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Australian Open Marathon bis zum Morgen

Novak Djokovic tut es fast leid, dass er nach mehr als fünf Stunden Außenseiter Stanislas Wawrinka besiegt. Der Schweizer bringt den Turnierfavoriten ins Wanken - und gibt sich erst spät geschlagen.

© AP Vergrößern Sieger und Verlierer nach einem epischen Duell: Djokovic (r.) tröstet Wawrinka

Gibt es einen ästhetisch schöneren Schlag im Tennis als die einhändig geschlagene Rückhand? Vermutlich nicht - vor allem, wenn sie so erfolgreich zelebriert wird wie vom Schweizer Stanislas Wawrinka am Sonntagabend in Melbourne, der erst tief in der Nacht endete. Selbst Novak Djokovic, der wie die meisten Spieler die beidhändige Variante bevorzugt, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Serbe hatte allerdings nicht nur den besten Platz, um Wawrinkas Paradeschlag zu bewundern, er musste auch am meisten darunter leiden.

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Erst nach fünf Stunden und zwei Minuten war das Spektakel vorbei, und der Weltranglistenerste und Titelverteidiger hatte nur mit allergrößte Mühe den Totalschaden im Achtelfinale abwenden können. Djokovic siegte 1:6, 7:5, 6:4, 6:7, 12:10 und gratulierte Wawrinka noch auf dem Platz zu dessen Leistung. „Er hätte es heute genauso verdient gehabt zu gewinnen“, sagte Djokovic und fühlte sich an das Finale des vergangenen Jahres erinnert. „Es ist wie vor zwölf Monaten“, sagte er - damals hatte er in einem ähnlichen Kampf nach 5 Stunden und 53 Minuten Rafael Nadal niedergerungen.

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Natürlich gab es einen großen Unterschied zwischen diesen beiden Partien. Vor einem Jahr galt Djokovic zwar als großer Favorit gegen Nadal, weil er ihn zuvor in sechs Endspielen nacheinander besiegt hatte, aber dass es trotzdem knapp und spannend zugehen könnte, hätte damals niemand ausgeschlossen. Dieses Achtelfinale aber nun schien von vornherein eine ausgemachte Sache. Im direkten Duell führte Djokovic 11:2, hatte dabei die letzten zehn Partien allesamt gewonnen.

Wawrinkas Rausch

Was also sollte da schiefgehen, was sollte nach Nadals verletzungsbedingter Absage überhaupt für Djokovic schiefgehen in der oberen Hälfte des Tableaus? In der anderen Hälfte hatte die Auslosung Roger Federer und Andy Murray zusammengeführt, und für Djokovic schien weit und breit kein Gegner parat zu stehen, der dem Serben auf dem Weg ins Finale gefährlich werden könnte.

Wer schon immer wissen wollte, was es bedeutet, wenn sich ein Spieler in einen Rausch spielt, der sollte sich eine Aufzeichnung des ersten Satzes dieser Partie besorgen. Wawrinka begann die Partie fulminant, reihte direkten Punkt an direkten Punkt, attackierte Djokovic pausenlos - und schien mit jedem erfolgreichen Schlag immer noch stärker zu werden. Nach 25 Minuten hatte der Schweizer den ersten Satz gewonnen, die Zuschauer rieben sich die Augen, und wer nun mit einer Änderung des Geschehens gerechnet hatte, musste sich getäuscht sehen.

22868631 © AP Vergrößern Geschlagen und niedergeschlagen: Stanislas Wawrinka hat verloren

Wawrinka setzte seinen Höhenflug fort, führte schon 5:2 im zweiten Durchgang, schlug beim Stand von 5:3 zum Satzgewinn auf, war beim Zwischenstand von 30:0 nur noch zwei Punkte von einer 2:0-Satzführung entfernt - und verlor doch den Faden. Wawrinka ließ einen kleinen Moment nach, versuchte vielleicht auch nur, einen Fehler zu vermeiden. Er bezahlte dafür mit dem 1:1-Satzausgleich.

Djokovic schlug zurück

Als Djokovic seine Chance witterte, schlug er zu, offenbarte keinerlei Selbstzweifel, nachdem er so lange chancenlos gewesen war - auch das ist eine besondere Fähigkeit. „Stan war die ganz Zeit der aggressivere Spieler, ich habe immer nur reagieren können“, sagte der Weltranglistenerste.

Das aber tat er auffallend erfolgreich. Der Serbe gewann den dritten Satz. In neun von zehn Fällen nehmen die Dinge dann ihren gewohnten Lauf. Nicht aber an diesem Abend, der nun endgültig zur Nacht wurde, weil Wawrinka im Spiel seines Lebens nicht klein bei geben wollte. Im Tiebreak sicherte sich der normalerweise nicht als besonders nervenstarke bekannte Schweizer den vierten Satz. Das schien auch Djokovic zu verunsichern - der Serbe startete den entscheidenden Durchgang gleich mit einem Aufschlagverlust, holte sich das Break aber im nächsten Aufschlagspiel von Wawrinka wieder zurück.

Enge Bälle

Die Rolle des tragischen Helden in diesem Tennis-Drama konnte der Schweizer beim Stand von 4:3 gerade noch verhindern, als er nach etwas mehr als vier Stunden Spielzeit Djokovic mit seinem ersten Doppelfehler in dieser Partie einen Breakball schenkte. Kurz danach erspielte sich wiederum Wawrinka einen Breakball, der vom Linienrichter aber irrtümlicherweise im Aus gesehen wurde. Es war einer der Momente, der diese Partie hätte entscheiden können - Wawrinka verzichtete aber darauf, die Entscheidung überprüfen zu lassen, was ihm einen abermaligen Breakball eingebracht hätte.

Bis zum 11:10 für Djokovic kam danach keiner der beiden mehr in die Nähe von Breakbällen. Auch bei diesem Stand schien sich für Wawrinka kein Ungemach anzudeuten, er führte 40:15. Wieder ließ Djokovic nicht locker und wurde mit Matchbällen belohnt. Den ersten wehrte Wawrinka mit einem sogenannten Service-Winner ab, den zweiten mit einem dieser Rückhandschläge, der mit 151 Kilometern pro Stunde am aufgerückten Djokovic vorbeischoss.

Den dritten aber nutzte nach einem letzten, faszinierenden Ballwechsel der Serbe mit einem zauberhaften Passierball, und um 1:43 Uhr Ortszeit war alles plötzlich vorbei. „Es tut mir leid, dass einer gewinnen musste. Er hat phantastisch gespielt“, sagte Djokovic, dessen nächstes Ziel verständlich war: „Ich möchte den ganzen Montag schlafen.“ Stattdessen wird er wohl ein wenig trainieren.

Quelle: F.A.Z.

 
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