11.09.2007 · Ronaldo Blackman, NBA-Scout und früherer Assistenzcoach der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, spricht im Interview mit der F.A.Z. über die Probleme bei der EM, Prügel auf dem Spielfeld und die fehlende Unterstützung für den Superstar.
Ronaldo Blackman, NBA-Scout und früherer Assistenzcoach der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, spricht im Interview mit der F.A.Z. über die Probleme bei der EM und die fehlende Unterstützung für den Superstar (Siehe auch: Basketball-EM: Debakel für Deutschland).
Herr Blackman, welche Mannschaften haben Sie bei der Europameisterschaft bislang überzeugt?
Die größten Favoriten sind für mich sicherlich Litauen und Spanien. Aber das Team mit dem besten Spieler ist Deutschland. Alles, was sie schaffen müssen, ist, neben Dirk noch andere Spieler zu finden, die aggressiv sind. Damit meine ich, dass sie spielen müssen wie in ihrem Klubteam.
Warum ist das so schwierig?
Im Rampenlicht zu stehen bringt sehr viel Druck mit sich. Ich weiß nicht, wer den Mut dazu hat. Die Mannschaft muss realisieren, dass ihr Anführer Hilfe braucht. Das ist nichts Neues. Aber es wird immer wichtiger, je besser die Gegner werden. Litauen oder Spanien werden Dirk nicht einfach spielen lassen. Um zu gewinnen, braucht er aggressive Helfer.
Haben Sie in Dallas dasselbe Problem?
Nein. Manchmal muss man Spielern die Freiheit zusprechen, um ihr Feuer zu entfachen. Man muss ihnen die Freiheit befehlen. In Dallas haben wir natürlich auch unsere Rollen und Anweisungen, trotzdem gibt es Spieler wie Josh Howard, Jerry Stackhouse oder Jason Terry, die immer den Abschluss suchen. Du brauchst unabhängige Typen, die trotzdem an das Team denken.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Nowitzki?
Nicht wirklich. Er ist ein Scorer, der sich treu bleibt. Er punktet hier wie in der NBA. Egal, wer gegen ihn im Eins-gegen-eins spielt, er wird verlieren. Er ändert sich nicht, deshalb muss er sich auch nicht umstellen.
Wenn Sie das aktuelle Team mit dem vergleichen, mit dem Sie als Assistenzcoach der deutschen Auswahl 2002 WM-Bronze in Indianapolis gewannen: Wo sehen Sie Unterschiede?
Der Unterschied ist, dass Dirk noch dringender Hilfe braucht. Und die Frage ist, ob es Spieler in der Mannschaft gibt, die dazu fähig sind. Und natürlich der Trainer. Dirk Bauermann hat sehr viel Ordnung in die Mannschaft gebracht.
Ist es die richtige Strategie, das Spiel langsam zu machen und den Schwerpunkt auf die Verteidigung zu legen?
Grundsätzlich sollte man als Coach die Stärken der eigenen Mannschaft in den Vordergrund stellen. Klar ist jedoch, dass man mit einem Spieler nur schwer eine gegnerische Verteidigung knackt. Außerdem sollte das Team mehr Schnellangriffe spielen.
Welche Chancen würden Sie den EM-Favoriten Litauen und Spanien in einer regulären NBA-Saison von 82 Spielen zusprechen?
Sie würden vielleicht 10 oder 20 Spiele gewinnen. Dabei geht es weniger um Talent, sondern mehr um die Frage, nach welchen Regeln man spielt. Ich könnte jetzt mit Ihnen ein Wettrennen machen, wir müssten uns aber zuerst auf eine Distanz einigen. So ist das mit der NBA und Europa. Als ich gegen Ende meiner Karriere in Griechenland und Italien gespielt habe, erfuhr ich, wie groß die Unterschiede sind. Mir unterliefen ständig Schrittfehler, außerdem hatte ich das Gefühl, ich würde verprügelt, ohne dass es die Schiedsrichter kümmert. Viele Amerikaner nehmen das nicht ernst.
Wie ernst ist es dem amerikanischen Verband, das ramponierte Image in Peking 2008 wieder aufzupolieren?
Ich denke, USA-Basketball wird unter den Besten sein. Sie werden es mit Griechenland, Spanien, Litauen und auch Deutschland aufnehmen. Seit Jerry Colangelo als Team-Manager verantwortlich ist, hat sich viel verändert. Letztlich geht es aber um die Bereitschaft des Teams. Spieler wie Kobe Bryant, LeBron James und auch Jason Kidd, die sich in diesem Sommer qualifiziert haben, werden auch für Olympia bereit sein.
Sie verfolgen bei der EM als Scout die internationalen Trends. Ist das Ihre einzige Aufgabe, oder haben die Mavericks Sie auch beauftragt, Nowitzki im Auge zu behalten?
Ich will mich auf dem Laufenden halten. Es geht darum, neue Spieler und Trends zu sehen. Dass Dirk auch hier ist, ist ein großer Bonus.
Haben Sie neue Trends ausgemacht?
Nicht wirklich. Ich habe sehr harten und technisch guten Basketball gesehen. Eine Menge Leute in Amerika haben ja immer noch nicht realisiert, dass es im Basketball längst nicht mehr nur um die NBA geht.
Haben Sie in Dallas mittlerweile das Desaster der vergangenen Play-off-Serie hinter sich gelassen?
Das wird uns begleiten, bis wir das Gegenteil bewiesen haben. Die Schmach und der Schmerz werden unser Freund sein. Egal, ob wir letztes Jahr 67 Spiele in der regulären Saison gewonnen haben, die Leute werden immer auf das Erstrunden-Aus verweisen. Diese Wunde wird noch das ganze Jahr schmerzen.
Vor dem ersten Play-off-Spiel gegen Golden State wurde Nowitzki zwei Wochen lange geschont. Später sagte er, das habe seinen Rhythmus zerstört. Bei der EM können sogar zwei Tage Pause zu lang für ihn sein. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?
Alles, was ich weiß, ist, dass die Leute in Dallas ab sofort auf ihn hören werden. Er wird keine Pausen mehr bekommen, weil er es nicht will. Dirk will immer im Krieg sein. Also schickt ihn an die Front. Für ihn sind Pausen negativ.
Die Fragen stellte Martin Fünkele.
Nach Dirk
Christian Barzel (Falke27)
- 11.09.2007, 16:59 Uhr