07.09.2009 · Was ist der deutsche Basketball ohne Dirk Nowitzki wert? Bei der am Montag gegen Frankreich beginnenden EM in Polen steht mehr auf dem Spiel als Erfolg. Es geht um den Bewusstseinswandel: Der Nachwuchs benötigt Vertrauen.
Von Anno HeckerDirk Nowitzki schwebt über der Basketball-Nationalmannschaft. Als Fahnenträger beim Einzug der Olympiamannschaft in Peking 2008, als trefflicher Dreipunkte-Schütze, als Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Dekade des Deutschen Basketball-Bundes. Die Bilder vom besten deutschen Profi in Aktion auf dem riesigen Monitor in der Karlsruher Europa-Halle wirken wie eine sehnsüchtige Erinnerung an gestern. Und sie provozieren: War es das? Nowitzki ist zum ersten Mal seit zehn Jahren nicht dabei. Er war es nicht im Testspiel gegen Slowenien am vergangenen Donnerstag und wird auch nicht beim ersten Europameisterschaftsspiel am Montag gegen Frankreich auf dem Feld stehen. Er fehlt, obwohl er gerne dabei wäre. Sein Chef Mark Cuban, der Besitzer der Dallas Mavericks, hat dem Würzburger die Freigabe verweigert. (siehe: Basketball: Veto aus Dallas: Dirk Nowitzki fährt nicht zur EM )
Weil zudem eine Handvoll Spieler der Olympia-Auswahl zurücktrat und Nowitzkis NBA-Kollege Chris Kaman auf eine EM-Teilnahme verzichtete, wird den Deutschen nun europaweit eine Existenzfrage auf dem Parkett gestellt: Was seid ihr noch wert?
Dirk Bauermanns Mienenspiel verrät Anspannung. Der Bundestrainer weiß, dass sein Team vom Montag an neu gewogen wird. Dass die Konkurrenz nach dem unfreiwilligen Rückzug Nowitzkis behauptet, den Deutschen sei die Triebfeder genommen. Aber das ist nicht das Thema. Niederlagen gegen Frankreich (Montag 19.15 Uhr), gegen Russland (am Dienstag) wären alles andere als eine Schande. Ein Sieg gegen Lettland (am Mittwoch), der Schritt in die zweite Runde, ein Erfolg.
Scouts der Gegner hatten es schwer, Daten zu sammeln
Für den charismatischen Chefcoach aber steht mehr auf dem Spiel als das Prestige in Europa. Es geht um einen Bewusstseinswandel in der Heimat, um Bauermanns Credo: „Es gibt genügend erstklassige deutsche Talente“, sagt der Meistermacher von Leverkusen oder Bamberg, „man traut ihnen nur nicht zu, in der ersten Liga eine Rolle zu spielen.“
Wenn schon nicht nationale Spitze, dann eben europäische: Es gibt wohl kaum eine Nation, die ihrer ersten Wahl gewaltigere Sprünge zumutet. Eben noch in der Provinz gespielt und nun schon gegen einen NBA-Profi aus Frankreich aufmucken? Um erfahrene Profis wie Steffen Hamann und den Rückkehrer Patrick Femerling hat Bauermann eine Jugendgruppe geschart, die in diesem Sommer erstmals das Trikot der A-Nationalmannschaft überzog.
Scouts der deutschen Gegner hatten es nie so schwer, Daten zu sammeln: Robin Benzing, Elias Harris, Tibor Pleiss? Über Zwanzigjährige aus der zweiten und dritten Liga gibt es kaum aussagekräftige Dossiers. Inzwischen sind vielversprechende Daten dazugekommen. Aus der Tiefe des deutschen Basketballs hat Bauermann ohne größere Suchaktionen ein Ensemble herausgefiltert, das in der Vorbereitung die Türkei - in der Türkei - schlug und sogar Serbien als Verlierer vom Platz schickte. Also eine europäische Basketballmacht, die sich niemals freiwillig geschlagen gibt. „Das war für mich die erstaunlichste Erkenntnis“, sagt Bauermann: „Die jungen Spieler haben sich nicht nur von Spiel zu Spiel gesteigert, sondern wir können auch schon Erfolg haben.“
Umbruch zur rechten Zeit
Vielleicht sogar in Polen. Ohne Nowitzki ist das neue deutsche Team zweifellos unberechenbarer geworden. In jeder Beziehung: Im Angriff wie in der Verteidigung, bei der Treffer- wie bei der Fehlerquote. Das ließ sich bei den abschließenden Begegnungen gegen Slowenien in Bonn (53:70) und Karlsruhe (62:74) erkennen. Gegen den selbsterklärten WM-Favoriten mit Größen aus Barcelona und der NBA wurde deutlich, dass es zum großen Wurf kurzfristig nicht reichen wird. Tempo, Spielfreude, Kampfgeist, Selbstbewusstsein und der unübersehbare Gemeinschaftsgeist aber führten den rund 3950 Fans in Karlsruhe vor Augen, was aus diesem Team eines Tages werden könnte.
Wenn es denn den europäischen Stil, die ständige Suche nach dem besser postierten Mitspieler aufgesogen hat. Deutschlands beste Szene im Angriff, eine Passstafette wie aus dem Lehrbuch bis zum erfolgreichen freien Dreipunkte-Wurf von Robin Benzing, kreierten allein die Debütanten. Das Publikum in Karlsruhe begriff. Sein Applaus nach der Niederlage war ein Vorschuss auf die Zukunft.
Der radikale Umbruch nach der Generation Nowitzki mag auch aus der Not geboren sein. Er kommt aber zum richtigen Zeitpunkt. Selbst wenn, was sich kaum vermeiden lässt, Deutschland die Qualifikation für die WM 2010 bei der EM in Polen nicht gelingt. Bauermann hat mehr im Sinn. Die EM 2011, die Qualifikation für Olympia 2012 in London, das große Finale für Nowitzki. Da ist er wieder. Und schwebt weiter über dem deutschen Team. Wahrscheinlich ist diese Form der Begleitung gar nicht so schlecht. Sie gibt seinen Nachrückern Raum und Zeit und zwingt sie, alles zu zeigen. Und sie könnte Bauermanns Theorie in der Praxis beweisen: Es fehlt nicht an guten deutschen Spielern, sondern eher an Mut oder Willen, sie in der eigenen Liga einzusetzen.