Der enorme Eisbeutel, den Andrea Petkovic diesmal mit sich herumtrug, war kein Witz. Anders als vor einem Jahr, als die Darmstädterin nach ihrer Stuttgarter Viertelfinalniederlage im Rollstuhl zur Pressekonferenz erschien, endete ihre Arbeit am späten Dienstagabend nicht mit einer theatralischen Geste der Erschöpfung, sondern mit einem echten Problem. Das rechte Knie, das der besten deutschen Tennisdame seit ihrem Kreuzbandriss vor vier Jahren immer mal wieder Sorgen bereitet, hört gerade nicht auf zu zwicken.
Ihre erfolgreiche Rückkehr auf die Profitour konnte der Vierundzwanzigjährigen keine Linderung verschaffen, das gelang nur durch jene Riesenportion Eis, die mittlerweile zu Andrea Petkovics Alltagsutensilien gehört wie Tennisschläger und Tennisschuhe. Wie eine Medizinstudentin mittleren Semesters wusste die Hessin nach ihrem 6:1-, und 6:4-Sieg über die Saarländerin Kristina Barrois zu referieren, wie die aktuellen Meniskusbeschwerden mit der Blessur zusammenhängen, die sie sich im Sommer vergangenen Jahres zugezogen und wochenlang zu überspielen versucht hatte.
Der Rücken hält
Es gab aber auch eine gute Nachricht, die von Stuttgart ausging: Andrea Petkovics zuletzt lädierter Rücken hält. Besser noch: „Meine Rotation ist sogar besser als vorher.“ Dreieinhalb Monate hatte die Hessin nicht auf der WTA-Tour spielen können, nachdem sie kurz vor den Australian Open im Januar einen Ermüdungsbruch im unteren Rücken erlitten hatte.
Die Auszeit nutzte sie zunächst, um Urlaub auf den Malediven zu machen, doch beim süßen Nichtstun in traumhafter Umgebung juckte es sie sogleich in den Fingern. „Stinklangweilig“ sei ihr zwischendrin gewesen, sagte Andrea Petkovic, die nicht gerade für ihre Geduld bekannt ist: „Ich habe gemerkt, dass mir der Druck des Wettkampfs viel mehr fehlt, als ich gedacht habe.“ So schnell wie möglich begann sie wieder mit dem Training in Offenbach, kehrte vorigen Sonntag ins Fed-Cup-Team zurück (verlor gegen Australien das entscheidende Spiel gegen Samantha Stosur) und kämpft nun wieder um Weltranglistenpunkte für sich.
In ihrer Verletzungspause ist die Hessin lediglich von Platz zehn auf zwölf gerutscht und somit die beste deutsche Dame geblieben. In Stuttgart bekommt sie es nun allerdings mit der derzeit besten Spielerin überhaupt zu tun: Das Achtelfinalmatch am Donnerstag (18.30 Uhr) gegen die Branchenführerin Viktoria Asarenka aus Weißrussland sei aber noch keine Standortbestimmung, behauptete Andrea Petkovic: „Aber ich nehme die Herausforderung an.“ Dabei treibt sie es ziemlich bunt: Drei Tapes in den Farben Rot, Blau und Beige sollen ihr Problemknie beim Spielen entlasten. Das ist nötig, schließlich mutet die 24 Jahre alte Petkovic ihrem empfindlichen Gelenk einiges zu: In Stuttgart trat sie auch im Doppel mit ihrer Fed-Cup-Kollegin Angelique Kerber an. Gut für Petkovics Knie, dass die beiden Deutschen am Mittwoch gleich ihre Auftaktbegegnung gegen die russisch-tschechische Formation Anastasia Pawljutschenkowa/Lucie Safarova 4:6 und 5:7 verloren.
Beim hochklassig besetzten Porsche Grand Prix gehört Andrea Petkovic zu den großen Zugnummern. Sie posiert auf dem Werbeplakat - geschminkt, gelassen, selbstbewusst. Die coole Attitüde wirkt künstlich, soll aber ein wenig Wahrheit enthalten. „Ich bin ruhiger geworden und habe nicht mehr die extremen Emotionen“, behauptet Andrea Petkovic. Zur Selbstfindung passt auch ihr neues Studienfach: Die Politikwissenschaft hat sie geschmissen und ist zum Fach Philosophie gewechselt.