22.04.2009 · Während die besten Individualsportler sich einem umfassenden Meldesystem unterwerfen müssen, kommen die Topleute der Teamsportarten billiger davon. Patrick Baumann, Generalsekretär des Basketball-Weltverbandes, zum Kampf mit der Wada.
Der Spitzensport hat sich im Anti-Doping-Kampf zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt. Während die besten Individualsportler von ihren Weltverbänden verpflichtet werden, sich einem umfassenden Meldesystem zu unterwerfen, kommen die meisten Topleute der Mannschaftssportarten billiger davon. Die besten Leichtathleten etwa müssen ihren Aufenthaltsort 365 Tage im Jahr dokumentieren und dazu eine Stunde pro Tag angeben, an der sie sicher anzutreffen sind. Für Top-Fußballspieler reicht nach Fifa- Interpretation die Meldung der Mannschaftsaktivitäten, sofern sie nicht langzeitverletzt oder gesperrt sind. Andere Team-Sportarten wie Basketball ziehen sich auf eine ähnliche Lösung zurück. Die Verfahrensweise ist vom löchrigen Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gedeckt. Generalsekretär Patrick Baumann erklärt, in welcher Form der Internationale Basketball-Verband (Fiba) den Sonderweg in aller Stille umgesetzt hat.
Der Internationale Fußballverband (Fifa) hat sich in aller Öffentlichkeit gegen die Wada durchgesetzt und eine Art Meldepflicht-Urlaub für seine Spieler erreicht. Und Sie?
Öffentlich wurde nur eine Einigung für den Fußball wahrgenommen. Korrekt ist, dass es ein Treffen gab zwischen Fifa und Wada. Aber es gibt eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Mannschaftssportarten, die sich regelmäßig seit mehreren Jahren trifft. Was jetzt bekannt wurde über Fifa und Wada ist ein Vorschlag, den die Mannschaftssportarten der Wada bereits vor einiger Zeit unterbreitet haben. Das Endresultat hat uns also nicht überrascht. Lediglich die Form der Auseinandersetzung ist ein Thema zwischen Fifa und Wada. Wir werden aber alle gleich behandelt.
Soll das heißen, dass der Basketball die individuelle Meldepflicht für Top-Sportler auch so stark einschränkt wie der Fußball?
Jeder Fachverband muss einen Registered Testing Pool (RTP) definieren, für den die individuelle Meldepflicht gilt. Er darf so groß sein, wie sich das jeder wünscht. Wir Mannschaftssportarten haben uns geeinigt, dass er relativ klein ist, weil das von der Praktikabilität her nicht anders geht. Und dass es darüber hinaus einen zweiten Pool gibt, den wir RTP 2 nennen, in dem nur Mannschaftsaktivitäten angegeben werden. Wenn sie die Mannschaftssportarten durchgehen, wird der RTP 1 meistens sehr klein sein. Größer ist er beim Eishockey, weil dort die Saison kürzer ist.
Wie klein ist denn Ihr Registered Testing Pool Nummer eins?
Das sind acht Männer und acht Frauen, die aus den europäischen Top-Teams ausgelost werden.
Im Ernst? Nur 16 Spieler weltweit müssen im Basketball die Meldepflicht für Elitesportler erfüllen?
Ja. Der Wada-Code verlangt, dass es einen Registered Testing Pool geben muss. Wir könnten beispielsweise sagen: Wir nehmen die Klubwettbewerbe in Afrika, vier Spieler aus Mali, vier Spieler aus Zimbabwe und vier Spieler aus Kenia. Und viel Glück für denjenigen, der dort hingehen und unangemeldete Kontrollen machen will. Natürlich ist das nicht im Sinne des Codes. Aber es ist wichtig zu wissen, dass dieser RTP 1 sein muss, ob sie nun einen Spieler hineintun oder eintausend. Wie groß er ist, welche Spieler hineinfallen, ist die Entscheidung des internationalen Verbandes. Wenn die Fifa sagt, dass das nur die Verletzten und Gesperrten betrifft, weil dort das Risiko für Doping erhöht sein könnte, dann ist das ihre Entscheidung. Das geschieht im Einverständnis mit der Wada. Wir haben uns gegen den RTP 1 ausgesprochen und mit ihr gestritten. Aber am Ende des Tages wollen wir es auf diese Weise versuchen, und die Zeit wird zeigen, ob das ein machbares Projekt ist oder nicht.
Das bedeutet eine erhebliche Aufweichung der Meldepflicht. Können Sie das guten Gewissens vertreten?
Diese Freiheit hat der Code gelassen.
Muss man nicht sagen, die Team-Sportarten nutzen eine Gesetzeslücke? Schließlich haben die Fifa und die Wada gemeinsam erklärt, die Agentur habe erst bei ihrem Treffen in Zürich verstanden, dass der Code die Fifa-Auffassung decke.
