27.01.2006 · Ein Titel ist Nicolas Kiefer bei den Australian Open wohl nicht mehr streitig zu machen: Der deutsche Tennisprofi, der heute im Halbfinale auf den Schweizer Roger Federer trifft, ist der böse Bube des ersten Grand-Slam-Turniers des Jahres.
Von Wolfgang Scheffler, MelbourneEin Titel ist Nicolas Kiefer bei den Australian Open wohl nicht mehr streitig zu machen: Der deutsche Tennisprofi, der an diesem Freitag um 19.30 Uhr (9.30 Uhr MEZ im FAZ.NET-Liveticker) in der Rod Laver Arena von Melbourne im Halbfinale auf den Schweizer Roger Federer trifft, ist der böse Bube des ersten Grand-Slam-Turniers des Jahres.
Kein anderer ereifert sich so lautstark und unflätig über vermeintliche Fehlentscheidungen - und das, obwohl in fast allen Fällen das elektronische Linien-Überwachungssystem "Hawk Eye" den Offiziellen recht gab. Bereits viermal wurde der 28jährige Hannoveraner im Laufe des Turniers verwarnt und mit Geldstrafen belegt: Jeweils 1000 amerikanische Dollar für hörbare und sichtbare Obszönitäten in seinem Erst-Runden-Match gegen den Thailänder Paradorn Srichaphan, 3000 Dollar für unsportliches Verhalten bei seinem Achtelfinalsieg gegen den Argentinier Juan Ignacio Chela und noch einmal 1000 Dollar für seine Beschimpfung des brasilianischen Stuhlschiedsrichters Carlos Bernardes bei seinem Viertelfinalerfolg gegen den Franzosen Sebastien Grosjean. Macht 6000 amerikanische Dollar (rund 4900 Euro), die von seinem Preisgeld abgezogen werden und in den Tennis-Entwicklungshilfefonds des Grand-Slam-Komitees gehen. Kiefer kann die Geldbußen verschmerzen. Für die Halbfinalteilnahme sind ihm schon 187.800 Euro sicher.
„Wie gewinnt man häßlich“
Aber nicht nur durch seine verbalen Entgleisungen hat sich der Deutsche in Australien negativ hervorgetan und damit seine große sportliche Leistung für die Gastgeber in den Hintergrund gedrängt. Nach seinem Erfolg über Grosjean gab es für die australischen Medien nur ein Thema: Kiefers Schlägerwurf übers Netz beim Stand von 5:6 im fünften Satz und die Entscheidung des Schiedsrichters, ihm dennoch den Punkt zuzusprechen. Ganz sicher eine Unsportlichkeit, aber keine schwerwiegende, vielleicht auch eine Fehlentscheidung.
Aber sie war nicht spielentscheidend, denn Grosjean glich wenig später zum 6:6 aus. Viele Profis werfen den Schläger in die Luft, ein Zeichen, daß sie den Punkt als verloren aufgeben. Dennoch lautet im Boulevardblatt "Herald Sun" die Überschrift über zwei Seiten "Kiefer schreibt das Buch ,wie gewinnt man häßlich' neu". Die vermeintlich seriöse "The Age" aus Melbourne geht in einem Kommentar noch weiter: Unter der Überschrift "Ein Gewinner ohne Respekt" heißt es: "Kiefer ist ein unverdienter Halbfinalist der Australian Open. Er hat während seines Sieges gegen Sebastien Grosjean schlechte Manieren bewiesen, war übelgelaunt und unflätig. Seine Vorstellung kulminierte in dem unverzeihlichen Augenblick, als er seinen Schläger übers Netz warf während Grosjean dabei war, einen Schmetterball zu spielen. Für einen erwachsenen Mann war sein Verhalten verachtenswert." Der Artikel endet mit dem bemerkenswerten Satz: "Lange möge er verlieren."
Hitzkopf mit Füßen im Eiswasser
Kiefer kann froh sein, daß die australischen Zeitungen noch nicht entdeckt haben, daß der Heißsporn mit seinem neuen Trainer Sascha Nensel einen Mann an seiner Seite hat, der in seiner aktiven Zeit als Tennisprofi ebenfalls nicht zu den Gentlemen des Spiels zählte. 1992 wurde der heute 35jährige Tennislehrer nach einem Bundesligaspiel für seinen Verein HTV Hannover vom Deutschen Tennis Bund für sechs Monate gesperrt und mit einer Geldstrafe von 3500 Euro belegt. Er hatte einen Ball auf den Stuhl-Schiedsrichter gedroschen und den Mann dabei verletzt. Mit Nensel läuft sich Kiefer nach den Matches immer noch locker aus, ehe er seine Füße in Eiswasser steckt. Besser wäre es, er würde seinen Hitzkopf kühlen.