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Arthur Abraham im Gespräch Wer ist der beste Boxer aller Zeiten, Herr Abraham?

21.06.2008 ·  Bei seinem Kampf gegen Edison Miranda vor knapp zwei Jahren wurde dem Profiboxer Arthur Abraham zweifach der Kiefer gebrochen. Nun tritt er noch einmal gegen Miranda an. Ein Interview über Deutschland, Amerika, Mike Tyson und Muhammad Ali.

Von Michael Lentz
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Arthur Abraham strahlt große Ruhe aus beim Treffen im Max-Schmeling-Gym, der Heimstätte des Sauerland-Boxstalls in Berlin. Bevor es losgeht, besteht er darauf, geduzt zu werden.

Kann man Gewinnen trainieren?

Gute Frage. Eigentlich muss man es sogar trainieren. Trainiert man es nicht, hat man es nicht im Kopf und innerlich keinen Siegeswillen, dann gewinnt man nie. Wenn man richtig gut trainiert und wenn man denkt: „Ich bin der Stärkste, ich trete an, um zu gewinnen“, dann gewinnt man auch, davon bin ich überzeugt.

Bei deiner ersten Pflichtverteidigung als Weltmeister im Mittelgewicht nach Version der IBF hat dir dein kolumbianischer Gegner Edison Miranda am 23. September 2006 den Kiefer doppelt gebrochen. Als erster Profiboxer, dem während des Kampfes der Kiefer gebrochen wurde, konntest du den Kampf dennoch für dich entscheiden. Hast du die beiden Titanplatten und die 22 Schrauben noch im Kiefer?

Ja, alles ist noch drin. Erst wenn ich dazu Zeit habe, kommt es wieder raus. Der behandelnde Arzt sagte mir, das könne ich ein Leben lang drinlassen. Ich möchte wegen einer Titanplatte nicht mehrere Monate Zeit verlieren.

Jetzt steht in den Vereinigten Staaten der Rückkampf gegen Miranda an. Was steht für dich auf dem Spiel in Amerika?

Meine Zukunft.

Was ist die Zukunft?

Wie danach meine Boxkarriere weitergeht. Wenn ich gewinne, habe ich die Chance, in Amerika ganz groß rauszukommen und viel Geld zu verdienen, mir einen sehr guten Namen zu machen. Ich will Kelly Pavlik oder Óscar de la Hoya boxen, die in meiner Gewichtsklasse sind. Das ist für mich ein Ziel. Wenn ich das schaffe, bin ich einen Schritt weiter.

Ist Óscar de la Hoya nicht langsam zu alt?

Das würde ich nicht sagen. Wie alt ist er? 37? Warum ist er alt? Es gibt gute Boxer, die sind vierzig. Bernard Hopkins ist mittlerweile 43 Jahre alt. Joe Calzaghe hat er im April in der ersten Runde am Boden gehabt.

Die Boxer werden also auch immer älter?

Natürlich. Es ist ein Geschäft. Man denkt: „Dieses oder nächstes Jahr höre ich auf“, aber wenn man lange Sport getrieben hat, kommt man nicht einfach so los davon. Was soll man machen? Essen und Trinken ist doch nicht alles. Okay, wir haben Geld. Aber zu Hause sitzen und Fernsehen schauen oder jeden Tag Urlaub machen, am Strand liegen oder Jet Ski fahren, das ist doch nicht alles im Leben. Man muss doch eine Beschäftigung finden, an der man Spaß hat. Wenn einer 20 oder 25 Jahre geboxt hat, was soll der danach machen? Deswegen kommen die Leute nicht weg von dieser Sportart. Bis irgendetwas passiert, dass man sich sagt: „Jetzt kann ich nicht mehr, jetzt muss ich aufhören.“ Man muss die Grenze kennen.

Denkst du auch selbst schon in diesem Sinne an die Zukunft?