Nein. Schließlich stehen die Spieler jederzeit für unangemeldete Tests zur Verfügung.
Aber ihre Aufenthaltsorte an freien Tagen und im Urlaub sind, bis auf die 16 Leute im RTP 1, nicht bekannt.
Alle Mannschaftssportarten sind dafür, dass gegen Doping gekämpft wird. Aber wir haben ein gemeinsames Problem. Unsere Spieler sind fast 365 Tage im Jahr zusammen. Mit Ausnahme der Phasen, in denen sie es schaffen, in Urlaub zu gehen, sind sie mit einer Mannschaft zusammen irgendwo in der Welt, ob mit dem Klub oder der Nationalmannschaft. Wir haben Schwierigkeiten damit, dass die Athleten zusätzlich in der kurzen Zeit, die sie an einem Sonntag mit ihrer Frau und ihren Kindern verbringen können, um sechs Uhr morgens gestört werden dürfen für eine Doping-Kontrolle. Die Spieler wollen nicht dopen, aber sie fühlen sich eingeschränkt in ihrer persönlichen Freiheit.
Hat die Wada die Kleinheit der Registered Testing Pools kritisiert?
Nein. Die Wada bemüht sich zurzeit darum, dass es überhaupt einen RTP 1 gibt. Sie hat gesagt: Wir sehen uns das für ein Jahr an.
Und dann? Was glauben Sie?
Die Welt wird sich anpassen in einer vernünftigen Form. Ich glaube nicht, dass die RTP 1 größer werden. Es sei denn, sie legen jedem Athleten eine elektronische Fessel an. Aber das geht natürlich nicht.
Sie haben sich zu früheren Gelegenheiten gegen den Generalverdacht gewehrt, der dem Meldesystem immanent ist.
Das ist eine philosophische Debatte. Mit dem neuen Wada-Code wurden die Verhältnisse umgedreht. Alle Spieler werden als gedopt angesehen und müssen beweisen, dass sie nicht gedopt sind. Das ist philosophisch nicht korrekt. Da haben wir einen Meinungsunterschied.
Diskutieren Sie mit der Wada darüber?
Ich habe ein Problem damit, wie die Wada die Verbände behandelt. Es geht nicht mehr um eine Partnerschaft, sondern es ist ein Polizeistaat geworden.
Wie meinen Sie das?
Die Wada wurde von den Regierungen und der Sportbewegung gegründet, hat sich dann aber relativ schnell über die Parteien gesetzt. Dann hat sich die Kommunikation eher verschlechtert. Das ist sehr frustrierend. Man wird relativ peinlich kontrolliert. Aber wenn man Fragen stellt, kriegt man keine Antworten, was ja dann auch zu gewissen Deklarationen zum Beispiel von der Fifa geführt hat.
Was war da vorgegangen?
Wir hatten ein Jahr vergeblich versucht, mit der Wada über unsere Schwierigkeiten zu sprechen, den Code zu applizieren. Und dann kam plötzlich drei Tage vor der Generalversammlung des Europäischen Fußballverbandes eine Absage an jeden einzelnen Punkt, den wir auf den Tisch gelegt hatten. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Fifa war sauer, ihre Leute haben sich entsprechend geäußert, was dann zu dem Treffen geführt hat.
Ist die Auseinandersetzung also noch nicht zu Ende?
Wir sind mit der Fifa einig, dass es zu viel ist. Dieser Code ist einen Schritt zu weit gegangen.
Haben die anderen Mannschaftssport-Verbände bei der Interpretation des Wada-Codes und dessen Durchsetzung von der Macht und den Möglichkeiten der Fifa profitiert?
Die Fifa ist ein wichtiger Teil der olympischen Bewegung und ein wichtiger Sportverband. Und natürlich ist es im Interesse der Wada, dass jeder Sportverband den Code erfüllt. Wir denken nicht, dass wir in diesem Zusammenhang kleiner oder größer sind, wir sind ähnlich und haben die gleichen Zielsetzungen wie andere Teamsportarten inklusive Fifa. Die Fifa leitet teilweise gewisse Aktionen im Rahmen der Wada, weil wir das so gewollt haben aufgrund dessen, dass der Fifa-Präsident einen Sitz im Wada-Stiftungsrat hat. Das gibt uns eine Stimme dort, so dass wir unsere Meinung auf den Tisch legen und sagen konnten: Leute, euer Code wurde gemacht für individuelle Sportarten und hat Team-Sportarten nicht berücksichtigt, und das war ursprünglich auch so. So haben wir letztlich erreicht, dass es spezifische Klauseln für Teamsport im Code gibt. Und das haben wir gemeinsam geschafft. Es gibt keine Ausnahmen für die Fifa.
Können die Verbände die Doping-Bekämpfung noch finanzieren?
Die Kosten werden immer höher. Glücklicherweise haben wir noch ein bisschen Geld und können uns das erlauben. Aber es gibt andere, die können das nicht.