Home
http://www.faz.net/-gub-ur00
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arthur Abraham König von Bamberg mit Gold in den Fäusten

29.05.2007 ·  Die Schattenseiten in seinem Leben glaubt „König Arthur“ hinter sich gelassen zu haben. Nie wieder arm, nie wieder heimatlos und am liebsten natürlich auch nie wieder verletzt oder krank. Vom Asylbewerber zum Nationalhelden: Box-Weltmeister Arthur Abraham.

Von Hans-Joachim Leyenberg, Bamberg
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Die weiche Stimme will nicht zur Urgewalt seiner erbarmungslosen Schläge passen. Vor einer Stunde hat Arthur Abraham dem Herausforderer Sebastian Demers den K.o. versetzt. In Runde drei. „Ich habe keine andere Wahl - ich musste gewinnen.“ Der IBF-Weltmeister im Mittelgewicht sitzt nun da und versucht ein Gefühl zu beschreiben, „das man nicht beschreiben kann“. Er ist wieder da.

Wieder da nach seinem doppelten Kieferbruch, erlitten bei seinem letzten WM-Kampf im September gegen den Kolumbianer Edison Miranda. Aber das ist nicht sein Thema. Obwohl noch zwei Titanplatten samt 22 Schrauben den Unterkiefer stabilisieren. Nein, nichts habe er gespürt, er habe nicht einmal daran gedacht. Das Duell damals in Wetzlar „war nicht schön - hat mir leid getan für Mama und Papa“. Das viele Blut, die Sorge um die Gesundheit.

Nie wieder arm, nie wieder heimatlos

Die Schattenseiten in seinem Leben und damit im Leben der gesamten Familie glaubt Arthur Abraham hinter sich gelassen zu haben. Nie wieder arm, nie wieder heimatlos und am liebsten natürlich auch nie wieder verletzt oder krank. Er ist ja so stolz, ausgerechnet „hier in Bamberg meine Rückkehr feiern zu können“. Er und die Abrahamyans, wie die Asylbewerber aus Armenien seinerzeit hießen, waren damals, in den viereinhalb fränkischen Jahren, allenfalls geduldet.

In der Nacht zum Sonntag aber ist Arthur Abraham als „König Arthur“ in die Arena eingezogen. Mit einer Krone auf dem Haupt als äußeres Zeichen seiner Regentschaft und einem entsprechenden Mantel. In der Stadt blickte der Weltmeister auf Plakate mit seinem Porträt. „Bei ihrem Anblick bekam ich eine Gänsehaut.“ Der bis zur Geisterstunde um Mitternacht noch unbesiegte Kanadier Demers hat Abraham nichts anhaben können. Aber die Erinnerung daran, wie es einst in Bamberg war und wie alles gekommen ist.

„Mit 40 will ich 50 Millionen“

Heute, mit 27 Jahren, ist Arthur Abraham ein gemachter Mann. In der Präsidentenmaschine, begleitet von einer Ministerriege und einem Clan von Verwandten, ist der Weltmeister am Sonntag um sechs Uhr morgens nach Eriwan aufgebrochen. Die Landung des Jets ist wie immer, wenn der Champion heimatlichen Boden betritt, live im dortigen Fernsehen übertragen worden. Er hat zwar die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, aber für Armenien wird Arthur Abraham immer der Sohn bleiben, der auszog, um sein Glück zu machen.

„Ich werde ein Leben lang dankbar sein“, stellt Abraham in der ersten Morgenstunde des Sonntags klar und sucht dabei den Blickkontakt zu Trainer Ulli Wegner und Manager Wilfried Sauerland. Eines Tages hatte der Amateurboxer samt seinem Bruder Alexander vor der Tür des Sauerland-Camps gestanden und seine Dienste angeboten. Als Sparringspartner, für wen auch immer. Für ihre Halbseligkeiten reichten zwei Plastiktüten. „Wer weiß, wo ich heute wäre?“, stellt der alte und neue Weltmeister eine rhetorische Frage, auf die es natürlich keine Antwort gibt. Ein Dasein ohne Gold in den Fäusten, ohne das Blut von Wetzlar, das seiner Karriere eine Signalfarbe gab wie nie zuvor.

König Arthurs armenische Tafelrunde

Die Titanplatten und die 22 Schrauben werden noch ein paar Kämpfe dort bleiben, wo sie sind. Kämen sie raus, wäre wieder eine Schonfrist fällig, die Abraham nicht haben will. Er schmiedet sein Glück oder das, was er dafür hält. „Ich möchte keine Pause, ich will gut leben.“ Er besitzt Eigentumswohnungen, fährt S-Klasse, trägt Maßanzüge. Dem „Stern“ hat er die Eckdaten seiner nahen Zukunft genannt: „Mit 40 will ich 50 Millionen.“

Der nächste Zahltag ist am 18. August fällig. Das Management hatte mit einer Pflichtverteidigung gegen Miranda kalkuliert und die Berliner Waldbühne vorgebucht. Aber der Peiniger von Wetzlar hat unlängst selbst verloren. Nun werden die Karten für den potentiellen Herausforderer neu gemischt. Sauerland kündigt „einen Australier“ an und klingt dabei so, als seien alle anderen Namen im Mittelgewicht Schall und Rauch.

Das Asylantenheim? Ein anderer Planet

„Arthur war noch nie so gut“, hat selbst der strenge Wegner gesagt, den Abraham stets „Herr Trainer“ nennt. Dabei blickt er so schelmisch drein, als verspräche er sich mit der Respektbezeugung einen Bonus bei der Trainingsfron. „Mein Sparring war zehnmal härter als dieser Kampf“, sagt Abraham beim Blick zurück. „Genieße und bleibe auf dem Teppich“ erwehrt sich Wegner des Schmeichlers.

In einer Woche, so hat Arthur Abraham versprochen, stehe er wieder auf der Matte. Aber bis dahin wird aufgetischt. Im Séparée des VIP-Raums der Arena zu Bamberg, abgeschirmt hinter Grünpflanzen, lässt König Arthurs armenische Tafelrunde schon mal die Gläser klingen. Stilvoll. Mit Kandelabern auf dem Tisch, Stoff- statt Papierservietten wie beim gemeinen Volk. Das Asylantenheim? Es muss ein anderes Jahrhundert, ein anderer Planet gewesen sein.

Quelle: F.A.Z., 29.05.2007, Nr. 122 / Seite 30
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1943, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr