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Augentrainerin Sherylle Calder Die Seherin

08.06.2010 ·  Visualtraining spielt in Deutschland bislang keine große Rolle, anders als in angelsächsischen Ländern. Die südafrikanische Spezialistin Sherylle Calder trainiert Rugbyspieler, Cricketer, Surfer und Rennfahrer - und will mit ihrem Programm endlich auch auf deutsche Trainingspläne.

Von Marie Katharina Wagner
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Eines Tages fiel Sherylle Calder auf, dass sie den Ball immer ein bisschen früher sah als andere. Auch wenn es nur Sekundenbruchteile waren, es verschaffte ihr Vorteile auf dem Hockeyfeld. Sie müsse Augen im Hinterkopf haben, sagten ihre Gegner. Sherylle Calder wusste selbst nicht so recht, warum sie schneller war. Aber sie begann, sich für den Zusammenhang zwischen visueller und sportlicher Leistung zu interessieren – es sollte ihr Lebensthema werden.

Sherylle Calder wurde im südafrikanischen Bloemfontein geboren und studierte Sport in Kapstadt. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit der Möglichkeit, durch das gezielte Trainieren der Augenmuskulatur die Reaktionsfähigkeit zu erhöhen. Sie machte Tests mit Sportlern und kam zu dem Ergebnis, dass Augentraining in jeder Sportart zu besseren Ergebnissen führte. Sie entwickelte individuelle Trainingsmethoden, abgestimmt auf die Schwächen jedes einzelnen Sportlers. Heute ist Sherylle Calder eine der international erfolgreichsten Trainerinnen für „Visual Performance Skills“, was auf Deutsch meist als „Visualtraining“ übersetzt wird, aber anders als in den angelsächsischen Ländern noch kaum bekannt ist.

Sherylle Calder geht davon aus, dass 80 bis 90 Prozent aller Entscheidungen im Sport auf der Grundlage visueller Informationen getroffen werden. Der Rest seien vor allem akustische Informationen, etwa wenn sich ein Gegner von hinten nähere. Wenn Spieler „mehr sehen“, sagt sie, könnten sie Situationen schneller einschätzen, die verfügbaren Optionen abwägen und schließlich die bessere Entscheidung treffen. Wenn beide Augen gleichzeitig bewegt werden und schneller fokussieren, könne ein Spieler auch die Entfernung und Flugbahn eines Balles besser einschätzen.

Mehr sehen - mehr Konzentration in der Schule

Mit fast allen südafrikanischen Nationalteams hat Sherylle Calder schon gearbeitet, aber auch das australische Cricket-Team und das spanische Hockey-Team haben sie schon engagiert. Mit mancher Mannschaft reist sie monatelang von Wettkampf zu Wettkampf, um alle Spieler permanent zu betreuen. Auf ihrer Internetseite kann man Lobeshymnen auf ihr Programm nachlesen, Danksagungen von Sportlern und anderen Menschen, denen sie geholfen hat. Es klingt zunächst ein wenig befremdlich, wenn man liest, dass sie auch Rennreiter trainiert hat, Segler, Surfer und sogar ein Kind, das so sein Klavierspiel verbessern sollte.

Die Eltern eines zehn Jahre alten Jungen schreiben, ihr Sohn habe mit dem Programm begonnen, um ein besserer Wellenreiter zu werden. Er sei in der Tat besser geworden, aber nicht nur im Surfen, sondern auch in der Schule, weil er sich plötzlich besser konzentrieren konnte. Sherylle Calder bestätigt das. Mit besserer Fokussierung steige automatisch auch die Konzentrationsfähigkeit.

Während Sherylle Calder am Anfang ihrer Laufbahn noch jeden Sportler einzeln betreute, hat sie inzwischen ein Computerprogramm entwickelt, das es ihr ermöglicht, Kunden auf der ganzen Welt zu erreichen. In spielerischen Aufgaben wird etwa die Reaktionsschnelligkeit geübt – für einen winzigen Moment sieht man da eine Handvoll Symbole und muss per Mausklick die zwei identischen identifizieren. Als jemand, der seine Augen bisher nicht trainiert hat und zudem viel Zeit vor Computern verbringt, erzielt man zu Beginn niederschmetternde Ergebnisse. Vielleicht ist das indes auch ein guter Trick, um neue Klienten zu gewinnen. Jedenfalls gilt: Wer einmal angefangen hat, muss auch dabeibleiben – denn wie jeder Muskel bleiben auch die Augen nur leistungsfähig, wenn sie regelmäßig trainiert werden.

Deutsche Geheimniskrämerei

Während in Amerika, Kanada oder Australien visuelles Training längst zum offiziellen Trainingsplan vieler Sportler gehört, ist der deutsche Leistungssport davon noch weit entfernt. Sherylle Calder hat sich vorgenommen, das zu ändern. Es gebe bereits Interesse von drei Torhütern aus der Bundesliga, sagt sie, nur leider dürfe sie noch keine Namen nennen. Sie dürfe ohnehin oft niemandem erzählen, wen sie trainiere, manchmal sogar ihrer eigenen Familie nicht. „Für die Sportler ist es ein Geheimtipp“, sagt Sherylle Calder, „und natürlich wollen sie den nicht mit anderen teilen.“ Auch von Real Madrid heiße es, die Spieler trainierten ihre Augen, aber genau wisse man das nicht.

In zehn Jahren, davon ist Sherylle Calder überzeugt, ist Visualtraining für niemanden mehr ein Geheimtipp. Dann, sagt sie, wird es normaler Bestandteil eines jeden Trainingsplans sein – wie das Konditions- und Krafttraining auch. Inzwischen weiß Sherylle Calder auch, warum sie als junge Hockey-Spielerin besser war als ihre Gegner. Schon als Kind konnte sie an keinem Stein vorbeigehen, ohne ihn aufzuheben und auf ein Ziel zu werfen. Sie jonglierte mit allem, was sie fand. Von klein auf trainierte sie ihre Augen wie den Rest ihres Körpers – und sah dadurch immer schon ein bisschen mehr und ein bisschen schneller als die anderen.

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Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

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