18.01.2008 · Philipp Kohlschreiber ist die erste große Überraschung bei den Australian Open gelungen. Der deutsche Tennis-Profi zog nach einem dramatischen Fünfsatzsieg gegen den Amerikaner Andy Roddick in das Achtelfinale des Grand-Slam-Turniers ein.
Von Peter Penders, MelbourneEs gibt diese Momente im Leben eines Tennisprofis, in denen es „Klick“ macht, in denen plötzlich die Tür aufgeht und eine neue Stufe der Karriere begangen werden kann. Dass sich Philipp Kohlschreiber im vergangenen Jahr stark verbessert hatte, war auf der Weltrangliste nachlesbar gewesen, und der Aufschwung hatte im neuen Jahr angehalten. Nach dem Turniersieg in Auckland direkt vor diesen Australian Open war Kohlschreiber auf den 27. Rang geklettert, der bislang besten Plazierung in seiner Laufbahn.
Aber wer hätte ihm zugetraut, in der Night Session der dritten Runde den Weltranglistensechsten Andy Roddick nach einer unglaublichen Leistung 6:4, 3:6, 7:6, 6:7 und 8:6 niederzuspielen? „Das ist das Beste, was ich je erlebt habe“, sagte Kohlschreiber nach fast vier Stunden und blieb so, wie er sich über die gesamte Spielzeit gegeben hatte: Gefasst, beinahe schon emotionslos nach dem größten Sieg seiner Karriere.
„Leichte Punkte“ mit Urgewalt
Es ist schwierig, gegen Andy Roddick sein bestes Tennis zu zeigen, weil viele Partien des Amerikaners kaum vernünftige Ballwechsel zulassen. Mit Urgewalt hämmert der ehemalige Weltranglistenerste schließlich seine Aufschläge in das Feld seiner Gegner und gewinnt dadurch jede Menge „leichte Punkte“. Auch diese Begegnung gegen Kohlschreiber verlief nach diesem Muster, aber diesmal schien Roddick diese Strategie zunächst nichts zu nutzen. 83 Prozent seiner ersten Aufschläge erreichten ihr Ziel - den ersten Satz aber gewann der Deutsche. Wann immer es zu Ballwechseln kam, bestimmte der Augsburger das Geschehen, der einfach der bessere und wesentlich vielseitigere Spieler war. Roddick schien auf Fehler zu warten, aber der Deutsche machte kaum welche, holte sich das Break zum 5:4 und gewann den Satz dann mit eigenem Aufschlag.
Ob Roger Federer demnächst Konkurrenz aus Deutschland bekommt? Natürlich nicht im Kampf um die Krone im Tennis, aber bei der Frage, wer die schönste und effektivste Rückhand spielen kann. „Ein Weltklasseschlag, er kann damit alles machen, as er will“, urteilte Jim Courier, der ehemalige Weltranglistenerste und zweifache Australian-Open-Gewinner über den Deutschen. Dessen langfristiges Ziel ist ein Platz unter den besten zehn Spielern der Welt, „und wenn ich das erreichen will, muss ich auch einmal einen der Großen besiegen“, hatte Kohlschreiber vor dieser Partie gesagt. Doch besondere Nervosität darüber, dieses Unterfangen gleich in einer „Night Session“ als Hauptattraktion des Tages in die Tat umzusetzen, schien er nicht zu verspüren. „Man lernt das im Verlauf einer Karriere“, sagte er.
Befreiung mit unglaublichen Schlägen
Der Unterschied zwischen den Stars der Szene und denen, die unmittelbar dahinter folgen, ist nur äußerst gering. Dass Kohlschreiber eine neue Qualitätsstufe in seinem Spiel erreicht hat, machte diese Begegnung deutlich - und das wäre auch so gewesen, wenn er sie am Ende sogar noch verloren hätte. Roddick hatte zwar den zweiten Satz gewonnen, als er eine kurze Aufschlagschwäche, eine kleine Konzentrationslücke des Deutschen zum in diesem Durchgang schon entscheidenden Break genutzte. Normalerweise übernimmt der Favorit in solchen Partien danach die Initiative. Kohlschreiber aber ließ nicht nach und offenbarte im dritten Durchgang eine Stärke, die die Deutschen früher an Boris Becker so liebten: Wenn alles verloren schien, befreite er sich mit unglaublichen Schlägen.
Beim Stand von 5:5 schenkte er Roddick erst mit drei unerzwungenen Fehlern zwei Satzbälle, wehrte dann aber beide in Weltklassemanier ab. Auch Roddick behielt danach bei zwei Satzbällen des Deutschen die Nerven. Es kam zum Tiebreak, den im Zweifel immer der bessere Aufschläger gewinnt. Diesen holte sich der Deutsche, der wieder das Beste aus sich herausholte, als er es bei drei Satzbällen von Roddick brauchte und schließlich selber seinen fünf Satzball zum 11:9 im Tiebreak nutzte.
Als sei nichts gewesen
Ob er das durchhalten würde, oder ob er nun, einen großen Sieg vor Augen doch einknicken würde? Der Deutsche verlor zwar den vierten Durchgang, aber von Nachlassen konnte keine Rede sein. Es war auch unter dieser Nervenbelastung längst ein Duell auf Augenhöhe mit der Weltelite geworden. Im Tiebreak gelang dem Amerikaner (7:3) zwar diesmal der Satzausgleich, aber wieder zeigte der Deutsche keinerlei Wirkung, spielte einfach auf diesem Niveau weiter, das er noch nie zuvor erreicht hatte.
Er ist nicht als sensationeller Aufschläger bekannt und schaffte trotzdem 32 Asse, und er reihte weiter Winnerschlag an Winnerschlag. Das brachte ihn zu vier Matchbällen beim Stand von 5:4. Den ersten ließ er vom Überwachungssystem Hawkeye überprüfen - der Ball aber hatte die Linie gerade noch gekratzt. Die nächsten drei wehrte Roddick mit Assen ab. Als sei nichts gewesen spielte Kohlschreiber weiter, und wie gut er das tat, zeigte schließlich eine faszinierende Bilanz: Roddick schlug 42 Asse, soviel wie noch nie in seiner Karriere, und verlor trotzdem.
Spannender Artikel
Peter Doggen (Inuhund)
- 19.01.2008, 06:06 Uhr