Home
http://www.faz.net/-gub-16rkg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bandleader Campino und Triathlet Bracht „Triumph ist nur den Sportlern vergönnt“

 ·  Fußballfan Campino spielt mit den „Toten Hosen“ in der ersten Punk-Liga. Timo Bracht ist ein Triathlet von Weltklasse. Beide eint der Hang zum unkonventionellen Leben, beide entpuppen sich als Seelenverwandte.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Campino, als Fußballfan: Was halten Sie von Triathlon?

Campino: Ich habe einen Mordsrespekt davor. Ich finde, im Ballsport läuft es von selber, nach dem Training ist man völlig geschafft, weiß aber eigentlich gar nicht, wie das passiert ist. Aber Radfahren, Laufen, Schwimmen, alleine und auf Zeit, das hat etwas mit großer Härte gegen sich selbst zu tun. Eine Disziplin, die mir Bewunderung abringt. Vor Jahren bin ich recht viel gelaufen, auch über die mittlere Distanz, 18 Kilometer, aber das war für meine Knochen nicht gut. Deshalb habe ich das nicht weiter vertieft.

Herr Bracht, was verbindet Sie mit Campino, mit den Toten Hosen?

Bracht: Ich habe sehr viel Zeit mit der Band verbracht, große Passagen meines Lebens. Die Musik hat mich begeistert. Eine rohe Gewalt, so ein Nachvornepreschen. Die Toten Hosen stehen für mich bis heute für eine Art Ideal, sein Leben unabhängig von bürgerlichen Konventionen zu leben. Das mache ich als Triathlonprofi ja ähnlich. Letztlich findet auch mein Leben fernab von Konventionen statt. Ich liege auch mal am Boden, aber ich kann auch grandiose Erlebnisse und Siege feiern, kann vor einer großen Menschenmenge stehen und Begeisterung spüren.

Gibt es eine Seelenverwandtschaft zwischen Sportlern und Musikern?

Campino: Ich habe mehrere Freunde, die Leistungssportler sind oder waren, und ich habe mit denen mehr gemeinsam als mit so manchen Musikerkollegen. Ich hätte früher nicht die Disziplin gehabt, meinen Lebenswandel wegen einer Sportart streng zu führen. Aber je härter es für uns körperlich wurde, auch altersbedingt, desto klarer wurde uns auch, dass wir psychisch und physisch anders haushalten müssen. Dass wir auch so etwas haben wie eine Saison, in der wir uns auf Konzerte vorbereiten müssen. Eine solche Vorbereitung läuft nicht viel anders ab als das, was ein Sportler durchzieht, bevor es in die Wettkampfphase geht. Auch wir quälen uns durch den Wald, nehmen das Fahrrad, machen Kickboxen und andere Dinge, um uns fit zu kriegen. Natürlich auf einem anderen Niveau, aber trotzdem eisern. Hinzu kommen noch täglich vier bis fünf Stunden Musikproben. Im Grunde leben Timo und ich in zwei verschiedenen Welten, aber ich glaube, dass es Parallelen gibt. Wir wissen, was es bedeutet, sich zusammenzureißen und auf ein Ziel hinzuarbeiten.

Eine Londoner Uni hat eine Studie veröffentlicht, wonach Rockmusik im Sport für eine Leistungssteigerung sorgen kann. Queen oder Red Hot Chili Peppers, heißt es, brächten fünfzehn Prozent. Da kann man von den Toten Hosen schon mal 20 Prozent erwarten, oder?

Campino: Das sind gute Bands. Red Hot Chili Peppers, die holen bei mir auch zehn Prozent heraus. Der Ruder-Achter hat vor dem Wettkampf oft die Toten Hosen gehört, auch mehrere Eishockeymannschaften in der Kabine. Wenn jemand einen Bezug zur Musik hat, wenn Musik ihn in bestimmte Stimmungen versetzen kann, dann funktioniert das.

