08.02.2008 · Der Israeli Aric Lapter und der Palästinenser Rasheed Nashashibi teilen sich einen Rennwagen. Beide sind gute Freund - und stolz auf ihre Heimat. Nun wollen sie ein Zeichen für den Frieden setzen. Was ihnen noch fehlt, sind Sponsoren.
Von Christoph Gunkel, Tel AvivWas die Politik angeht, sind sie nicht immer einer Meinung. Es sei gerechtfertigt, glaubt der Israeli Aric Lapter, wenn Israel Terroristen im Gazastreifen gezielt tötet, sofern keine Zivilisten betroffen sind. „Aber genau das ist unmöglich“, entgegnet der Palästinenser Rasheed Nashashibi. „Israel sollte lieber mit ihnen verhandeln, statt sie zu töten.“
Lapter wendet ein, dass immer wieder Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen Israel treffen. „Was können sie denn machen?“, fragt Nashashibi. Der Gazastreifen sei isoliert, es fehle an allem. „Israel gibt ihnen keine Chance zu leben. Die Raketen sind nicht gut. Aber sie zeigen, dass die Palästinenser noch Widerstand leisten können.“ In einer Sache sind sich aber beide einig: „Die Situation ist außer Kontrolle.“
„Wir zeigen, dass wir füreinander fahren“
Trotz der verfahrenen Lage verbindet den Juden Lapter und den Muslim Nashashibi eine ganze Menge. Sie sind gute Freunde. Sie sind stolz auf ihre Heimat. Sie sind talentierte Autorennfahrer. Sie gehören zu den Besten ihres Landes. Und sie haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen ein Zeichen für den Frieden setzen.
Deshalb möchten sie in diesem Jahr in einem Team unter dem Motto „Racing for Peace“ in der britischen Formula Vee, vielleicht sogar in der höheren Formula Ford antreten - mit einem Wagen, der sowohl die palästinensische als auch die israelische Flagge trägt. Die Fahrer würden dann abwechselnd starten. „Eine wundervolle Idee“, sagt Lapter. „Wir zeigen, dass wir nicht gegeneinander, sondern füreinander fahren.“
Noch hat sich kein Hauptsponsor gemeldet
Eine Idee, die nicht nur aus reinem Idealismus geboren wurde, sondern auch die nötigen Sponsoren anlocken soll. „Sie können eine große Anzahl an Medienberichten erwarten, wenn Sie uns sponsern“, umwirbt Lapter auf seiner Homepage mögliche Interessenten. Vor einiger Zeit stellten beide Fahrer das Konzept in Silverstone vor und absolvierten eine Testfahrt. Eine PR-Beraterin ist engagiert, um Geldgeber zu finden. Doch bisher ohne Erfolg: Ein Hauptsponsor hat sich noch nicht gemeldet. Damit Lapter und Nashashibi in der Formula Vee starten können, benötigen sie noch mehr als 70.000 Euro für die Saison.
Wenn Aric Lapter in Tel Aviv seinen blau-weißen Rennwagen aus dem Carport schiebt, dauert es keine fünf Minuten, bis eine Horde Kinder das Auto umringt. So etwas haben viele noch nie gesehen, in Israel gibt es noch nicht einmal eine Rennpiste für ein solches Gefährt. „Losfahren, losfahren“, rufen sie im Chor. Aric Lapter zögert. Eigentlich verbietet ihm genau das ein israelisches Gesetz, doch die Begeisterung steckt an.
Kamele auf der provisorischen Rennstrecke
Er zwängt sich in das enge Chassis und fährt eine kleine Runde - im Schritttempo mit einem Wagen, den er eigentlich in vier Sekunden auf hundert Stundenkilometer beschleunigen könnte. Weil ihm solche Spazierfahrten nicht genügen, hat er für einen ausländischen Fernsehbeitrag schon einmal illegal auf einer verlassenen Flugzeugstartbahn in der Wüste Negev getestet - und musste gleich seine Fahrkünste unter Beweis stellen, als plötzlich Kamele die provisorische Rennstrecke überquerten.
Den Behörden dürfte das und andere Testfahrten kaum entgangen sein, aber „bisher hat sich noch niemand gemeldet“. Vielleicht, weil die Knesset derzeit ein Gesetz bearbeitet, das die Zulassung von Rennwagen regeln soll - Lapter hofft dann, den Rennsport in Israel fördern und irgendwann einmal Wagen verkaufen zu können. Ganz in der Tradition seines Staates sieht er sich als Pionier, als „Ben Gurion des Motorsports“. Da Rennautos auch nicht importiert werden dürfen, baute der studierte Ingenieur - mit Hilfe einer britischen Firma - den ersten und einzigen Rennwagen in Israel.
„Jeder fuhr in seinem Wagen gegen jeden“
Zwei Jahre hat das gedauert, und Lapter musste dafür einen Kredit aufnehmen. „Ich bin 31 Jahre, und wenn ich ein Mädchen kennenlerne, muss ich irgendwann gestehen, dass ich immer noch bei meinen Eltern wohne. Das habe ich alles für mein Auto gemacht.“ Nicht nur das: Um die Formel-1-Berichterstattung von RTL verstehen zu können, die er über Kabel empfängt, paukte er sogar extra Deutsch. Damit er überhaupt Rennfahrer werden konnte, zog er nach Italien, besuchte eine Rennschule und testete dort für die Formula 3.
Unter ähnlich widrigen Umständen erlernte Nashashibi, der palästinensische Kart-Meister von 2006, seinen Traumsport. „Manchmal sperrten die Behörden ganze Straßenzüge in Jericho oder Ramallah, und jeder fuhr in seinem Wagen gegen jeden“, sagt der Dreiundzwanzigjährige. Seine ersten Erfahrungen sammelte er ebenfalls im Ausland: während des Studiums in England und bei internationalen Kart-Meisterschaften. Zuletzt fuhr er auch in einem richtigen Rennwagen beim „Thunder Arabia“-Rennen in Bahrain auf den sechsten Platz.
„Das erste Rennen gewann er, aber dann ...“
Eigentlich ist es kein Wunder, dass sich zwei Motorsportverrückte wie Lapter und Nashashibi irgendwann einmal kennenlernen, natürlich auf Israels einziger Outdoor-Kart-Piste. Wenn sie heute davon erzählen, dann klingt das nach einer Sportliebe auf den ersten Blick: „Er trug einen schönen Helm mit einer israelischen Flagge und hatte ein gelbes Ayrton-Senna-T-Shirt an“, erinnert sich Nashashibi. „Er fuhr gut und war der einzige arabische Fahrer“, sagt Lapter. „Das erste Rennen gewann er, die nächsten drei gingen an mich“, ergänzt der Palästinenser grinsend.
Schnell war die Idee geboren, die Talente zusammenzulegen. Irgendwann haben Lapter und Nashashibi aber gemerkt, dass es wenig Sinn hat, die Tagespolitik zu diskutieren. „Wenn man anfängt, über Details zu reden, findet man niemals eine Lösung. Dazu ist alles zu emotional aufgeladen“, behauptet Lapter. Deshalb beschwören nun beide die große Idee des Friedens, ohne genau zu wissen, wie man ihn erreicht. Doch sie ahnen: Wenn alle so unkompliziert zusammenarbeiten würden wie sie, wäre vieles besser.