Keinen Meter zu viel. Per Günther lässt die Haustür hinter sich ins Schloss fallen, überquert schlendernd die Seitenstraße und setzt sich in das Ulmer Café seiner Wahl, vis-à-vis vom Wohnzimmer also. Er trägt ein T-Shirt, Basketball-Shorts, die über die Knie reichen, Schlappen. Ein stilles Wasser reicht ihm. Günther spricht unaufgeregt, fast bedächtig. An diesem Mittwoch (20 Uhr) empfängt er mit seinem Team, Ratiopharm Ulm, die Brose Baskets Bamberg zum zweiten von maximal fünf Spielen um die Meisterschaft. Auf Günther wird es stark ankommen, ob die Ulmer dem Champion, dem Favoriten zu Leibe rücken, ob sie dem Ensemble erstmals in dieser Spielzeit die Siegermentalität nehmen können. Günther, 24 Jahre alt, 1,84 Meter groß, ist der Aufbauspieler, der Kopf. „Wir können Bamberg wehtun, wenn ich dafür sorge, dass wir einfache Punkte kriegen.“
“Einfache Punkte.“ Das sagen sie im Basketball, wenn einer so frei gespielt wird, dass er ohne große Widerstände einen Korb erzielen kann. Das beflügelt den Erfolgreichen und deprimiert den Gegner. Günther soll das erledigen. Den Ball bringen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, „korbgefährlich“ sein und doch nie erkennen lassen, was er im Schilde führt. Etwa beim Schnellangriff (Fast Break), wenn die Distanzschützen zu einem „freien“ Dreipunktewurf kommen sollen. Günther wird versuchen, das Spiel nach einem Rebound unter dem eigenen Korb so schnell zu machen, dass Bamberg keine Zeit bleibt, die Verteidigung zu formieren. „Andernfalls wird es extrem schwer“, sagt er.
Der Mann für blitzgescheite Gedanken
Günther steht also für die Kontrolle des Tempos. Für schnelle Beine, flinke Hände und für die entscheidende Qualität eines Spielers seiner Position. Ohne blitzgescheite, überraschende Gedanken wird Bamberg, in drei Pflichtspielen der Saison dreimal Sieger über Ulm, kaum zu bezwingen sein. Günther, aus Hagen nach Ulm gekommen, hat an diesem Mittwoch die Aufgabe, wie ein Großmeister des Schachs die Züge zu kombinieren. Aber eben nicht halbwegs gemütlich am Brett, sondern vor 6.000 frenetischen Zuschauern in der ausverkauften Ulmer Arena, unter ständigem Zeitdruck und schärfster Bewachung.
Der Aufbauspieler, ein Kopfmensch? Günther schüttelt das rote, lockige Haupthaar. „Es kommt auf die Mischung aus Intuition und Plan an. Bei einem Fast Break hat man keine Chance, viel nachzudenken. Da läuft vieles automatisiert ab. Aber ich muss schon erkennen, ob was geht, ob ich den Ball wieder herausnehme aus dem Angriff und dann Systeme ansage. Dann ist es wichtig, vorher alles zu sehen und zu analysieren, wie die Lage ist.“ Ist das Team gerade im Rhythmus, hatte es gute Angriffe, soll es schnell abschließen oder nach ein paar schlechten Angriffen in Ruhe zu punkten versuchen? Wer ist gut drauf, wer hat einen kleinen Verteidiger? Zum Wohle des Teams muss der Playmaker ständig zwischen nützlichem Mannschaftsspiel und klugem Egoismus entscheiden. Günthers Trainer Thorsten Leibenath spricht von „herausragenden mentalen Fähigkeiten. Er macht es mir leicht.“
Ulm beherrscht 40 Spielzüge im Angriff
Leibenath verlangt absolutes Gehör bei den Ansagen und Handlungsanweisungen für die Verteidigung: „Da gibt es keine zwei Meinungen.“ Im Angriff lässt er Günther Freiräume, wenn es funktioniert. „Per“, sagt der Coach, „trifft ganz selten falsche Entscheidungen.“ Dabei ist die Fehlergefahr groß. 40 Spielzüge beherrscht Ulm im Angriff, 15, 16 werden sie gegen Bamberg einsetzen, wenn Günther das Signal gibt. Diese Erweiterung des Spiels vom bloßen Punktesammler zum Dirigenten hat er erst später entdeckt. „In der Jugend habe ich mich über Korberfolge definiert.“ Günther kann die Rolle noch ausfüllen. Im zweiten Halbfinalspiel gegen Würzburg übernahm er sie, weil der verletzte Topscorer Swann nicht spielen konnte. Das Resultat: 25 Punkte für den Deutschen.
Günther erzielt rund 16 Punkte pro Spiel
Seine Statistik in den Play-off-Spielen ist gut. Rund 16 Punkte hat er pro Spiel erzielt, fast vier Pässe im Schnitt gespielt, die zu Punkten führten. Aber diese Zahlen sagen kaum etwas über ihre Bedeutung für die Entwicklung des Spiels. Günther zeigte immer dann Wirkung, als es um die Entscheidung ging. Das haben ihm viele nicht zugetraut. Ob im nationalen Auswahlteam des Jahrgangs 1987/88, in der zweiten Liga, beim Einstieg in die erste, immer tauchten Zweifler auf, die Günther den nächsten Schritt nicht zutrauten. Jetzt spielt Günther um eine Meisterschaft, die er nur mit der hohen Kunst des Basketballs gewinnen kann: „Die Play-off-Spiele sind etwas ganz anderes als die reguläre Saison. Man trifft einen Gegenspieler drei-, vier-, fünfmal, man lehnt sich nach dem Spiel zurück, analysiert, was hat er gemacht? Wie antworte ich? Dann geht man mit einem Plan ins nächste Spiel. Das ist eine intellektuelle Herausforderung, sie macht das Spiel noch größer, tiefer.“