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Asien-Spiele Wunderkinder, Straßenkinder

11.12.2006 ·  Indien ist auf dem Weg zur Wirtschafts-Großmacht. Aber im Gegensatz zu China, das sportlich einen riesigen Sprung nach vorn gemacht hat, ist der Sport in dem an Bevölkerung zweitreichsten Land eine Sache der Reichen.

Von Michael Ashelm, Doha
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Die einen witterten die Sensation, doch viele Inder waren eher unangenehm berührt, mit welch schlechten Schlagzeilen sich die heimische Sportszene mal wieder auseinandersetzen mußte. Da hatte doch ein skrupelloser Trainer im östlichen Bubaneshwar den hochbegabten, aber erst vier Jahre alten Slumjungen Budhia Singh zu einem Laufrekord gehetzt, bis dieser nach sieben Stunden und 65 Kilometern völlig entkräftet auf einer Straße zusammenbrach.

Wie später herauskam, hatte die verwitwete Mutter den kleinen Budhia für umgerechnet 15 Euro an einen Straßenhändler verkauft. Auf diese Wunderkinder könnte der indische Sport gerne verzichten, hat er doch schon genug damit zu tun, gegen seinen schlechten Ruf anzukämpfen.

Unterentwickelte Sport-Nation

Das bevölkerungsreichste Land nach China, eine Wiege der Zivilisation, welche herausragende Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder den Nobelpreisträger Tagore hervorgebracht hat und als ökonomische Supermacht von morgen gilt, gehört in der Sportwelt zu den völlig unterentwickelten Nationen. Bis zum letzten Wettkampftag der Asien-Spiele am Freitag wird sich auch in Doha nicht mehr viel verändern.

Mit einigen Ausnahmen hängen die Athleten vom asiatischen Subkontinent weit hinterher. Kleine Länder wie Taiwan, Thailand oder Kasachstan sind besser, ganz zu schweigen von Japan oder Südkorea. Und es ernsthaft mit China aufnehmen zu wollen wie auf den Weltmärkten, das erschiene jedem Inder lächerlich. „Ich glaube, die Chinesen investieren mehr in den Sport als wir in unseren Verteidigungshaushalt“, sagt Thakur Ram Lal, einer der höchsten Sportfunktionäre des Landes und in Doha Chef de Mission.

Sania Mirza - ein großes Tennistalent

Aber was macht indische Athleten so wenig wettkampftauglich in den populärsten Disziplinen des globalen Sports? „Von den 500 Mädchen, mit denen ich in der Jugend angefangen habe, Tennis zu spielen, sind die meisten heute verheiratet“, sagt Sania Mirza. Sie ist gerade zwanzig Jahre alt geworden und wie der vierjährige Budhia auch ein sogenanntes Wunderkind des indischen Sports.

Allerdings im besten Sinne, hatte sie sich doch im vergangenen Jahr als erste Inderin unter die stärksten weiblichen Tennisprofis gespielt – bis auf Platz 31 der Weltrangliste. Bei den Asien-Spielen scheiterte sie mit ihren Landsfrauen im Mannschaftsfinale an den Taiwanesinnen.

Mangel an Konzepten

Gesellschaftliche Zwänge, Traditionen, ein unüberwindliches Kastenwesen, der Mangel an Disziplin und Härte, verschiedene religiöse Einflüsse, eine Abwertung körperlicher Leistung im Hinduismus, Sportlichkeit als ungeliebte Attitüde der früheren Kolonialherren, das Klima: es gibt genug Gründe, um die schwachen Sportresultate zu erklären. Und die junge Tennisspielerin Sania Mirza, eine Muslimin aus Hyderabat, hatte es wirklich schwer, als Frau im Sport ihre Position zu erringen. Islamische Geistliche belegten sie mit einem religiösen Bann, Fanatiker zündelten vor dem Haus ihrer Eltern, weil sie bei der Ausübung ihres Sports kurze Röcke und knappe T-Shirts trägt.

