02.11.2010 · Als sie ihre letzte Baseball-Meisterschaft feierten, war New York noch das Zuhause der Giants. 56 Jahre und einen Dopingskandal später schreibt das Team aus San Francisco wieder Geschichte.
Von Jürgen Kalwa, New YorkAls die Giants noch in Harlem spielten, wirkten sie meistens wie ein armer Stiefbruder der New York Yankees und Brooklyn Dodgers. Die Yankees waren reicher, die Dodgers populärer. Weshalb sich ins Erinnerungsvermögen so vieler Baseballfans gleich zwei Szenen unvergesslich eingegraben haben: Der Home Run von 1951 im Entscheidungsspiel gegen Brooklyn, der zum „Shot heard around the world“ verklärt wurde und jener spektakuläre Fang eines Balles von Willie Mays draußen im Outfield auf dem Weg zum letzten großen Erfolg der Mannschaft, dem Gewinn der insgesamt fünften Meisterschaft 1954.
Der Umzug nach San Francisco 1957 schien das Los des Klubs nicht wirklich zu verbessern, obwohl die bereits 1883 der National League beigetretene Mannschaft bis heute die meisten Siege aller Major-League-Teams erspielt hat. Die Mannschaft erreichte auch hin und wieder die World Series, aber dort war jedes Mal Endstation. Unter anderem in jenem denkwürdigen Herbst 1989 gegen den Ortsrivalen Oakland A’s, als kurz vor Beginn des ersten Spiels ein schweres Erdbeben die Region erschütterte und das Stadion erzittern ließ.
Renterías überraschender Triumph
Am Montagabend haben die San Francisco Giants einen dicken Strich unter all die nostalgisch angehauchten Glanzlichter gezogen und sich mit einem eigenen Beitrag in der über hundertjährigen Geschichte der Sportart verewigt. Sie gewannen die World Series gegen die Texas Rangers mit 4:1-Spielen. Viele Fans auf den Tribünen flehten den Sieg herbei mit Schildern, die die Aufschrift trugen „End of Torture“ (Ende der Qual).
Diesmal hätte eigentlich der langhaarige Pitcher Tim Lincecum, Spitzname „The Freak“, die größten Elogen abbekommen müssen. Denn die scharfen Effetwürfe des Rechtshänders hatten den Giants in gleich zwei siegreichen Begegnungen in der World Series den entscheidenden Vorsprung gebracht. Stattdessen wurde jedoch Shortstop Edgar Enrique Rentería zum wertvollsten Spieler der Finalserie erklärt. Sein auffälligster Beitrag: ein Home Run am Montagabend in der fünften Begegnung, durch den seine Mannschaft mit drei Runs in Führung ging. Das Team gewann das Spiel 3:1.
Die Entscheidung des Komitees aus Journalisten und Schiedsrichtern für Rentería als „most valuable player“ der World Series war wohl mehr eine Verbeugung vor der Karriereleistung des Kolumbianers. Denn schon einmal, 1997 im Trikot der Florida Marlins, hatte der 35 Jahre alte Rentería das gleiche Kunststück fertiggebracht und den entscheidenden Run beim auf dem Weg zum „World Champion“, wie die Amerikaner den Sieger des Duells hochtrabend nennen, erzielt. „Es ist unglaublich, dass ich die Chance dazu noch einmal bekommen habe“, sagte Rentería. Damit steht er nun in einer Reihe mit gerade mal drei weiteren Ausnahmespielern: Lou Gehrig, Joe DiMaggio und Yogi Berra – allesamt von den New York Yankees, dem mit 27 „Weltmeistertiteln“ erfolgreichsten Klub in der Geschichte der Major League Baseball.
„Wir haben viele Typen mit viel Charakter“
Weder die Giants noch die Rangers hatten sich im Laufe der Saison durch Glanztaten für die Finalserie empfohlen. Doch die Mannschaften, beide ein Sammelsurium aus Spielern, die woanders als zu teuer, zu alt oder zu unerfahren ausgemustert worden waren, setzten sich in der Post Season von American League (Texas) und National League (San Francisco) überraschend klar gegen höher eingestufte Gegner durch. „Diese verdammten Experten“, sagte San Franciscos Baseman Aubrey Huff nach dem Triumph. „Wir haben uns nicht darum geschert, dass uns niemand eine Chance gegeben hat. Diese Mannschaft ist legendär.“
Die Giants schalteten auf dem Weg in die World Series die Atlanta Braves und die Philadelphia Phillies aus. Die Rangers zogen mit Siegen über die Tampa Bay Rays und die New York Yankees zum ersten Mal überhaupt in die Finalserie ein – und galten gleich als Favorit auf den Titel. Nach der Niederlage gegen die Giants musste Trainer Ron Washington jedoch eingestehen: „Sie haben uns eindrucksvoll geschlagen – sie haben es sich verdient.“
Mantel über unrühmliches Kapitel
„Wir haben viele Typen mit viel Charakter“, sagte San Franciscos Manager, Brian Sabean. „Sie sind wie die Vereinten Nationen – eine sehr unterschiedliche Truppe. Aber sobald sie auf das Feld gehen, legen sie eine furchtlose Art an den Tag. Sie haben einen großen Willen.“ Die Fans der Giants bewiesen dagegen Zerstörungswut. Die spontanen Siegesfeiern auf den Straßen San Franciscos schlugen in der Nacht in Gewalt um. Autos wurden demoliert, Feuer gelegt und Polizisten angegriffen.
Der Erfolg der Giants deckt einen Mantel über das jüngste, unrühmliche Kapitel in der Geschichte des Klubs: Die Zeit, in der der in den Doping-Skandal um das kalifornische Balco-Labor verwickelte Barry Bonds - aufgepumpt wie ein Michelin-Männchen - das Aushängeschild der Mannschaft war (siehe: Meineid-Prozess: Bonds bereits im Jahr 2000 positiv getestet). Das Team trennte sich Ende 2007 von dem damals 43 Jahren alten Bonds, nachdem es zunächst noch von dem Rummel profitiert hatte, der sich um seinen Versuch entspann, Platz eins der ewigen Home-Run-Liste zu erreichen.
Der Ball, den er bei seinem Rekordschlag in die Zuschauerränge befördert hatte, wurde später für die Summe von 752.467 Dollar von einem Bekleidungsunternehmer ersteigert.