15.01.2010 · Große Wirkung durch kleinere Änderungen: Andrea Petkovic aus Darmstadt macht vieles anders als früher und hat Erfolg damit. Schon vor den Australian Open der Tennisprofis.
Von Niklas Eder, MelbourneEs läuft nach Plan. Für die Darmstädterin Andrea Petkovic hat das Tennisjahr mit drei Siegen begonnen. Beim WTA-Turnier in Brisbane war für die 22 Jahre alte deutsche Meisterin erst im Halbfinale gegen die spätere Siegerin Kim Clijsters Endstation. Am Wochenende nun beginnt das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres, die Australian Open in Melbourne. Andrea Petkovic steht im Hauptfeld und geht als Nummer 49 der Weltrangliste ins Turnier - zum ersten Mal in ihrer Karriere ist sie unter den besten 50 Spielerinnen der Welt notiert. Keiner erwartet von ihr, dass sie in großem Auftritt durchmarschiert. Und doch spricht einiges dafür, dass sie die stete Aufwärtsentwicklung in der vergangenen Saison auch 2010 fortsetzen kann. Zufall ist das nicht: Sie hat den nächsten Schritt in ihrer Karriere mit Akribie geplant.
Wenn man so will, begann ihr Aufstieg vor zwei Jahren in Melbourne mit einem Rückschlag. Im Januar 2008 spielte sie dort erstmals in einem großen Stadion. Drei Minuten nur dauerte ihr Auftritt damals. Nach sechs Ballwechseln gegen Anna Tschadkwetadse knickte ihr Knie weg, die Ärzte diagnostizieren wenig später einen Kreuzbandriss. Es folgten achtzehn Wochen Reha mit dem Physiotherapeuten Werner Krass in Heigenbrücken, einem kleinen Dorf im Spessart, dann acht Wochen Aufbautraining in Leverkusen bei Mike Diehl, einem Bundeswehrausbilder. Insgesamt acht Monate dauerte die Zwangspause.
Vor allem Leverkusen wurde zur Tortur. „Schon nach einer Woche hatte ich blutige Hände vom Tennisspielen und Muskelkater vom Konditionstraining“, sagt Andrea Petkovic. „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich dieses Programm acht Wochen durchhalten sollte.“ Das Training verlangte ihr körperlich alles ab. Doch in der Auszeit vom Turnierzirkus, weit ab von Paris, Wimbledon und Melbourne, baute sie nicht nur ihren Körper auf. „Ich hatte viel Zeit, um nachzudenken, wohin ich will und wie ich es erreichen will.“ Selbstzweifel wichen neuer Entschlossenheit und einem klaren Konzept.
„Sie weiß genau, was sie will und was sie nicht will“
Der Wiedereinstieg in die WTA-Tour gelang ihr im Herbst 2008, die folgende Saison wurde ihre erfolgreichste bisher. Im Sommer überraschte sie in Badgastein sich und ihre mitgereiste Familie und gewann zum ersten Mal ein WTA-Turnier. Nachdem sie durch die lange Verletzungspause auf eine Weltranglistenposition jenseits der 400 abgestürzt war, beendete sie die Saison 2009 auf Rang 55. An den wenigen spielfreien Wochen im November, zwischen Ende der Tour und Beginn der Vorbereitung, legte sie zwar den Tennisschläger beiseite, still sitzen konnte sie dennoch nicht. Gemeinsam mit ihrem Freund, einem Musiker, tourte sie durch die Clubs der Region. „Ich will auch noch anderes im Blick haben außer Tennis“, sagt sie. „Ich liebe es, Tennis zu spielen und nehme es sehr ernst, aber deswegen will ich trotzdem nicht alle anderen Möglichkeiten verpassen, die ich im Leben habe.“ Das Politikstudium an der Fernuniversität Hagen, ein eigens aufgenommener Rocksong und ein Praktikum in der hessischen Staatskanzlei - Tennis bedeutet ihr viel, aber eben nicht alles.
„Sie weiß genau, was sie will und was sie nicht will“, sagt Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner über Andrea Petkovic. „Sie ist ein sehr starker Charakter.“ Auf der Suche nach dem nächsten Schritt, nach freiem Potential für die Vorbereitung der Saison 2010, entschloss sich die so Gelobte im vergangenen Herbst, das bislang auf der Tour gewonnene Geld in ihre Karriere zu investieren und zum ersten Mal mit einem namhaften Trainer zusammenzuarbeiten.
Erst gegen eine Qualifikantin - dann gegen Serena Williams
Um die konditionellen Grundlagen zu legen, kehrte sie zunächst zurück zu Werner Krass in den Spessart und arbeitete zwei Wochen an ihrer Fitness. Anschließend verbrachte sie drei Wochen in Bern im Tenniscamp des Niederländers Glen Schaap, der schon die ehemalige Nummer eins der Weltrangliste, Dinara Safina aus Russland, betreut hat. Der Aufenthalt in seinem Camp ist ein kostspieliges Vergnügen. An den Wochenenden fuhr Andrea Petkovic nach Hause, um mit Vater Zoran zu trainieren. Oder sie fuhr nach Stuttgart zu Mentaltrainer Holger Fischer, der ihr half, auf einem anderen Gebiet weiterzukommen: der psychischen Komponente des Spiels.
Am 29. Dezember brach Andrea Petkovic schließlich gemeinsam mit ihrem Vater Zoran nach Australien auf. Dass der ehemalige jugoslawische Davis-Cup-Spieler sie begleitet, ist das letzte Novum in einer langen Vorbereitung, die Zoran Petkovic gemeinsam mit seiner Tochter in dieser Woche auf der Tennisanlage von Brisbane abschließt. „Die letzten Tage standen wir zweimal täglich auf dem Platz und haben hart trainiert“, sagt er. „Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine gute Auslosung“ - damit Andrea Petkovic in Melbourne der Weltspitze wieder ein Stückchen näher kommt und der Erfolg von Brisbane nur ein Anfang war. Sie hatte Glück und Pech am Freitag: Die Nummer 49 bekommt es zunächst mit einer Qualifikantin zu tun - trifft in der zweiten Runde aber voraussichtlich auf die topgesetzte Titelverteidigerin Serena Williams.