Ja, natürlich. Ich bin jetzt 28 und möchte noch fünf, sechs Jahre weitermachen.

Was kommt dann?

Danach plane ich, mich im Immobilien- und Flugzeugbereich zu etablieren. Ich habe schon ein bisschen damit angefangen, damit ich, wenn ich aufhöre, schon eine Beschäftigung habe. Ich möchte nicht kämpfen müssen, weil ich Schulden habe.

Du hast auch ein Fernstudium in internationalem Management absolviert.

Das habe ich in Armenien studiert. Mein Bruder und ich mussten studieren, weil unsere Eltern uns dazu erzogen haben. Ich habe einen sehr guten Hauptschulabschluss, dann habe ich hier einen Berufsschulabschluss gemacht, Schreiner gelernt, und dann war ich noch sechs Monate in der Realschule. Danach musste ich zurück nach Armenien, weil ich unbedingt zur Olympiade wollte. Dann haben wir dort studiert. Ich hätte nie gedacht, dass ich Profiboxer und so erfolgreich werde.

Hast du schon in Armenien Deutsch gelernt?

Nein, erst in Deutschland. In zwei Jahren habe ich den Hauptschulabschluss geschafft. Das erste Jahr habe ich Deutsch gelernt, das zweite Jahr den Abschluss gemacht.

War das schwierig?

Sehr schwierig. Der, die, das – das ist immer schwer. Meiner, meine, meinen – das ist die einzige Sache, mit der ich mich quälen muss.

Und jetzt?

Ich habe kein Problem mehr. Aber man lernt natürlich immer noch etwas dazu. Sogar die Deutschen beherrschen die Sprache nicht perfekt. Und ich, ich möchte immer perfekt sein, ich mag keine halben Sachen.

Zurück nach Amerika. Den ersten Kampf gegen Edison Miranda hast du gewonnen. Das für den Rückkampf vereinbarte Gewichtslimit liegt bei 75,3 Kilo; das liegt zwischen Mittelgewicht und Supermittelgewicht, ist somit keine offizielle Gewichtsklasse. Es geht also um keinen Titel. Du nimmst die Aufgabe trotzdem außerordentlich ernst. Steht für dich Amerika im Vordergrund oder Miranda?

Ich denke zuerst an Amerika, um in das große Geschäft einzusteigen, dann an Miranda. Das letzte Mal konnte ich nicht alles beweisen, was ich wollte, und das liegt mir nun am Herzen. Amerika ist neben Deutschland meine Zukunft. Ich bin in Deutschland groß geworden, hier bin ich Weltmeister geworden. Deutschland wird für mich mein Leben lang die Nummer eins bleiben. Aber Amerika ist für das Boxgeschäft interessant.

Da ist also noch eine Rechnung offen.

Nein, ich habe doch gewonnen. Aber ich konnte den Fans nicht alles zeigen. Das ist so eine Art Zuschlag, dann kann ich nachts besser einschlafen.

Hat Miranda noch eine Rechnung offen?

Auf jeden Fall. Er hat gesagt, dass er mich in der sechsten Runde k.o. schlägt.

Aber müsste er nicht etwas fairer boxen?

Es interessiert mich nicht, wie er boxt. Natürlich versucht er mit allen Mitteln zu gewinnen, aber wenn er zu frech wird, dann boxen wir eben doppelt frech.

Der Kampf gegen Miranda findet in Hollywood, Florida, statt. Du boxt zum ersten Mal da. Wie willst du dein Publikum gewinnen?

Mit meinem Stil, meinem Kampf. Ich kann nicht etwas anderes machen als das, was ich kann. Ich mache das so, wie ich bin, und das Publikum entscheidet. Zwei, drei Runden kannst du wie ein anderer sein, aber zum Schluss bist du, wie du bist. Dann vergisst du alles.

Boxen wird zwar oft unterschätzt, ist aber eine Kunst ...

