Es sind diese Momente, die den Handball in seiner ganzen Herausforderung schildern - szenisch, begeisternd, artistisch. Dominik Klein rennt blitzschnell, den Blick nur nach vorne gerichtet, auf das Tor der Franzosen zu. Die Zuschauer auf den Gegengeraden stehen einer nach dem anderen auf. Wie eine Welle begleiten sie den Spurt des deutschen Linksaußen. Sie blicken gespannt zum deutschen Torhüter Silvio Heinevetter. Er wird doch nicht? Doch, er wird. Es ist die 32. Minute im WM-Spiel der Deutschen gegen Frankreich (32:30). Die DHB-Abwehr hat gerade einen der zahllos wütend vorangetragenen Angriffe der Franzosen abgefangen, da taucht Klein, und das ist seine Art, unverschämt stürmisch vor des Gegners Tor auf.
Heinevetter wirft den Ball über das gesamte Spielfeld. Es ist einer dieser Pässe, die eigentlich gar nicht beim Mitspieler landen können. Klein ist am Kreis angelangt, gerade noch rechtzeitig hebt er ab. Seine rechte Hand geht nach oben. Er hat den Ball, da tobt bereits die ganze Halle. Dabei hat er noch gar nicht abgeschlossen. Sekundenbruchteile später dreht er ab, die Brust vor Stolz aufgepustet, jubelnd beide Fäuste zur Seite gestreckt. Tor! Es sind die typischen Gesten der Außenspieler, die mit ihren Kontern überfallartig über den gegnerischen Torhütern hereinbrechen.
Dem erfahrenen Klein, dem unbekümmerten Patrick Groetzki und Neuling Tobias Reichmann fällt diese Rolle dieser Tage bei der Weltmeisterschaft in Spanien im deutschen Team zu. Sie sind die Tempomacher.. Und jeder interpretiert diesen Part auf seine eigene Art: Während Klein kompromisslos getreu dem Motto „Alles oder nichts“ abzieht, wählt Rechtsaußen Groetzki die dynamischere Variante. Klein kennt aus tausenden Spielsituationen die minimalen Lücken, die die Keeper anbieten, wenn er aus seinem Tor muss. Ansatzlos hält er drauf. Groetzki ist ein anderer Spielertyp: der Nahkämpfer. Er kommt noch mehr aus der Schnelligkeit. Wenn der 23-Jährige hochsteigt, steht er kaum einen Meter vor den Torhütern in der Luft. In Sekundenbruchteilen sondiert er die Optionen, die sich im bieten – und geht dabei beinahe auf Tuchfühlung mit Top-Torhütern wie Frankreichs Thierry Omeyer. Reichmann komplettiert das Repertoire der deutschen Tempomacher. Der Wetzlarer geht den Torabschluss nach einem Konter meist aus sehr spitzem Winkel an – in Schräglage.
Belebendes Element im Offensivspiel
Gemeinsam sind sie das belebende Element des deutschen Offensivspiels. Bemerkenswert ist, dass die meisten Kontertore in der „ersten Welle“ erzielt werden, die Deutschen also nicht in einer „zweiten Welle“ noch einmal angreifen müssen und somit dem Gegner die Chance lassen, seine Abwehr zu formieren. Gegen Montenegro (29:21) resultierte beinahe ein Drittel der deutschen Tore aus den Tempogegenstößen, gegen Frankreich traf Groetzki sechsmal. Perfekt vorgetragene Konter ähneln dabei einer Synthese zwischen konventionellem Konterverhalten und einer progressiven 6:0-Defensivformation. Die Deutschen beherzigten diese Kombination unter Regie ihres Abwehrchefs Oliver Roggisch gegen Montenegro und Frankreich. Aktiv gingen sie die Gegenspieler an, immer den unmittelbaren Ballgewinn zum Ziel. Gegen Tunesien (22:25) hatte die 6:0-Abwehr noch passiv am eigenen Kreis agiert, war mehr nebenher gelaufen, als mutig dazwischen zu gehen. Folglich verpuffte der Effekt mit den Tempogegenstößen gegen einen Gegner, der mehr Initiative zeigte.
Diese benötigt die deutsche Mannschaft an diesem Sonntag im WM-Achtelfinale gegen Mazedonien (15.45 Uhr live im WM-Ticker bei FAZNET). Denn auch die MAzedonier kommen über eine „offensive“ 6:0-Abwehr und schnell vorangetragene Konter für die sich hauptsächlich der ehemalige Balinger Bundesligaspieler Vladimir Temelkov verantwortlich zeichnet. Lassen sich auf der anderen Seite die Tempomacher nicht aus der Ruhe bringen, dürfte es für Deutschland was werden, mit dem sorgsam gewählten Ziel Viertelfinale. Und spätestens dann kann die neu zusammen gestellte Truppe von Bundestrainer Martin Heuberger nur noch gewinnen.