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Analyse Die gespaltene Tour

26.07.2007 ·  Die Große Schleife durch Frankreich besitzt ungeachtet der jüngsten Schreckensereignisse ihren Wert. Einen sehr großen sogar. Sie ist tatsächlich zu einer Tour der Erneuerung geworden, wenn auch in einem anderen Sinne, als das hätte geschehen sollen. Ein Kommentar von Rainer Seele.

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Landschaft und Leidenschaft – ja, das ist die Tour de France, man kann sie jedenfalls so sehen, immer noch. Doch die Romantiker dürften längst in der Minderzahl sein, an den Rand gedrängt von jenen, die – nebenbei – nicht nach einem Château oder einer Kathedrale schauen, sondern eher auf das Innenleben des Pelotons. Auf das, was die Profis bei diesem Sommerspektakel antreibt, legal und illegal.

Das Verbotene scheint dabei das Erlaubte zu überlagern. Generalverdacht! Spritztour! Sumpf! Begriffe, die diese Tour von Anfang an bestimmt haben – und die in den vergangenen Tagen, teilweise zumindest, mit großer Wucht bestätigt worden sind. Die Tour ist sportlich zu einer Farce verkommen. Das belegte spätestens der Fall des Dänen Michael Rasmussen, der im Gelben Trikot das Rad zur Seite stellen musste – des Dopings verdächtig und offensichtlich einer Lüge überführt.

Harte Schläge gegen das Betrugssystem

Die Tour besitzt trotzdem ihren Wert, einen sehr großen sogar. Sie ist tatsächlich zu einer Tour der Erneuerung geworden, wenn auch in einem anderen Sinne, als das hätte geschehen sollen. Mancher hatte wohl geglaubt, es könnte einen wirklichen Wandel hin zu einer reinen Lehre des Radsports geben. So weit ist dieser Sport aber längst noch nicht – und es muss bezweifelt werden, dass er sich diesem Ziel tatsächlich entscheidend wird nähern können. Aber selten zuvor sind bei einer Tour so harte Schläge gegen das Betrugssystem geführt worden wie diesmal. Mit Rasmussen und dem Kasachen Alexander Winokurow sind prominente Profis noch während des Rennens entlarvt worden – auch das stellt eine Novität dar in der über hundertjährigen Geschichte der Tour.

Video: Rasmussen entlassen

Winokurow und Rasmussen ausgeschlossen, die Teams von Astana und Cofidis aus dem Feld gestrichen. Das sind die positiven Seiten dieser Tour, es sind Signale der Hoffnung. Die Entwicklung verdeutlicht, dass der Druck auf jene, für die der Missbrauch und die Manipulation zum Alltag gehören zu scheinen wie der Berg Nudeln zum Frühstück, offenbar mehr und mehr wächst. Er kommt von Sponsoren, die um ihr Image fürchten, inzwischen wohl auch verstärkt von Verbänden, allem Anschein nach auch von manchen Teams, die um ihre Existenz bangen.

Glaubwürdigkeitskrise

Manche Rennställe weisen inzwischen sehr dezidiert auf ihr scharfes Anti-Doping-Programm hin; es bleibt abzuwarten, wie ernst sie das auf Dauer nehmen und wie effektiv die Konzepte sind. Diese Teams, die nun auch zaghaft bei der Tour gegen Doping protestierten, gerieren sich jedenfalls als die Aufrechten im Radsport – und zeigen auf andere, auf die Spanier nicht zuletzt, die angeblich im Bestreben, Doping einzudämmen, immer noch in der hintersten Reihe stehen. Oder dieses Thema vielleicht sogar völlig ausklammern. Eine gefährliche Spaltung des Feldes.

Die Branche steckt seit längerem in einer schweren Glaubwürdigkeitskrise, die in diesen Tagen noch größer geworden ist. Und noch immer ist, trotz einiger Enthüllungen und Geständnisse, auch die „Operación Puerto“ nicht aufgearbeitet, die Jan Ullrich zu Fall gebracht hat. Noch immer ist der Fall Floyd Landis, der die Tour 2006 offenbar mit Testosterondoping gewonnen hatte, nicht abgeschlossen. Viele Brandherde mithin im Radsport. Doch für all jene, die dopen, werden die Risiken offensichtlich größer. Die Kontrollmechanismen scheinen ein wenig wirksamer geworden zu sein, die Schlupflöcher kleiner. Die Tour hat dies belegt – und ebenso die ungebrochene Dopingmentalität. Die Tour de France musste deshalb stattfinden. Und sie muss auch zu Ende gebracht werden.

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