Auf jeden Fall!

Ist es dann auch eine Kunst, den Gegner als jemanden zu betrachten, der als Teil der Kunst dazugehört? Hat man kein Mitleid mit ihm?

Was für Mitleid? Es geht um Sport. Wenn du mit jedem Mitleid hast, hast du verloren. Man macht seinen Sport, das ist meine Arbeit, und danach sind wir wieder ganz normale Menschen. Danach unterhalten wir uns. Okay, mit Miranda habe ich mich nicht unterhalten, will ich auch nicht, aber mit anderen, die etwas mehr im Kopf haben, möchte ich schon reden.

Miranda war nicht besonders sympathisch?

Nicht besonders? Er war sehr unsympathisch.

Aber gibt es dann auch Freundschaften?

Freundschaft nicht, aber guten Kontakt und Respekt sowieso. Wer ohne Respekt gegen den Gegner boxt, verliert hundertprozentig.

In deinen letzten Kämpfen hast du die ersten Runden immer sehr verhalten geboxt. Dein Trainer Ulli Wegner hat dich oft aufgefordert, mehr Druck zu machen, offensiver zu sein. Man sieht das auch im Film „Es geht um alles“. Ist das eine Taktik: abzuwarten, den Gegner zu studieren?

Das ist meine Taktik. Ich kann nicht einfach unüberlegt anfangen zu schlagen, sondern ich beobachte den Gegner, gucke, wo seine Stärken sind. Ich brauche Zeit, beobachte ihn, schaue: Wo ist er offen? Kann man den Bauch treffen oder den Kopf? Von links oder von rechts? Die Distanz muss passen. Du musst ihn schon so weit haben, dass du ihn treffen kannst, nicht auf ihn fällst, dass er nicht kontert. Das ist schwer zu erklären, es ist halt ein Gefühl. Wer das bessere Gefühl hat, der gewinnt. Ein Schachspieler hat Zeit zu überlegen. Ein Boxer muss in Sekunden reagieren.

Ist das eine deiner Stärken, dass du den Gegner auch programmatisch erfassen kannst?

Meine Stärke ist, dass ich einfach nicht verlieren möchte.

Was macht man, wenn das nicht gelingt, wenn der Gegner nichts offenbart?

Dann versucht man, nach Punkten zu gewinnen. Aber so, dass man wenigstens gut aussieht, weil es Leute gibt, die in einem komischen Stil boxen. Da siehst du als guter Boxer auch schnell schlecht dabei aus, weil du selber komische Bewegungen machst.

Deine Gegner haben dich ihrerseits in letzter Zeit sehr genau studiert. In den letzten Kämpfen sind sie sofort auf dich losmarschiert.

Die marschieren in letzter Zeit, ja. Die denken, die werden mich konditionell kaputtmachen, aber ich bin immer locker.

Und musst dabei auch schon mal bis zur zwölften Runde gehen. Stärkt es das Selbstbewusstsein auch, wenn man weiß, man kann über zwölf Runden gehen?

Natürlich. Ich denke nicht mal mehr daran. Früher habe ich Herzklopfen gehabt, wenn ich „zwölf Runden“ gehört habe.

Schaust du dir vor dem Kampf auch Videos mit Kämpfen deiner Gegner an?

Ja, natürlich. Schon Monate vorher.

Bringt das was?

Ja. Da guckt man, wie der in der Ringpause atmet, ob er konditionell stark ist. Wo seine Haltung ist, links und rechts, wie er sich verteidigt oder wie er schlägt.

Hat dich schon mal ein Gegner während des Kampfes trotz Videos überrascht, weil du ihn falsch eingeschätzt hattest?

Zu Anfang des Kampfes vielleicht. Aber mittendrin, wenn Stress kommt, dann boxt man genau so, wie man ist. Man kann seinen Stil nicht ständig verändern, sich nicht verstellen. Wenn du schreibst, kannst du auch nicht so schreiben wie ich, oder? Du hast einen eigenen Stil.