Kann man Sport und Musik auch für sich alleine machen, oder macht man beides für ein Publikum, für ein Ziel?

Bracht: Ich habe in der Jugend nie als großes Talent gegolten. Der erste Leichtathletiktrainer hat zu meinem Vater gesagt: Es ist nicht schlimm, wenn du den nicht mehr bringst. Sport war für mich nichts, womit ich Ruhm erreichen wollte, sondern etwas, bei dem ich mich ausprobieren konnte. Die fetten Jahre kamen später, erst dann ging es auch darum, Erfolg zu haben, erst dann wurde es zu einem Lebensentwurf, zu einem Business.

Campino: Jeder Sportler oder Musiker startet seinen Weg zunächst nur für sich alleine, aus purem Vergnügen, aus der Leidenschaft heraus. Wer könnte schon in einem so frühen Stadium für sich beurteilen, ob es später zum Profi reicht? Das war bei uns auch so, keiner von uns hat geglaubt, dass jemals Geld übrig bleiben würde. Es gab bei uns jahrelang eine Gruppenkasse. Das bedeutete, dass man einzuzahlen hatte, nicht dass man eine Auszahlung bekam. Es lag außerhalb unserer Vorstellungskraft, dass wir jemals Geld damit verdienen würden.

Konzert und Wettkampf - sind das enge Verwandte?

Campino: Vor einem Konzert im Bandraum - das müsste absolut vergleichbar sein mit der Stimmung in einer Mannschaftskabine vor einem K.-o.-Spiel. Konzentriert, angespannt, nervös. Man will raus, man hat lange genug geübt.

Bracht: Die schlimmsten zwei Stunden im Jahr sind bei mir die Stunden vor dem Ironman in Frankfurt und auf Hawaii. Da ist es, wie wenn eine Walze über dich fährt. Du hast Angst, du weißt nicht, ob du dem Ganzen gewachsen bist, aber wenn du dann ins Wasser gehst, spürst du, dass es den anderen Profis genauso dreckig geht.

Campino: Allein in der Verantwortung stehen und niemanden haben, mit dem man eine Enttäuschung teilen kann - das ist eine ganz harte Nummer. Das Besondere im Sport ist, dass du, wenn du morgens zu einem Wettkampf gehst, nicht weißt, ob du abends als Verlierer oder als Sieger nach Hause kommst. Aber in dem Moment, wo du der Sieger bist, bekommst du einen Kick, den du als Musiker so nicht haben kannst. Ein solcher Triumph ist nur den Sportlern vergönnt. Musiker werden nie das Gefühl haben, ein entscheidendes Tor zu schießen oder auf den Schlussmetern noch einen anderen zu überholen und triumphal zu gewinnen.

Bracht: Der Wettbewerb im Sport ist manchmal unmenschlich, du musst dich Jahr für Jahr gegen immer neue Konkurrenten behaupten, kannst dir keine Zeit zum Ausruhen nehmen oder zum Feiern, die Uhr tickt immer weiter.

Campino: Auch Leute mit Gitarren in der Hand, die nach vorn kommen wollen, gibt es überall auf der Welt. Und es kann sein, dass man als Musiker den Anschluss verliert, nicht weil man zehn Sekunden zu langsam ist, sondern weil der Zeitgeist weitergewandert ist. Das ist der Unterschied zwischen Musik und klar berechenbaren Sachen wie Sport, wo dir die Zahlen ins Gesicht sagen, was Sache ist. Mal eine Frage: Alkohol, ist das absolut no go bei euch, ist das wirklich so kontraproduktiv? Oder kannst du auch mal ein Glas trinken?

Bracht: Kann ich schon, aber ich merke, dass es kontraproduktiv ist. Wenn ich in der Woche 40 Stunden trainiere, merke ich, ob ich abends zwei Bier mit Alkohol getrunken habe oder zwei ohne. Am Ende der Saison sieht das dann anders aus. Da werden dann auch mal die gewonnenen Sektvorräte vernichtet.

