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Australian Open Spiel mit der Angst

 ·  Ein Tennisjahr ist schnell verdorben, wenn der Start bei den Australian Open schiefgeht. Angelique Kerber besteht die erste Nervenprüfung mit Bravour.

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© dpa Vergrößern Leuchtender Auftakt: Angelique Kerber gewinnt auch den Kampf gegen die eigene Aufregung

Wie gut, dass die Kollegen im vergangenen Jahr ein bisschen mit einem Boykott gedroht haben. Zumindest haben sie bei den Australian Open diesen Wink verstanden und nun vorsichtshalber die Preisgelder erhöht, vorzugsweise vor allem jene, die in den ersten beiden Runden ausgezahlt werden. In Zeiten der weltweit - wenn überhaupt - nur knappen Gehaltssprünge würde so mancher Arbeitnehmer mit dieser Steigerung ziemlich zufrieden sein: 27.600 Dollar erhält der Verlierer der ersten Runde nun, das sind ansprechende 32,7 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Denen da oben in der Tennis-Weltrangliste kann das natürlich egal sein, für die Arrivierten geht es in der ersten Runde um etwas anderes. Denen da unten aber ist damit durchaus gedient.

Es liegt in der Natur der Sache, dass in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers zuweilen große Gegensätze aufeinanderprallen. Maria Scharapowa und Olga Puchkowa haben zwar auch eine Menge Gemeinsamkeiten - sie kommen beispielsweise beide aus Russland, sind jeweils 25 Jahre, und wenn man sie als attraktiv beschreiben würde, müsste man nicht viel Widerspruch befürchten. Trotzdem aber trennen sie nicht nur 105 Plätze in der Rangliste, sondern ganze Welten. „Das war so ein Tag, an dem ich mir keine Gedanken über die Gegnerin gemacht habe“, sagte Maria Scharapowa, und viel wäre es ja auch ohnehin nicht gewesen, was die Weltranglistenzweite in diesen insgesamt 55 Minuten überhaupt hätte beschäftigen können. Sie gewann 6:0 und 6:0 und dass gerade in den ersten Runden das Preisgeld enorm gestiegen ist, dürfte sie nicht besonders interessiert haben. Für ihre Landsfrau war die „Brille“, wie die Tennisspieler ein solches Ergebnis nennen, zwar ärgerlich, aber immerhin eine lohnenswerte Sache. Ein Minutenlohn von 501,81 Dollar kann sich schließlich sehen lassen.

Erfahrung mit diesem Ergebnis haben übrigens beide, und das natürlich auch wieder aus gegensätzlichen Richtungen. Für Maria Scharapowa schloss sich am Montag ein Kreis, sie hat nun den Karriere-Grand-Slam an 6:0-, 6:0-Ergebnissen erreicht. Und Olga Puchkowa ist gerade erst eine besondere Rekordmarke losgeworden. Vor sieben Jahren hatte sie in Quebec City im Finale die „Brille“ von Marion Bartoli verpasst bekommen. Das war für lange Zeit das letzte 0:6 und 0:6 in einem Endspiel auf der WTA-Tour geblieben, bis am Sonntag der Tschechin Dominika Cibulkowa in Sydney kein Spielgewinn gegen Agnieszka Radwanska gelingen wollte. Viel Aufhebens um ihren makellosen Erfolg wollte Maria Scharapowa nicht machen. „Es ist wie ein 7:6 im dritten Satz ein Sieg, mehr nicht“, sagte sie. Könnte sie wählen, würde sie wohl trotzdem die einfachere Variante bevorzugen, denn für die Favoriten gibt es in der ersten Runde schließlich nur drei Arten von möglichen Partien: Die Niederlage, was nachweislich die schlechteste Möglichkeit darstellt, den Erfolg der Marke „Augen zu und Hauptsache durch“ und den glatten, kraftsparenden Sieg.

Nicht alle Favoriten rauschten dabei so durch das Auftaktprogramm wie Venus Williams (6:0, 6:1) oder siegten wie Novak Djokovic problemloser, als es das Ergebnis aussagte (6:2, 6:4, 7:5). Was manchmal nämlich ein wenig lähmt, ist die Angst, es könnte trotz aller guten Vorsätze schiefgehen, und das nach dieser langen Vorbereitung. So ein Tennisjahr ist ja schnell verdorben, wenn schon der Start gleich in die Hose geht.

Julia Görges, an Nummer 18 gesetzt, war fast wie erwartet ein guter Kandidat für all die Höhen und Tiefen, die in einer Erstrundenpartie lauern können. Total verkrampft sei sie gewesen, sagte sie, und was sie habe spielen sollen, sei ihr erst in den letzten beiden Spielen gelungen. Das reichte immerhin zum 7:5, 2:6 und 6:4 über die Qualifikantin Vera Duschewina. „Die Nerven machen einem manchmal einen Strich durch die Rechnung“, sagte die Bad Oldesloerin, „und dann kann man nicht so gut spielen, wie man eigentlich wollte.“ Das trägt naturgemäß nicht zu einer Beruhigung bei, führt aber zu interessanten Wahrnehmungsfehlern. „Ich glaube, ich habe in der gesamten Partie nicht einmal geatmet“, sagte Julia Görges.

„Ein Sieg ist ein Sieg“

Wie unterschiedlich je nach Sichtweise die Herangehensweise an ein solches Erstrundenspiel ist, weiß Angelique Kerber ganz genau. Es ist noch nicht so lange her, dass für sie jeder Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier die wirtschaftliche Basis für die nächsten Monate darstellte. Mittlerweile ist sie in der Eliteabteilung der Weltrangliste angekommen, und als Fünfte der Setzliste nun auserkoren, möglichst weit im Turnier zu kommen. „Das ist eine neue Situation für mich, ganz anders als vor zwei Jahren“, sagte die Kielerin, die beim 6:2 und 6:4 gegen die Ukrainerin Elina Switolina den Kampf gegen die eigene Aufregung, eine unbekannte Gegnerin und vor allem gegen den Wind trotz einiger Aussetzer bestand.

Dass dabei noch Luft nach oben blieb - geschenkt und ohne Bedeutung, wie Maria Scharapowa befand: „Ein Sieg ist ein Sieg.“ Und vor allem sind 27.600 Dollar ja auch kein schlechter Trost. Mona Barthel aus Neumünster, die als einzige der gesetzten Spielerinnen durch ein 5:7, 6:2 und 4:6 gegen die Kasachin Xenia Perwak ausschied, hätte sich sicher auch lieber irgendwie „durchgewurschtelt“.

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