Elias Harris hat schon häufiger einen Vorgeschmack auf das genossen, wovon er als kleiner Junge geträumt hat. Etwa vor zwei Jahren, als er in Chicago in jener Halle spielte, in der einst Michael Jordan seine Meisterschaftserfolge errang. Eine Begegnung vor 20.000 Zuschauern, in der er vor den Kameras des amerikanischen Fernsehens spektakulär den Schlusspunkt setzte - mit dem entscheidenden Wurf dreizehn Sekunden vor dem Ende der Verlängerung.
Doch so stark der Zug des Basketballtalents aus der pfälzischen Stadt Speyer zum Korb ist, so zögerlich reagiert er seitdem auf die Lockrufe aus dem Profilager. Als er Wochen später vor der Entscheidung stand, sich für die NBA-Draft anzumelden, bei der die beste Liga der Welt aus einem großen Topf an Spielern ihren Nachwuchs auswählt, verzichtete er lieber.
Harris hatte schließlich eine andere Option: Der 22-jährige Flügelspieler, ein hervorragender Rebounder, der im Schnitt dreizehn Punkte pro Spiel erzielt, ist Stipendiat der kleinen Jesuiten-Universität Gonzaga in Spokane, einer Stadt im amerikanischen Nordwesten, nicht weit von der kanadischen Grenze. Die Hochschule hat den Ruf einer Basketball-Hochburg, der durch John Stockton begründet wurde, den Spielmacher des Dream Teams von 1992.
Abschied oder Verlängerung am College?
Doch die Zeit vergeht. Und so muss sich das 2,01 Meter große Basketballtalent aus Speyer demnächst entscheiden, wie es das Abenteuer Profikarriere anpacken will. „Nach dieser Saison weiß ich, wohin es geht. NBA, Europa, ein weiteres Jahr bei Gonzaga, alles ist möglich“, sagte Harris vor ein paar Monaten. Vieles wird davon abhängen, wie die Mannschaft - Spitzname „Bulldogs“ - beim K.-o.-Turnier um die amerikanische Meisterschaft spielt.
In den letzten beiden Jahren war dort jeweils in der zweiten Runde Schluss. Die Aufgabe ist diesmal nicht leichter. Gonzaga trifft zum Auftakt in der Runde der 64 Besten am Donnerstag in Pittsburgh auf das Team der Universität West Virginia und muss im Fall eines Sieges am Samstag an gleicher Stelle gegen Ohio State antreten - es ist einer der Favoriten bei den Buchmachern auf den Titel.
Gerede über Draft
Am liebsten würde Harris, der im vergangenen Sommer darauf verzichtete, mit der deutschen Nationalmannschaft und den NBA-Profis Dirk Nowitzki (Dallas Mavericks) und Chris Kaman (New Orleans Hornets) zur Europameisterschaft in Litauen zu fahren, die Zukunft einfach ausblenden.
Besonders nachdem er vor zwei Jahren gemerkt hatte, wie sehr ihn in dieser Situation die eigenen Erwartungen gefangennahmen. „Ich habe zu sehr darauf geachtet, wie über mich berichtet wird. In meinem Kopf lief regelrecht ein Kinofilm ab, wie es denn laufen könnte“, gab er neulich in einem Gespräch mit dem Internetmagazin „spox“ zu. Das Gerede über die Draft habe ihn „irgendwann verrückt gemacht“.
Dabei ist College-Basketball verrückt genug. Was man bereits an dem gerne gebrauchten Etikett für die K.-o.-Runde erkennt: „March Madness“ - ein vier Wochen währendes Großereignis. Jede Begegnung wird live landesweit im Fernsehen übertragen. Die Universitäten und ihre Dachorganisation National Collegiate Athletic Association (NCAA) profitieren davon im großen Stil. Der neue, auf vierzehn Jahre abgeschlossene Fernsehvertrag garantiert eine Einnahme von 10,8 Milliarden Dollar.
Erfolgsgeheimnis des College-Basketballs
Die Buchmacher machen in diesen Tagen Hunderte von Millionen an Umsätzen. Für sie ist das Ereignis, so ermittelte die „Las Vegas Sun“, so etwas wie der „Super Bowl mal vier“. Deren Favorit auf den Meistertitel in diesem Jahr: die Universität Kentucky.
Der Erfolg des Turniers basiert auf vielen Facetten. Sie reichen vom Amateurstatus der Spieler über das Traditionsbewusstsein, das Amerikaner im Umgang mit ihren Colleges pflegen, bis hin zum ausgeprägten Lokalpatriotismus vor allem in jenen Bundesstaaten, wo man meilenweit von den Metropolen entfernt lebt. Die Zuschauer wissen, dass das Spiel auf diesem Niveau nicht die Klasse der NBA erreicht.
Doch im Unterschied zu Profis, deren Spielstil eigenwilliger und egozentrischer ist, zeigen die Studenten noch Basketball der guten alten Art. Die Trainer schurigeln die jungen Spieler mit den Elementarteilen der Sportart - mit konsequentem Spielaufbau, geplanten Aktionen und einem Sinn fürs Mannschaftsdienliche.
Dreier in den Schlusssekunden
Darauf setzt Coach Mark Few auch bei Harris. „Er ist sehr viel besser geworden. In der Verteidigung, beim Rebound. Und er verfügt über unterschiedliche Mittel, um zu punkten. Vor allem auch von weiter draußen.“ Das sah man vor einer Woche bei einem Spiel gegen die langjährigen Rivalen von Saint Mary’s im kalfornischen Oakland.
Da schaffte die Nummer 20 mit einem Dreier Sekunden vor dem Schluss der regulären Spielzeit den kaum für möglich gehaltenen Ausgleich. Gonzaga verlor zwar die Partie, kann sich aber in dieser Woche rehabilitieren. Es steht einiges auf dem Spiel. Vor allem die Profipläne von Elias Harris.