Campino: Bei uns hat sich das zu hundert Prozent geändert. Wenn ich mir überlege, wie wir früher auf die Bühne gegangen sind . . .

Bracht: . . . da stand ich in der ersten Reihe und habe von dir mit einem Schlauch aus dem Benzinkanister Bier eingeflößt bekommen . . .

Campino: . . . damals konnte man schon von Vollvergiftung reden. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem wir uns sagten, wenn wir alles geben wollen, können wir uns nicht auf die Bühne vor Leute stellen, die ein halbes Jahr auf dieses Konzert gewartet haben, und sagen: Sorry, wir sind nicht in Form, weil wir gesoffen haben. Das ist etwas, was ich mir nicht mehr erlauben wollte. Wir haben eine Verantwortung gegenüber dem Publikum, den Abend bestmöglich zu gestalten.

Gibt es Parallelen zwischen dem Drogenproblem in der Rockmusik und dem Dopingproblem im Sport?

Bracht: Sportlern wird von klein auf immer eingetrichtert, ihr seid Idole, ihr habt eine Vorbildfunktion, ihr müsst korrekt leben, und der Gegenpol für mich war damals die Musik, da standen Leute auf der Bühne, denen das alles egal war. Die Musik ist sehr ehrlich, die Leute müssen keine Rollen spielen, sie haben kein Organ, das sie kontrolliert. Im Sport ist Doping ein großes Problem, es bringt Chancenungleichheit.

Campino: Doppelmoral ist hier ein Riesenthema. Die ganze Schizophrenie, die darin steckt. Dass einerseits Gesellschaft und Sponsoren verlangen, dass alles völlig korrekt abläuft, andererseits immer Höchstleistungen und Steigerungen erwartet werden. Da verschwimmen die Grenzen. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das die Sportler ausbaden müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Versuchung für jeden groß ist, auch illegale, leistungssteigernde Präparate einzunehmen, wenn es um die Existenz geht, um die Karriere. Von diesem Punkt aus ist es nicht weit zu einem typischen Suchtverhalten, der Alltag wird dann von diesen Substanzen bestimmt. Wie ist das eigentlich: Du musst auch täglich angeben, wo du dich aufhältst, oder?

Bracht: Ja, klar.

Campino: Da muss ein Mann, der über 30 ist und eine Familie hat, Buch führen, wo er sich rund um die Uhr aufhält, als hätte er Hausarrest!

Bracht: Ich werde im Schnitt alle zwei, drei Wochen kontrolliert, Urin, Blut, meist morgens zwischen sechs und sieben. Dann sitzt der Kontrolleur an meinem Frühstückstisch, und ich muss Zettel ausfüllen . . .

Campino: Wahnsinn, ich würde schon nach vierzehn Tagen damit aufhören. Das ist ein unglaublicher Preis, den ein Sportler zahlen muss. Das ist ja fast schon ein Gefängnisleben. Als wäre man verurteilt und hätte einen Bewegungsmelder am Fuß.

Bracht: Ich zahle diesen Preis gern, weil es meine einzige Chance ist, nach außen darzustellen, es geht ohne Doping. Und es gehört halt zu meinem Beruf, dass ich morgens um 6.20 Uhr die Tür aufmachen muss, wenn der Kontrolleur klingelt.

Campino: Es ist der Kampf um Glaubwürdigkeit. Um Akzeptanz. Auch bei uns, bei einer Rockgruppe, geht es oft um Glaubwürdigkeit, die ist natürlich anders gelagert, da geht es mehr um ideologische Fragen. Wenn berichtet würde, dass ich heimlich Porsche führe und begeisterter Golfspieler wäre, hätte ich zum Beispiel ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wie viel trainierst du denn eigentlich?

