn Jahren nicht geschafft hat, sich Respekt für seinen Führungsstil zu erarbeiten.
So wirkte seine Drohung Anfang März nach einer blamablen Niederlage gegen Oklahoma City Thunder, er werde sich am Ende der Saison von jedem Spieler trennen, der sich nicht hinreichend ins Zeug lege, auch nur wie der Ukas eines überspannten Feldherrn, dem der Einfluss auf seine Truppen entgleitet. Zumal der 51 Jahre alte Unternehmer in einem Atemzug zu erkennen gab, dass seine Einschätzung von der Leistungsfähigkeit des Teams rund um den deutschen Basketball-Nationalspieler Dirk Nowitzki von wenig Realitätssinn geprägt zu sein scheint. „Diese Mannschaft“, behauptete er, „verfügt über das Talent, in den Play-offs zu gewinnen.“
Das Motto: Bloß nicht auf dem achten Platz landen
Die Play-offs - die zweite Phase der Saison mit den sechzehn punktbesten Klubs und ihren K.-o.-Runden, in denen sich im Rahmen sogenannter Best-of-Seven-Serien die Crème de la Crème herausschält - beginnen Ende der Woche. Für die Dallas Mavericks, die sich vor wenigen Tagen als eines der letzten Teams endgültig zu qualifizieren vermochten, könnte sich Cubans Anspruch bereits in der ersten Runde in heiße Luft verwandeln. Die Mannschaft, die nur noch ein Schatten jener Formation ist, die vor drei Jahren die Finalserie erreichte, hatte in den vergangenen Wochen eigentlich nur ein Ziel: bloß nicht auf dem achten Platz in der Western Conference zu landen. Denn das garantiert eine Auseinandersetzung mit den Los Angeles Lakers - dank glänzend aufeinander eingestellter Spieler wie Kobe Bryant und Pau Gasol einer der Favoriten auf die Meisterschaft.
Die 92:102-Niederlage gegen die New Orleans Hornets am Sonntag hat jedoch dieses Szenario wieder wahrscheinlich werden lassen. Auch der 96:94-Erfolg am Montag gegen die weit abgeschlagenen Minnesota Timberwolves war nur ein Pflichtsieg (siehe auch: Sport kompakt: Nowitzki siegt - Sinkewitz kämpft - Harrison kassiert). Wenn am Mittwochabend nach dem Heimspiel gegen die Houston Rockets abgerechnet wird, wäre selbst ein Punktegleichstand mit Utah Jazz keine Hilfe für Dallas. Denn die in der NBA für solche Situationen anzuwendenden Regeln besagen, dass die Mannschaft aus Salt Lake City in einem solchen Fall die Nase vorne hätte.
Die zweitteuerste Mannschaft der Liga ist Mittelmaß
Aber auch ein siebter Platz und eine Konfrontation mit den Denver Nuggets wäre nur ein kleiner Hoffnungsschimmer. Nowitzki, in seinen Erklärungen gegenüber Journalisten wie so oft gefangen zwischen der Pflicht zu positivem Denken (“hoffentlich werden wir Sechster oder Siebter und sind dann in den Play-offs ganz entspannt“) und Fatalismus (“was passiert, passiert“), dürfte wissen, dass seine Nebenleute wie der lange Zeit verletzte Josh Howard zu sporadisch zu großer Form auflaufen, um ihn in seiner Rolle als Korbjäger wirkungsvoll zu unterstützen. Daran hat auch die Verpflichtung von Coach Rick Carlisle nichts geändert, der im vergangenen Sommer als Nachfolger des geschassten Avery Johnson kam. Stattdessen machte sich in Dallas die Einsicht breit, dass die mit einem Gehaltsvolumen von 92 Millionen Dollar im Jahr zweitteuerste Mannschaft der Liga trotz der hohen Erwartungen schon länger nicht mehr aufs Parkett bringt als Mittelmaß.
Das zeigt sich an den Diskussionen über die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler (MVP) der Saison, die Dirk Nowitzki vor zwei Jahren gewann. Auch in dieser Saison gehört sein Name eigentlich auf die Stimmzettel, was er nicht nur mit einer Bilanz von mehr als 25 Punkten pro Begegnung untermauert hat, sondern auch durch seine Bereitschaft, sich im Rahmen der von Carlisle ausgegebenen Spielpläne flexibel genug auf unterschiedlichen Positionen zu behaupten. Doch gewöhnlich geht die MVP-Ehre an den besten Mann im punktbesten Team. In diesem Jahr dürfte das LeBron James von den Cleveland Cavaliers sein, der schon seit langem in der Popularitätsskala der NBA-Profis die Nummer eins belegt.
Selbst langjährige Pflegefälle können sich wieder erholen
Kein Wunder, dass sich Mark Cuban bereits der Zukunft widmet. Einer Zukunft ohne Aufbauspieler Jason Kidd, den er vor einem Jahr in einer komplizierten und am Ende doch brotlosen Transaktion nach Dallas geholt hatte. Und einer Zukunft ohne Nowitzki. Dessen Vertrag gestattet ihm, sich in einem Jahr von den Mavericks zu verabschieden. Die jüngsten Spekulationen um Chris Paul von den New Orleans Hornets, den besten Spielmacher in der Liga, und Shaquille O'Neal, den alternden Center der Phoenix Suns, hat der Mavericks-Boss zwar dementiert. Aber sie deuten an, dass man Cuban immerhin zutraut, dass er von seiner „Bunker-Suite“ im American Airlines Center aus das Los der Mannschaft alsbald wenden will. Die Chancen sind gar nicht so schlecht, obwohl die Bilanz des Geschäftsmanns in Sachen Personalentscheidungen ziemlich mager ist.
Das liegt auch an den Gepflogenheiten der NBA, in der sich selbst langjährige Pflegefälle immer wieder erholen und dann ganz oben mitspielen. Das jüngste Beispiel sind nicht mal die Boston Celtics, die nach langer Schwächephase im vergangenen Jahr die Meisterschaft gewannen, nachdem sie durch die geschickte Verpflichtung von ausgereiften Talenten eine überragende Mannschaft zusammenstellen konnten. Das sind die Cleveland Cavaliers, die in dieser Saison den Celtics in der Eastern Conference ernsthaft die Titelverteidigung streitig machen werden und das Zeug haben, auch einen Gegner wie die Los Angeles Lakers zu bezwingen.