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Ball im Netz - die Kolumne zur Handball-WM Problemzone Rückraum

Distanzwürfe als Waffe der deutschen Handball-Nationalmannschaft gehören der Vergangenheit an: Ohne Rückraum dürfte es gegen Frankreich (18.15 Uhr) im Kampf um den Gruppensieg schwer werden. Ball im Netz: Die FAZ.NET-Analyse der Handball-WM.

© REUTERS Vergrößern Ball im Netz: Die FAZ.NET-Analyse der Handball-WM

„Kopf hoch, Jungs. Das war bitter, aber es geht weiter. Jetzt müssen Erkenntnisse in Ergebnisse umgewandelt werden – das wird schon!“ Es ist eine nette Botschaft an die Nationalmannschaftskollegen, die man im blau-weiß untermalten Netzwerk da liest. Social Media macht´s möglich. Sportler können in Echtzeit am Erfolg und Misserfolg ihrer Mannschaft partizipieren – auch wenn sie selbst nicht mit dabei sind. Praktisch.

Die mehr oder minder sorgsam gewählten Worte dienen meist der Aufmunterung. Natürlich. Aber Statements wie das von Rückraumspieler Lars Kaufmann wandern schnell von der Tastatur in den Orbit des World Wide Web, wenn man selbst nicht in der Verantwortung steht.

Latente Harmlosigkeit aus dem Rückraum

Der Flensburger fordert mit seinem Eintrag auf Facebook seine Kollegen der deutschen Handballnationalmannschaft also dazu auf, Erkenntnissen Ergebnisse folgen zu lassen. Dumm nur, dass eine dieser Erkenntnisse auch seine Person betrifft: die latente Harmlosigkeit der Deutschen aus dem Rückraum. Gerade auf Halblinks, in der Bundesliga und eigentlich auch bei der Nationalmannschaft ansonsten der Wirkungskreis Kaufmanns, geht bei der Weltmeisterschaft viel zu wenig zusammen. Kaufmann entschied sich dagegen, mit nach Spanien zu reisen. Nach einer Operation am Knie habe die Rehabilitation Vorrang, hieß es in einem offiziellen Statement des Vereins.

Auch Mannschaftskollege Holger Glandorf, laut Bundestrainer Martin Heuberger „Deutschlands bester Spieler im rechten Rückraum“ musste passen, nachdem er nach mehreren Operationen an der linken Ferse (zwischenzeitlich drohte gar die Sportinvalidität) im Dress der Flensburger pünktlich zur WM eigentlich zu alter Form gefunden hatte. Doch auch in diesem Fall hieß es: Stopp, erst die Rehabilitation, dann die Rückkehr ins Trikot mit dem Bundesadler! Pech für den Bundestrainer. Dem gefiel das gar nicht. Heuberger muss gewusst haben, welche drei großen Baustellen ihn zur WM begleiten würden: RL-RM-RR. Diese Abkürzungen stehen für Rpckraum links, Rückraum Mitte, Rückraum rechts, also für die Problemzonen im deutschen Spiel.

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Der Wetzlarer Steffen Fäth und der Magdeburger Stefan Kneer wirken bis auf seltene Ausnahmen auf Halblinks bis dato chronisch überfordert – dabei ging es noch gar nicht gegen die Topnationen. Viele Bälle  werfen sie überhastet weg, sie landen beim Gegner und nicht im Tor. Es mangelt an Körpersprache, an gezielten Wurffinten, mit denen sie die gegnerischen Abwehrspieler vom Kreis weg locken und so eine Lücke in den Abwehrverbund reißen.

Einzig Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin) wusste auf dieser Position bis dato Akzente zu setzen. Dabei hatte er sich Ende November das Außenband im rechten Knie gerissen und war gerade noch rechtzeitig fit geworden. Verwundert reagierte er dann auch auf die Frage eines Fernsehreporters vor dem Spiel gegen Argentinien, ob er sich wundere, dass der Bundestrainer ihn von Anfang an bringe. Es fehlt an Alternativen im deutschen Rückraum.

Glandorfs Ausfall auf der gegenüberliegenden Angriffsseite wiegt ebenfalls schwer: Steffen Weinhold (SG Flensburg-Handewiit) und Adrian Pfahl (VfL Gummersbach) mühen sich nach Kräften, blieben im Eins-gegen-Eins, dem bedingungslosen Vorstoß an den Kreis, ein Weltklasse-Format bisher aber stets schuldig. Die Wucht, mit der die Sprungwürfe eines Glandorfs oder Kaufmanns mitunter in den gegnerischen Netzen einschlagen, zeigen ihre Nachfolger nur ansatzweise, dezent ansatzweise.

Bild Kaufmann Die Wucht, die fehlt: Kaufmann beim Sprungwurf © dapd Bilderstrecke 

Baustelle Nummer drei ist die Mittelposition. Auf dieser versucht sich Martin Strobel (TBV Lemgo) seit Jahren mit dem immer selben Unterarmwurf, sodass die Trainer den Mittelblock kaum noch darauf einstellen müssen, weil die Abwehrspieler mittlerweile selbst wissen müssten, welche Wurfvariante aus den Händen des Schwaben zu erwarten ist. Für Strobel gilt dasselbe wie für Kneer und Pfahl: Spät in die erste Reihe des DHB-Teams befördert, fällt es ihm mitunter schwer, dieser Rolle gerecht zu werden.

Michael Haaß bildet da eine positiv zu erwähnende Ausnahme: Körperlich robust ist der Göppinger Spielmacher auch in der Nationalmannschaft präsent. Er versucht das Tempo zu forcieren, zeigt keine Scheu vor dem Mittelblock. Ein Torjäger ist aber auch er nicht. Sechsmal traf er in bisher vier Spielen.

Verzicht auf Kraus

Vor der WM bot sich Heuberger die Chance mit Michael Kraus einen Weltmeister von 2007 auf dieser Position mit nach Spanien zu nehmen. Er zog sie nicht, dabei hätte der Hamburger mit aufsteigender Form gewusst, was bei solch einem großen Turnier zu tun ist – und viel wichtiger: was nicht! Dennoch steht Deutschland verdient im Achtelfinale – vor allem dank vieler Tore über Tempogegenstöße durch die Außenspieler Patrick Groetzki, Dominik Klein und Tobias Reichmann. Und angesichts stabiler Quoten vom Kreis sowie vom Siebenmeterpunkt.

Dem zaghaften Rückraum bietet sich zumindest ein Ansporn: Nicht wenige Kritiker sagen, wer in der „stärksten Liga der Welt“ (der Bundesliga) besteht, müsse sich auch bei der WM vor nichts fürchten. Im Gruppenspiel gegen Frankreich (18.15 Uhr live im WM-Ticker bei FAZ.NET) wäre es an der Zeit für die deutsche Rückraum-Achse, nach dieser Erkenntnis Ergebnisse zu zeigen. Denn Tore nach Kontern und vom Kreis werden gegen diesen scheinbar übermächtigen Gegner (Olympiasieger, Weltmeister) nicht reichen.

Quelle: FAZ.NET

 
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