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Ariane Friedrich : Opfer im Shitstorm

Augen zu und durch: Friedrich bringt ohne nachzudenken unschuldige Personen öffentlich in Verruf Bild: dpa

Die Internetoffensive der Leichtathletin Ariane Friedrich gegen einen mutmaßlichen Cybermobbing-Täter erregt die Gemüter. War es überzogene Selbstjustiz oder ein mutiges Fanal?

          In der Jugendsprache ist der Begriff „Opfer“ längst zum Schimpfwort geworden: Er wird abfällig geäußert über jene, die sich nicht selbst helfen. Ariane Friedrich, die deutsche Rekordhalterin im Hochsprung, wollte sich vor einer Woche selbst helfen, anstatt sich, wie sie sagt, weiter „doppelt zum Opfer“ zu machen: Sie wollte nicht länger Belästigungen ertragen und darüber schweigen. Also ging die Leichtathletin in die Offensive und veröffentlichte auf ihrer Facebook-Seite Teile einer anzüglichen E-Mail an sie, mitsamt dem vollen Namen und Wohnort des vermeintlichen Absenders.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          „Willst du mal einen schönen Schw*** sehen, gerade geduscht und frisch rasiert“, hatte dieser die Empfängerin gefragt, dazu auch einen Bildanhang geliefert - und Friedrich antwortete darauf in ihrem offenen Brief: „Nein, Herr D., ich möchte weder Ihr Geschlechtsteil noch die Geschlechtsteile anderer Fans sehen. Anzeige folgt.“ Dazu erklärte sie noch: „Ich wurde in der Vergangenheit beleidigt, sexuell belästigt, und einen Stalker hatte ich auch schon.“ Nun sei das Maß voll und Zeit, zu handeln.

          Wenn das Opfer zum Täter wird

          Das ist ein klares öffentliches Statement, und es wurde gehört. Innerhalb kürzester Zeit erhielt Friedrich Tausende Leserkommentare, solidarische wie kritische. Viele Medien berichteten und kommentierten den Fall - und bald stand in Frage, ob Friedrich nur Opfer war oder, wie etwa die „Frankfurter Rundschau“ erklärte, „im Netz zur Täterin wurde“.

          Was war da passiert? Viele bezeichneten Friedrichs Reaktion als Selbstjustiz und kritisierten darüber hinaus, dass sie nicht sicher sein könne, wer sich hinter dem angegebenen Namen verberge. Experten erörterten, ob sie womöglich die Persönlichkeitsrechte des vermeintlichen Täters verletzt hat: Auch ein Schuldiger hat ein Recht auf Schutz der Privatsphäre. Dazu stellte sich heraus, dass es den genannten Wohnort des Absenders in Deutschland gleich mehrfach und an diesen verschiedenen Orten wohl auch mehrere Männer des besagten Namens gibt.

          Auch wenn es nicht ihre Absicht war, hatte Ariane Friedrich also Kollateralschaden angerichtet, indem sie womöglich mehrere unschuldige Personen öffentlich in Verruf gebracht hat - vielfach wurde in diesem Zusammenhang auch auf den Fall des jüngst zu Unrecht verdächtigten Jugendlichen im Emdener Mordfall an einem jungen Mädchen hingewiesen: Vor dem Haus des vermeintlichen Täters hatte sich eine wütende Menge versammelt, nachdem dessen Name an die Öffentlichkeit gelangt war.

          Sportlichen Ziele in Gefahr

          Alles in allem brach also ein gewaltiger „Shitstorm“ über Ariane Friedrich herein, während gleichzeitig ihre Unterstützer schwerstes Geschütz auffuhren. Ein Facebook-Kommentator forderte gar, den Absender der Belästigungsmail zu „vergasen“ und ihm „Urin ins Blut“ zu spritzen. Ein Kritiker Friedrichs hingegen spottete angesichts der Häufigkeit des Täternamens: „Als Nächstes ist Andreas Müller aus Berlin dran.“

          Mit dem Verweis auf ein „laufendes Verfahren“, das die von Ariane Friedrich gegen den E-Mail-Versender erstattete Anzeige in Gang gesetzt hat, verweigern die Springerin und ihr Trainer und Mentor Günter Eisinger derzeit jeden weiteren Kommentar; am Freitag hat Friedrich zudem ihre Facebook-Seite geschlossen. Eisinger sieht durch die Aufregung die sportlichen Ziele Friedrichs in Gefahr, die jüngst aus einem Trainingslager in Südafrika nach Deutschland zurückgekehrt ist und sich auf den Olympiastart vorbereitet - seit Donnerstag an einem geheimen Ort, wie es hieß.

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          Abgeschottet: Friedrich gibt aktuell keine Interviews :

          Eisinger wäre es daher am liebsten, wenn die Medien nun einfach zu dem Fall schwiegen - nur hat eben Ariane Friedrich, indem sie sich zu ihrem Schritt entschloss, nicht bloß als Sportlerin gehandelt, sondern als Person des öffentlichen Lebens mit großer Öffentlichkeitswirkung und - was noch brisanter ist - als Polizeikommissarin. Inzwischen wurde bekannt, dass die Dienststelle der Hochspringerin, das hessische Bereitschaftspolizeipräsidium, sich mit deren „Fall Facebook“ beschäftige und eine „rechtliche Bewertung“ vornehmen wolle.

          Hat sie sich selbst geschadet?

          Es scheint also möglich, dass Ariane Friedrich mit ihrer Offensive auch sich selbst geschadet hat. Sie hat im Umgang mit einem Problem, das sehr viele Prominente haben, einen Weg gewählt, von dem andere abraten. Aus dem Umfeld eines Sportlers, der nicht genannt werden soll, ist zum Beispiel Folgendes zu dem Thema zu hören: „Wir haben neben der vielen Post von freundlichen Fans leider auch Mails aus der braunen Ecke oder von pseudoreligiösen Gruppen erhalten.“

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