02.11.2004 · Shaquille O'Neil und Kobe Bryant sind Basketball-Superstars. Meist verhalten sie sich aber wie pubertierende Teenager. Das schreibt ihr ehemaliger Trainer Phil Jackson in seinen Tagebuchaufzeichnungen über die Eskapaden der NBA-Stars.
Von Tom KromePhil Jackson ist ein Trainer ohne Klub. Trotzdem wird sein Name vor dem Saisonstart der National Basketball Association (NBA) an diesem Dienstag überall genannt. Kein Tag vergeht, an dem der frühere Coach der Los Angeles Lakers der Öffentlichkeit nicht seine Weisheiten feilbietet. Mal in Interviews auf dem Sportsender ESPN, mal in einer Plauderstunde mit Amerikas Fernsehstar Jay Leno. Jüngst druckte gar die "Los Angeles Times" auf mehreren Seiten Auszüge aus Jacksons neuem Buch "Die letzte Saison"
Fünf Jahre lang war der charismatische Typ Trainer der Lakers. Mit den Titeln Nummer sieben, acht und neun seiner Karriere zementierte er seinen Status als einer der besten Lehrmeister in der Geschichte des Basketballs. Er genießt enormes Ansehen. Aber die Entscheidung, seine Tagebuchaufzeichnungen der letzten zwölf Monate bei den Lakers zu veröffentlichen, stößt nicht gerade auf Zustimmung in der Branche. Denn Jackson entblößt dabei die beiden wohl besten Spieler der Liga: Kobe Bryant und Shaquille O'Neal.
Streit mit einem Superstar
Anlaß für den Tabubruch war eine Auseinandersetzung mit Bryant am 31. Januar. Nach dem Streit stürmte Jackson ins Büro von Lakers-Manager Mitch Kupchak und schrie: "Ich werde dieses Team im nächsten Jahr nicht mehr trainieren, wenn er (Bryant) noch hier ist. Ich hab' genug von diesem Jungen." Was war geschehen? Bryant hatte Jackson versprochen, im Trainingscenter der Lakers ein paar Runden zu laufen, weil er wegen einer Schulterverletzung nicht an den Übungen mit dem Team teilnehmen konnte. Der Trainer wartete eine Stunde, doch Bryant ließ sich nicht blicken. Wutentbrannt forderte Jackson das Management auf, den Aufbauspieler zu beurlauben und bis zum Ende der Wechselfrist Mitte Februar loszuwerden. Kupchak lehnte ab. Jacksons Schicksal war besiegelt.
Es scheint seltsam, daß Jackson seinen Job und sein Jahresgehalt von sechs Millionen Dollar aufs Spiel setzte, nur weil Bryant nicht laufen wollte. Doch die Auseinandersetzung vom 31. Januar 2004 war nur der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Viereinhalb Jahre lang hatte Jackson versucht, zwischen den Superstars Bryant und O'Neal zu vermitteln. Dreimal gewannen die zwei wohl besten Profis der Welt in dieser Zeit den NBA-Titel. Aber mit jedem Triumph wuchs nur die Besessenheit der beiden, den Erfolg für sich allein zu verbuchen.
Wie im Kindergarten
"Das Ganze nahm Ausmaße an, die vollkommen kindisch waren", schreibt Jackson. So wollte Center O'Neal beim Eröffnungsspiel die traditionellen Begrüßungsworte an die Fans richten, doch Bryant erhob Einspruch. "Jede Kleinigkeit wurde zum Duell", erzählt Jackson. "Und die beiden zogen alle anderen mit in ihre Fehde. Entweder man war auf Kobes Seite, oder man war auf Shaqs Seite. Kobe wollte sich nicht von dem Betreuer die Füße tapen lassen, der Shaqs Füße tapte, und umgekehrt. Es war absurd."
Rückblickend wirkt es wie ein Wunder, daß die zerstrittenen Lakers im Frühsommer bis ins NBA-Finale vordrangen. Und obwohl Jackson beiden Stars Vorwürfe macht, sieht er die Hauptschuld an dem letztlich kläglichen Scheitern bei Bryant. Dieser sei es gewesen, der bei einem Treffen mit Jackson und Manager Kupchak am Morgen des 18. Juni darauf bestanden habe, daß sich der Klub von O'Neal trennt. Abends verloren die Lakers das entscheidende Finalspiel gegen die Detroit Pistons. Wenige Stunden später trat Jackson zurück.
„Noch immer ein Angestellter“
Kurz darauf wechselte O'Neal zu den Miami Heat. "Ich verstehe, warum die Lakers Kobe wie ihr höchstes Gut behandeln", schreibt Jackson. "Er wird im August 26, und seine Fähigkeit, Spiele zu übernehmen und Unmögliches möglich zu machen, ist unvergleichlich. Aber man sollte sich daran erinnern, daß er noch immer ein Angestellter ist." Spätestens an dieser Stelle allerdings runzeln Kenner des Sports die Stirn. Der beste Spieler eines NBA-Teams verdient oft das Zehnfache seines Trainers - und wie anderswo in der Welt ist das Gehalt eines Mitarbeiters meist gleichbedeutend mit seinem Einfluß.
Die Geschichte der Liga jedenfalls ist voll von Beispielen, in denen Führungsspieler Personalentscheidungen treffen, ohne daß ihr Ansehen dabei leidet. Es war der legendäre Magic Johnson, der 1981 dafür sorgte, daß die Lakers ihren Trainer Paul Westhead entließen. Und auch der große Michael Jordan hatte 1989 bei den Chicago Bulls seine Hand im Spiel, als Doug Collins, der Vorgänger von Phil Jackson, seinen Hut nehmen mußte. Keiner von ihnen allerdings, weder Westhead noch Collins, kam seinerzeit auf die Idee, ein Buch zu schreiben. Beide wollten schließlich noch einmal in der Liga arbeiten - ein Wunsch, der Jackson nun womöglich verwehrt bleibt. Denn wenn eines auffällig ist an der Reaktion auf sein Buch, dann dies: Kein einziger Trainer hat bisher in Jacksons Klagelied über selbstsüchtige Spieler eingestimmt.
Vielleicht weil sie sich an eine Regel halten, die der 59 Jahre alte Coach selbst immer wieder zitierte: wie wichtig es sei, als Trainer das Vertrauen seiner Spieler zu gewinnen, wenn man Erfolg haben will. Wie weit aber werden sich Profis einem Trainer Jackson noch öffnen, wenn sie mit einer Veröffentlichung der Details rechnen müssen? Das Schweigen seiner Kollegen jedenfalls könnte auch bedeuten, daß der Titel des Buches zum Programm wird: Es war seine letzte Saison.
"Ich kann das Team führen. Wir können eine gute Rolle spielen. Die Stimmung ist großartig."
Dirk Nowitzki zur Situation in Dallas