08.09.2009 · 76:73 gegen Titelverteidiger Russland: Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft ist bei der Europameisterschaft in Polen ein kaum für möglich gehaltener Sieg gelungen - vor allem, weil die Deutschen in der dramatischen Schlussphase ihre Nerven im Griff hatten.
Von Anno HeckerUnd dann lachten sie, schlugen sich auf die Brust. Diese Freude in den Augen der deutschen Spieler. Sie haben geschafft, was ihnen kaum einer zugetraut hatte. Am Dienstag besiegte die Auswahl des deutschen Basketball-Bundes (DBB) in ihrem zweiten Spiel der Europameisterschaft die Basketball-Nation Russland, den Europameister 76:73.
Das Kuriose an diesem Krimi: Die neu formierte Mannschaft von Bundestrainer Dirk Bauermann führte die allerdings geschwächten Russen teilweise vor, führte zwischendurch mit 18 Punkten und gewann doch auf den letzten Drücker dank der Nervenstärke der jungen und unerfahrenen Spieler. Mit einem Sieg gegen Lettland an diesem Mittwoch zieht das Team in jedem Fall in die Zwischenrunde ein.
Die Schwachpunkte waren wie weggeblasen
Wie am Tag zuvor gegen Frankreich begann die deutsche Mannschaft selbstbewusst. Über Nacht vergaß die Auswahl Bauermanns die schmerzhafte Niederlage gegen Frankreich in den letzten Minuten. „Ich erwarte sogar, dass sie gestärkt aus diesem Erlebnis herauskommen“, sagte der Chefcoach vor dem Spiel. Und sah sich dann bestätigt.
Wie weggeblasen wirkten die Schwachpunkte während des ersten Auftritts. Die Deutschen ließen Russland beim Rebound unter dem eigenen Korb nicht zum Zuge kommen und zeigten an der Freiwurflinie die Nervenstärke von Siegern. Tags zuvor hatte die Trefferquoten nur knapp über 50 Prozent gelegen. Ein schwacher Wert. Diesmal aber trafen die Deutschen aus fast allen Lagen.
„Wer ist denn dieser Schaffartzik?“
Und profitierten dabei wieder von der Chance eines Neuanfangs: Wer denn dieser Heiko Schaffartzik sei, soll der russische Coach Blatt gefragt haben. Die Antwort gab der 25 Jahre alter Aufbauspieler auf seine Art. Mit dem spektakulärsten Wurf des Spiels zum Ende des ersten Viertels (26:12) und mit Überblick und Einsatzbereitschaft in der spannenden Schlussphase. Schaffartzik hat das Händchen für atemraubende Dribblings und die Chuzpe, dem Europameister Dreier aus acht Metern in den Korb zu werfen - selbst wenn ihm der Verteidiger auf die Pelle rückt.
Er ist nicht nur eine wertvolle Alternative für Steffen Hamann auf der Aufbauposition, sein risikoreiches Spiel verleiht dem Auftritt der Deutschen auch noch das Gefühl bei den Zuschauern, unbedingt hinschauen zu müssen. Der wesentliche Grund für den überraschenden Erfolg aber liegt wohl in Bauermanns Strategie, seine Profis auf Verteidigung getrimmt zu haben. Zwölf Punkte gelangen Russland nur im ersten Viertel.
Benzing gelingt der große Wurf
Das lag an der erschreckenden Wurfschwäche. Aber sie wurde auch durch die energische deutsche Verteidigung provoziert. Zudem ließen Bauermanns Profis die Stars der Russen wie Aufbauspieler Sergej Bykow und den eingebürgerten Amerikaner Kelly McCarty in der ersten Halbzeit (45:31) nicht zur Entfaltung kommen. Doch die erfrischende Unberechenbarkeit der Deutschen hat - wie erwartet - zwei Seiten. Sie schwankt in ihren Leistungen.
Bykow bekam in der zweiten Halbzeit die Freiheiten, die er brauchte. Mit seinem Beutezug zum Korb schien das Spiel zu kippen (55:50). Die Deutschen wehrten sich unter anderem mit dem diesmal erfolgreichsten Jan-Hendrik Jagla (19 Punkte), bauten den Vorsprung wieder aus (60:50) und mussten doch zwei Minuten vor Schluss eine Wendung akzeptieren: Wie gewonnen, so zerronnen (68:67)?
Das hatte Bauermann unbedingt vermeiden wollen. Ein Nervenspiel mit Unerfahrenen. Aber dem zwanzigjährigen Robin Benzing gelang mit einem Dreier zum 74:69 der große Wurf. Schaffartzik angelte sich einen offensiven Rebound und Lucca Staiger schickte die an der Freiwurflinie desaströsen Russen mit zwei Freiwurftreffern als Verlierer vom Parkett.