Bracht: Anfang Juni, einen Monat vor dem Ironman in Frankfurt, war das umfangreichste Wochenende im ganzen Jahr. Ich bin freitags 170 Kilometer Rad gefahren, fünf Kilometer geschwommen und 15 Kilometer gelaufen . . .

Campino: Man fällt vom Stuhl, wenn man das hört im Verhältnis zu einem Fußballer aus der ersten Liga. Weißt du, wie viel die trainieren?

Bracht: Keine Ahnung.

Campino: Kaum länger als eine Stunde am Tag, manchmal zwei, das ist alles. Früher hatte ich in meiner Naivität immer gedacht, die würden mindestens drei Stunden am Tag trainieren und Freistöße üben oder irgendetwas. Ein Stündchen - ich war echt geschockt, als ich das hörte.

Bracht: Samstags bin ich dann 220 Kilometer Rad gefahren und 15 Kilometer gelaufen. Zwei Tage später dann 35 Kilometer Laufen, die ersten 25 in stabilem Tempo und die letzten zehn, wenn es richtig weh tut, dann in höherem Tempo.

Campino: Das ist doch irre! Warum sagen die Leute, dass wir Musiker verrückt leben? Du musst wie ein Uhrwerk funktionieren, und dann kann es sein, dass dich eine Kleinigkeit wie eine Erkältung aus dem Timing reißt.

Bracht: Ja, es gibt schon so etwas wie Existenzangst. Ich bin jetzt im Zenit, in einer Phase, für die ich zehn Jahre gekämpft habe. Wenn ich jetzt einen Ausfall hätte, einen Unfall . . ., davor habe ich große Angst.

Was passiert mit einem, wenn man im Training acht Stunden auf dem Rad sitzt?

Bracht: Du hast Phasen, wo es dir besser geht, Phasen, wo es dir schlechter geht, du bist emotional und körperlich gefordert - wenn das zusammenfindet, dann kommst du manchmal auf eine andere Ebene.

Campino: Bei allen Kilometern, die ich bisher gelaufen bin, habe ich versucht, auf diese Ebene zu kommen, und es hat nicht ein einziges Mal geklappt. Ich war immer nur im Hier und Jetzt und habe ständig geflucht: ein Mist, sich da durch den Wald zu quälen.

Bracht: Es ist nicht das Glücksgefühl, das überwiegt, das sind vielleicht zwei Prozent. 98 Prozent geht es dir mies.

Warum faszinieren Sport und Musik die Menschen so sehr?

Bracht: Musik und Religion sind gute Beispiele, wie sich Menschen von Alltagsproblemen ablenken können. Ich glaube, je schlimmer es draußen wird in der Gesellschaft, je mehr Ängste es gibt, desto mehr greifen die Menschen auch auf den Sport zurück.

Campino: Ja, aber eben nur als Konsumenten. Das ist ein Problem. Durch die Computer werden die Leute heutzutage noch mehr an ihre Stühle gebunden, und die Kids kommen noch weniger raus. Das finde ich besorgniserregend. Als ich groß geworden bin, sind wir tagelang auf der Straße oder in den Gärten rumgerannt, das findet heute kaum noch statt.

Bracht: Ich glaube, dass Sport die Leute auch wieder rausbringen, sie anpacken und mal richtig durchschütteln kann.

Campino: Ja, wenn man den Zugang dazu hat. Es gibt ja nichts Schöneres als den Moment nach einer Trainingseinheit, in der man fast zu Wasser geworden ist, das ist eine wahnsinnige Befriedigung. Den eigenen Körper so zu spüren, dazu gibt es keine Alternative.

Das Gespräch moderierte Michael Eder.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Verpasste Chance

Von Uwe Marx

Ach hätte er doch! Uli Hoeneß sagte mal im Scherz, dass er die Borussia am Aktientiefpunkt hätte kaufen sollen. Mittlerweile dürfte er den Kaufverzicht bereuen. Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik