20.01.2008 · Es war die längste Nacht der Grand-Slam-Geschichte: Bei den Australian Open war erst um 4.34 Uhr Ende zwischen Lleyton Hewitt und Marcos Baghtadis. Zuvor stand Roger Federer am Rande einer Niederlage.
Von Peter Penders, MelbourneEs ist spät geworden im Melbourne Park, sehr spät, als Lleyton Hewitt und Marcos Baghtadis endlich auf den Platz gehen dürfen. Diese „Night Session“ der Australian Open macht ihrem Namen alle Ehre. Um 23.36 Uhr machen sich die beiden auf den Weg zu jener Partie, auf die alle Melbourner Tennisfans den ganzen Tag gewartet hat.
Die Australier hoffen darauf, dass Hewitt endlich „ihre“ Open gewinnt, der griechisch-stämmige Zyprer Baghtadis hat vielstimmige Unterstützung durch den „Hellas Fan-Klub“, der nicht nur wegen der Auseinandersetzungen mit der Polizei zu Beginn der Woche in die Schlagzeilen geraten war.
Dauerregen wirbelt das Programm durcheinander
Aber die Fans mussten lange warten: Erst hatte Roger Federer mit seinem epischen Fünfsatzerfolg über den Serben Janko Tipsarevic den Zeitplan schon zur Makulatur werden lassen, danach mühte sich Venus Williams im Damenteil der Abendveranstaltung erst noch zu einem 7:6-und 6:4-Erfolg über die Inderin Sania Mirza.
Aber in der Rod-Laver-Arena kann wegen des schützenden Daches zumindest gespielt werden. Ansonsten hatte der Dauerregen im australischen Sommer das Programm in Melbourne am Samstag mächtig durcheinander gewirbelt und auf den Außenplätzen den Spielbetrieb unmöglich gemacht.
Auch Federer für die Verzögerung verantwortlich
Wegen des Wetters hatten vor allem der Tscheche Tomas Berdych und der Argentinier Juan Monaco einen ganz langen Tag. Angesetzt war ihre Partie am frühen Morgen um elf Uhr in der offenen Margaret-Court-Arena, später wurde sie in die geschützte Vodafone-Arena verlegt. Als Berdych seinen Matchball im vierten Satz schließlich nutzte, war es kurz vor 23 Uhr am Abend.
Für die Verzögerung in der Rod-Laver-Arena ist Federer mitverantwortlich. Als der Weltranglistenerste aus der Schweiz und sein serbischer Gegner Tipsarevic den Platz am späten Nachmittg betreten, rechnet niemand mit einem Marathonmatch. Federer hat in den letzten zehn Grand-Slam-Turnieren immer das Finale erreicht, acht davon gewonnen und ist nur in Paris 2006 und 2007 jeweils an seinem Kronprinzen Rafael Nadal gescheitert.
Federers Gegner: „Man darf keine Angst haben“
Tipsarevic steht auf Platz 49 der Weltrangliste. Seit 207 Wochen ist Federer dort dagegen das Maß aller Dinge, länger als jeder Spieler vor ihm. Aber in Melbourne lauert Gefahr: Wenn er das Halbfinale nicht erreichen und Nadal das Turnier gewinnen würde, hätte der Spanier ihn an der Spitze abgelöst. Vier Stunden und 27 Minuten später ist der Schweizer mit dem 6:7-, 7:6-, 5:7-, 6:1- und 10:8-Erfolg gerade noch einmal davongekommen. „Das sind so Tage, ab denen man nicht das Tennis spielt, das man sich wünscht“, sagt Federer danach.
Fünf Sätze hat er selten spielen müssen auf seinen Triumphzügen durch die Grand-Slam-Turniere, allenfalls in den Wimbledon-Endspielen gegen Nadal. Im vergangenen Jahr war er in Melbourne noch der erste Spieler seit Björn Borg (1980 in Paris), der sich einen der vier wichtigsten Titel ohne Satzverlust holte. Diesmal aber stand er so dicht vor dem Ausscheiden wie schon seit langem nicht mehr. Wie so etwas geht? „Man darf keine Angst haben. Man muss überzeugt sein, dass man gewinnen kann“, erklärt Tipsarevic.
Ungewohnt viele Fehler für den sonst Fehlerlosen
Das klingt theoretisch nach einem ganz einfachen Rezept, käme praktisch angesichts der Bilanz von Federer aber doch eher einem Anflug von Größenwahnsinn gleich. Offenbar aber war der Serbe tatsächlich davon überzeugt, dass er an diesem Tag Historisches würde leisten können – und wenn er insgeheim doch ein paar Selbstzweifel hatte, dann wird sie ihm sein prominenter Gegner schnell genommen haben.
64 unerzwungene Fehler leistete sich der Mann, den in der Regel sein fehlerfreies und so mühelos aussehendes Spiel auszeichnet, der diesmal aber einem Weltklasseschlag genauso krasse Fehler folgen lässt und viele Chancen vergibt. Ob er zwischendurch gedacht hätte, dass er diese Partie verlieren könnte? „Natürlich, das war ja unübersehbar, wie knapp das war. Man hofft, dass der andere irgendwann nachlässt und man durchkommt“, gab Federer zu.
„So oft komme ich ja nicht zu fünf Sätzen“
Ist der Großmeister etwa angeschlagen? „Man kann ihn besiegen, wenn man ihn beschäftigt und variabel spielt“, sagt Tipsarevic. Das allerdings ist in der jüngeren Vergangenheit selten jemanden so überzeugend gelungen wie ihm. Er hatte sich zuvor ein paar Tipps von seinem Landsmann Novak Djokovic geholt.
Das sollte Federer zumindest nachdenklich stimmen – der Weltranglistendritte hat seine ersten drei Runden mit einer bedenklichen Leichtigkeit gewonnen und könnte eine ernsthafte Gefahr für ihn werden. Fürs erste aber scheint es, als habe Federer die lange Partie sogar Spaß gemacht. „So oft komme ich ja nicht dazu, fünf Sätze zu spielen“, sagt er.
Längster Tag in der Historie des Turniers
Federer wird schlafen, als Lleyton Hewitt um 4.34 Uhr am Morgen vor Freude und Erleichterung auf die Knie sinkt, nachdem er gerade seinen fünften Machtball endlich genutzt sich vor einem Albtraum bewahrt hat. Den ersten Matchball hatte er um 3:15 Uhr vergeben, als er 5:2 im vierten Satz führte.
Nach 4:45 Minuten Spielzeit hat er Baghdatis endlich 4:6, 7:5, 7:5, 6:7 und 6:3 niedergekämpft. 5000 Zuschauer sind bis zum Ende des längsten Tages in der Grand-Slam-Geschichte geblieben und feiern beide frenetisch.