17.04.2008 · Wenn Aberglaube im Sport ins Extreme umschlägt, entstehen in Amerika Legenden wie der „Fluch des Bambino“. Die Geschichte geht ins Jahr 1920 zurück. Auf der Spur der skurrilen Baseball-Rivalität zwischen Yankees und Red Sox.
Von Jürgen Kalwa, New YorkWenn Aberglaube im Sport ins Extreme umschlägt, entstehen in Amerika Legenden wie die vom „Fluch des Bambino“. Das war jahrelang die kuriose Erklärung dafür, weshalb die Baseball-Profis der Boston Red Sox sage und schreibe 86 Jahre lang keinen Meistertitel gewinnen konnten. Der Fluch soll entstanden sein, als der Klub 1920 einen gewissen Babe Ruth – Spitzname Bambino – an die New York Yankees verkauften. In New York wurde er zum wirkungsvollsten Baseballspieler seiner Ära und zu einem Nationalhelden. Und die Yankees wurden zum erfolgreichsten – und meistgehassten – Team der Vereinigten Staaten.
Die Red Sox haben überall loyale Fans, die denn auch im Laufe der Jahre immer wieder ihre Phantasie benutzten, um den Fluch zu brechen. So gab es jemanden, der eine Red-Sox-Kappe auf dem Mount Everest ablegte, nachdem er im Basislager eine Yankees-Kappe verbrannt hatte. Doch vermutlich verlor die Verwünschung erst im August 2004 ihre Kraft, als der Ball bei einem Home Run einem Teenager in den Rängen ins Gesicht flog und ihm zwei Zähne ausschlug. Der arme Junge wohnte nämlich in einem Vorort von Boston in dem Haus, das einst Babe Ruth gehört hatte. Denn siehe da: Wenige Monate später gewann die Mannschaft die World Series.
Männer mit Presslufthämmern
Der Sieg, dem die Mannschaft im vergangenen Herbst gleich noch einen Titel hinzufügte, hielt den Bauarbeiter Gino Castignoli letzte Woche nicht von dem Versuch ab, sich bei den Yankees zu revanchieren und ihnen endlich auch mal einen Fluch aufzuhalsen, der ihnen ähnlich lange anhängen sollte: Er warf ein Trikot von Red-Sox-Spieler David Ortiz in den frischen Beton, mit dem zurzeit das Fundament für eine neue Arena neben dem alten Yankees Stadium gegossen wird, und wünschte den Hausherren alles Schlechte.
Hätte Castignoli ein paar Monate den Mund gehalten und nicht sofort mit seiner frechen Tat geprahlt, wäre die Sache vermutlich der Stoff für neue Legenden geworden. Aber er rechnete nicht mit der entschiedenen Haltung des Yankees-Managements. Dort lässt man sich nicht so schnell sein Stadion von einem Fan des ewigen Rivalen entweihen – und man schritt sofort zur Tat. Am Sonntag rückten Männer mit Presslufthämmern an und buddelten das Trikot aus dem erstarrten Zement aus. Die Rechnung für die schnelle Abwehrmaßnahme will man Castignoli schicken. Der ließ jedoch dem Eigentümer des Klubs ausrichten, er möge persönlich bei ihm vorbeikommen und am besten noch den Catcher mitbringen. Denn den könne er am wenigsten von allen Yankees-Spielern leiden.
Glaube an schwarze Magie und den Papst
Der Staatsanwalt in der Bronx hat es abgelehnt, sich den Kopf zu zerbrechen, gegen welchen Paragraphen des Strafgesetzbuches jemand verstößt, der an schwarze Magie glaubt und eine Textilie im Beton eines Gebäudes versenkt. Die Dummen sind also letztlich die Yankees. Sie fürchten nicht nur die unsichtbare Kraft gegnerischer Trikots.
Sie leiden zudem an einem Irrglauben, der auch in diesem Jahr durch nichts gebrochen wird: dass man Meister wird, wenn man die teuerste Mannschaft weit und breit zusammenkauft. Dem Abonnements-Meister von einst geht schon seit Jahren spätestens in den Play-offs die Puste aus. Immerhin besucht der Papst auf seiner Amerika-Reise das alte Yankees Stadium. Vielleicht kann der ja für die Yankees ein gutes Wort an geeigneter Stelle einlegen.