Der Kern der indischen Misere im Sport liegt jedoch anderswo, findet Randhir Singh, einst Schütze bei sechs Olympischen Spielen und nun Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee. „Uns fehlen Konzepte“, sagt er, wo doch den Indern ein Talent für Manöver und Strategie nachgesagt wird. Aber noch nie sei wirklich versucht worden, Spitzensport zu organisieren, wie es die Chinesen perfektionistisch machten für ihr großes Ziel Peking 2008. Es gebe keine Trainingszentren, keine Stützpunkte, keine systematische Talentsuche, keinen geregelten Schulsport. Kleine, wenn auch bizarre Anschubhilfen scheiterten schon im Ansatz, wie Trapezkünstler zu Turnern zu machen oder die Nachfahren äthiopischer Einwanderer aufgrund hoffnungsvoller genetischer Tests als Läufer für die Leichtathletik zu gewinnen.

Lauter Solisten

Die wenigen Erfolge – abgesehen vom höchst populären Volkssport Cricket – entspringen ausschließlich starkem Einzelengagement. Vor allem in den bessergestellten Bürgerschichten, die sich den Luxus des Sporttreibens leisten können. Das war schon bei den Tennis-Brüdern Amritraj in den Siebzigern so.

Und auch heute: Die ehrgeizige Mutter brachte den Schach-Weltmeister Viswanathan Anand mit sechs Jahren ans Brett. Der Vater des Formel-1-Fahrers Narain Karthikeyan ist ein wohlhabender Textilunternehmer. Und auch Sania Mirza entstammt wohlsituiertem Hause. Indien habe eben „andere Prioritäten“, sagt Thakur Ram Lal. Es sorge sich vornehmlich um seine Infrastruktur, den Aufbau eines Schienen- und Straßennetzes, die Hilfe für die ärmliche Landbevölkerung und Alphabetisierung der Bevölkerung – um das Land fit zu machen für eine globalisierte Wirtschaftswelt.

Kein Auftrag, kein Geld

Sport gehört nicht zum politischen Auftrag, damit fehlt Geld. Das zerstört alte, traditionsreiche Dominanzen. Über Jahrzehnte regierten die Inder im Herren-Hockey, gewannen acht olympische Goldmedaillen. Bei der WM in diesem Jahr in Deutschland wurden sie abgeschlagen Vorletzte. Und wo Geld ist, kommt die Korruption ins Spiel; Sportgeräte wie Räder oder Segelboote kommen oft erst gar nicht bei den Athleten an.

Dabei üben sportliche Höchstleistungen wie woanders auch eine Faszination aus auf das Riesenvolk. Gute Cricketspieler werden hofiert und umlagert wie die Popikonen aus der schrillen Hollywood-Kinowelt. Gerade erst kaufte sich eine Agentur die Fernsehrechte am indischen Cricketmarkt für über 600 Millionen Dollar.

Kick it like Beckham

Mehr als 150 Millionen Inder sollen dieses Jahr die Fußball-WM am Fernsehen verfolgt haben, und es war eine indische Regisseurin, die mit „Kick it like Beckham“ einen der erfolgreichsten Fußballfilme drehte. Jetzt investieren sogar die Megareichen nach dem Vorbild der russischen Oligarchen in den Fußball, wie der Stahlmilliardär Pramod Mittal, der vergangene Woche neuer Eigentümer von CSKA Sofia wurde.

Sania Mirza sieht einen „Wandel im Denken“. Doch eine breitangelegte Offensive heraus aus der Starre ist nicht zu erkennen. So lange müssen sich die Inder eben erfreuen an den kleinen Triumphen im Sport, die sie ganz groß feiern. Wie im Kabaddi, einem gänzlich unbekannten Fangspiel, bei dem sie in Doha Beste wurden – unter fünf teilnehmenden Nationen.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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