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Anand gegen Carlsen : Indische Ungezwungenheit bei der Schach-WM

  • -Aktualisiert am

Zwei Großhirne hinter Glas: Vishwanathan Anand (links) und Magnus Carlsen Bild: dpa

Viswanathan Anand und Magnus Carlsen lernen bei der Schach-WM Neues kennen. Es wird geplaudert und gelacht. Stille gibt es in Chennai kaum. Doch Anand und Carlsen haben kein Problem damit.

          Dies ist keine gewöhnliche Schach-WM an einem der gewohnten Schauplätze. Auch die indischen Zuschauer verhalten sich anders als gewohnt. Als Viswanathan Anand mit dem Königsbauern eröffnet, wird geklatscht. Fast jeder Zug des Titelverteidigers kriegt Applaus. Es wird geplaudert und gelacht. Ermahnungen der zahlreichen Ordner, still zu sein, sind spätestens nach einer halben Minute vergessen.

          Anand und sein Herausforderer um den WM-Titel Magnus Carlsen haben kein Problem damit. Zwischen ihrem Brett und dem Publikum in Chennai wurde eine Glaswand eingebaut – erst zum zweiten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Anders als 1995 in New York halte die Scheibe dicht, versichert Hans-Walter Schmitt. Der Bad Sodener, der seit vielen Jahren zu Anands WM-Team gehört, findet die indische Ungezwungenheit belebend.

          In Deutschland hätten die Fans gemurrt, vermutet Schmitt, als auch die zweite Partie am Sonntag wie schon die erste am Samstag nach vergleichsweise kurzen eineinhalb Stunden in einer Zugwiederholung mit Remis endete. Im Bankettsaal des Hyatt Regency Hotel brandete Begeisterung auf. Den Protagonisten selbst war nicht so wohl damit. Sie bemühten sich, die Kurzschlüsse zu erklären. Und zwar jeder vor allem für das Spiel, in dem er die weißen Steine führte.

          Zum Auftakt am Samstag war das Carlsen. Schon sein neunter Zug sei falsch gewesen. Für ihn überraschend konnte Anand darauf sein Zentrum aufgeben und dafür seine beiden Springer aktivieren. Carlsen grübelte danach eine halbe Stunde vor einem Damenzug, von dem er hinterher sagte: „Ich habe die Notbremse gezogen.“ Nach anderen Zügen fürchtete er schlechter zu stehen. So nötigte er Anand zu einer Zugwiederholung und damit einem technischen Remis.

          „Ich habe mich heute für Vorsicht entschieden“

          Die zweite Partie verlief zunächst spannender. Carlsen griff auf die von ihm zuvor selten verwendete Caro-Kann-Eröffnung zurück und folgte einer Variante, die sein Gegner erst kürzlich auf dem Brett hatte. Anand brachte zwar selbst eine Verstärkung gegenüber seinem damaligen Spiel, ließ aber schon im folgenden Zug zu, dass Carlsen den Abtausch beider Springer und der Dame erzwang. Danach zeichnete sich das spätere Remis bereits ab.

          „Ich habe mich heute für Vorsicht entschieden“, sagte Anand entschuldigend. Offenbar fühlte er sich nicht gewappnet, die für ihn vielversprechend aussehende Stellung ehrgeizig zu behandeln. Carlsen zeigte dafür Verständnis: „Ohne Vorbereitung ist es schwer, sich für den schärfsten Weg zu entscheiden.“

          „Wir wollten auch beide erst in dem Match ankommen“

          Aus seiner Sicht sind beide mit Weiß in die gegnerische Vorbereitung gelaufen. Carlsen erinnerte daran, dass das Kandidatenturnier im März in London, wo er sich als Herausforderer qualifizierte, für ihn genauso begonnen hatte: Mit zwei wenig aufregenden kurzen Remis. Anand versuchte, dem enttäuschenden Auftakt des Titelkampfes etwas Positives abzugewinnen: „Wir wollten auch beide erst einmal in dem Match ankommen.“

          Dass das Interesse in Chennai abnimmt, müssen sie kaum befürchten. Hunderte Schaulustige, die sich die ab 25 Euro teuren Eintrittskarten nicht leisten können, stehen Schlange, um eine halbe Stunde hinten im Saal stehen zu dürfen. Zumindest am ersten Spieltag war es im Pressesaal so voll, dass einzelne Reporter ihre Berichte auf dem Boden tippten.

          „Thank you, Amma“ – Danke, Mutter

          Und dann ist da noch der für lokale Beobachter eigentliche oder zumindest dritte Star der Veranstaltung: Jayalalithaa Jayaram, Premierministerin des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu. Ihr Konterfei ziert die Wand hinter Carlsen und Anand, während sie spielen und wenn sie vor die Presse treten.

          Die frühere Filmschauspielerin lässt sich „Amma“, tamilisch für Mutter, nennen. Bis zu 290 Millionen Rupien, umgerechnet 3,6 Millionen Euro wird Tamil Nadu unterm Strich für die Schach-WM ausgeben. Am Eingang zur WM prangt ein großes Transparent mit der Aufschrift „Thank you, Amma“ – Danke, Mutter.

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