Man versucht manchmal, ihn zu ändern.

Am Anfang kann man es ein paarmal, und dann musst du so schreiben, wie du bist, oder? Das ist normal. Das ist genauso beim Boxen.

Angefangen hast du im Boxclub „Sauerland“ bei Ulli Wegner als Sparringspartner von Sven Ottke. Was hast du von ihm gelernt?

Sven Ottke zählt für mich zu den schlausten Boxern aller Zeiten. Er hat alle ausgetrickst, alle! Er hatte nicht so eine harte Schlagkraft, aber er boxte mit Kopf, lief viel und ließ sich nur selten treffen. Respekt!

Ist auch Muhammad Ali ein Vorbild?

Mein Vorbild ist der junge Mike Tyson. Er war ein Zermürber. Er war ein Killer. Mit seinem Stil hat er alle fertiggemacht. Natürlich in seiner guten Zeit. Zum Schluss leider nicht mehr. Schade, so ein guter Sportler.

Wer ist für dich zurzeit der beste Boxer?

Floyd Mayweather. Weil er wirklich ein starker Schlauer ist. Lässt Sprüche los wie die Amerikaner alle, aber er ist wirklich ein Weltklasse-Boxer. Weil er auch sehr gute Leute geschlagen hat: Óscar de la Hoya und Ricky Hatton.

Und wer ist der beste Boxer aller Zeiten?

Der beste Boxer aller Zeiten ist für mich immer noch Mike Tyson.

Zählt für dich nur die Praxis, oder liest du auch Bücher über das Boxen?

Mein letztes Buch war von Don King. Dann eins über Muhammad Ali. Wenn ich Zeit habe, lese ich viel.

Liest du auch mal Gedichte? So wie Ulli Wegner im Film von diesem Gedicht schwärmt, das in seinem Keller an der Wand hängt?

Momentan lese ich kaum Gedichte. Ich lese viel Zeitung und Bücher. Lesen muss sein. Wenn ich einmal nicht Zeitung lese, ist dieser Tag für mich verloren.

Das Boxtraining besteht aus der Einübung weniger Grundelemente, die Tag für Tag wiederholt werden. Ist das Training wirklich alles? Kann man nie sagen: „So, ich kann jetzt boxen, trainieren muss ich nicht mehr“?

Wenn du nicht trainiert hast, dann kannst du gar nichts. Dann schlägst du alles falsch. Zum Nachdenken hast du beim Kampf keine Zeit. Das ist genau wie bei einem Turner am Reck. Der übt auch nie etwas anderes. Jeden Tag springt er hundertmal hoch, Salto, festhalten, wieder Salto, festhalten. Das muss automatisiert werden. Wenn man boxt, muss man die Füße mitnehmen. Im Ring darf man nicht mehr daran denken. Du kannst da nicht was Neues machen.

Aber findest du das gut?

Natürlich finde ich das gut: Je mehr du das machst, desto besser wirst du, umso schneller wirst du, umso präziser wirst du, umso genauer wirst du – das ist halt das Geheimnis vom Boxen. Wer es besser macht, der wird stärker.

Ist Boxen für dich auch so etwas wie Theater?

Ja, man ist auch Schauspieler. Unsere Bühne ist der Ring. Wenn man vor zehntausend Leuten boxt, ist das auch ein Schauspiel. Mit dem Gegner muss man umgehen können, aber auch mit den zehntausend Menschen, dass die einen mögen, dass die nicht pfeifen oder einen ausbuhen.

Aber du brauchst das auch.

Ich brauche immer mein Publikum. Wenn das Publikum hinter mir steht wie eine Wand, ist das ein irres Gefühl. Das Adrenalin steigt auf 100.000. Schon wenn ich die deutsche Hymne höre im Ring, bekomme ich Gänsehaut.

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