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Ana Ivanovic Kaum ganz oben, geht es stetig bergab

29.08.2008 ·  Ana Ivanovic machte bei den US Open wie immer eine gute Figur - nur leider ein sehr schlechtes Spiel. Die laut Statistik beste Tennisspielerin der Welt unterlag der Nummer 188. Für einen Tag war Julie Coin die Heldin auf der Tour.

Von Thomas Klemm, New York
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Als die Damenorganisation WTA Mitte Juni ihren neuen Werbefilm präsentierte, da schien es nur eine heiße Kandidatin zu geben für die Tour-Kampagne „Looking for a hero?“. Ana Ivanovic erlebte gerade ihre erfolgreichste Zeit des Jahres, sie hatte gerade die French Open gewonnen und damit auch den Spitzenplatz in der Weltrangliste erobert. Und weil die Serbin nicht nur erstklassiges Tennis spielen kann, sondern obendrein attraktiv aussieht, zählte sie zu Recht zu den herausragenden Darstellerinnen des WTA-Spots.

Doch kaum war sie ganz oben, ging es stetig bergab. Ihren Tiefpunkt erreichte sie am Donnerstag, als sie bei den US Open eine gute Figur und ein schlechtes Spiel machte. Ana Ivanovic, die laut Statistik beste Tennisspielerin der Welt, unterlag einer bisher unbekannten Französin, die vor dem letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres mangels Erfolgen fast ihre Karriere beendet hätte: Für einen Tag war plötzlich Julie Coin, in der Weltrangliste auf Position 188 geführt, die Heldin auf der Tour. „Ich dachte, ich könnte langsam ins Match finden, aber sie spielte völlig anders als erwartet“, sagte Ana Ivanovic nach ihrer 3:6, 6:4 und 3:6-Niederlage in der zweiten Runde. „Sie hat extrem gut serviert und sehr harte Grundschläge gezeigt.“

Die erste Nummer 1, die so früh scheiterte

Die bitterste Erfahrung für die zwanzig Jahre Serbin aber war, dass sie der respektablen Leistung Julie Coins zwei Stunden lang wenig entgegenzusetzen hatte. Im Gegenteil: Ana Ivanovic schlug null Asse, leistete sich aber acht Doppelfehler und bescherte ihrer Gegnerin ohne Not 34 Punkte. Sie habe sich durch ihre Erfolge zwar die Spitzenposition verdient, sagte die Serbin, spiele aber momentan nicht wie eine Nummer eins. „Ich kann mich darüber aber kaum beklagen, weil ich nur wenig trainieren konnte.“ Wochenlang hatte Ana Ivanovic an einer Daumenverletzung gelitten, die im letzten Moment auch ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen verhinderte.

Von Peking aus flog sie nach Australien zu einem Chiropraktiker, dessen Ganzkörperbehandlung anschlug, und von dort weiter nach New York. Am Montag vergangener Woche begann sie erstmals wieder mit dem Schlagtraining. „Direkt nach Peking dachte ich noch, ich könnte bei den US Open nicht antreten.“ Nachdem die ehrgeizige Serbin aber keine Schmerzen mehr spürte und deshalb auflief, hat sie mit ihrem sensationellen Scheitern gleich mehrfach Geschichte geschrieben. Noch nie seit Beginn der Open-Ära 1968 verlor eine Weltranglistenerste in New York früher; die letzte Spitzenreiterin, die dort in der zweiten Runde ausschied, war 1966 die Amerikanerin Billie Jean King.

„Spielpraxis und Selbstvertrauen“fehlen

Außerdem ist Ana Ivanovic dabei, ihre eigenen Rekorde zu brechen, im Guten wie im Schlechten: Als erste Serbin erreichte sie bei den French Open 2007 ein Grand-Slam-Finale, als Erste gewann sie in diesem Jahr auch das Pariser Turnier. Auf der anderen Seite gilt ihre jüngste Schlappe fortan als Schmach von Flushing Meadow: Nie zuvor hatte eine Weltranglistenerste gegen eine Konkurrentin verloren, die im Ranking tiefer notiert war als Julie Coin. Der bisherige Negativrekord war erst zwei Monate alt und wurde gehalten von - Ana Ivanovic. In Wimbledon unterlag sie der Weltranglisten-133., der Chinesin Zheng Jie. Ihre fehle es derzeit an „Spielpraxis und Selbstvertrauen“, sagte die Serbin, die nach insgesamt zwölf Wochen womöglich nach den US Open als Weltranglistenerste wieder abgelöst wird.

Von solchen Luxusproblemen kann Juli Coin, die bisher bei kleineren Profiturnieren jeweils ein paar hundert Dollar verdiente, nur träumen. Die Fünfundzwanzigjährige hat zunächst nur das Ziel, zu den besten hundert Damen der Welt zu zählen. Denn: „Jenseits der Top 100 lohnt sich das Tennisspielen nicht.“ Die Französin hat längst vorgebaut: Erst hat sie in Frankreich ihr Diplom in Sportwissenschaft gemacht, dann an der Universität von Clemson im amerikanischen Bundesstaat South Carolina einen Bachelor-Abschluss in Mathematik.

Julie Coin hat es noch nicht ganz verstanden

Nachdem sie in der Rangliste aller College-Spielerinnen die zweitbeste war, versuchte sich Julie Coin als Tennisprofi. Dass ihr nun bei ihrem ersten Grand-Slam-Turnier ein solcher Coup gelang, mochte sie selbst kaum glauben. „Noch habe ich nicht verstanden, dass ich in einem großen Stadion die Nummer eins geschlagen habe.“

Als Belohnung darf sie in der dritten US-Open-Runde gegen die ehemalige Weltranglistenerste Amelie Mauresmo spielen, die ebenfalls aus Amiens stammt. Die Chancen stehen gut, dass Julie Coins Eltern das Spiel diesmal sogar in voller Länge genießen können. Am Donnerstag hatte sich das französischen Fernsehen erst zum dritten Satz zugeschaltet - nachdem Amelie Mauresmo ihr Match beendet hatte. Wer hätte auch ahnen können, dass zur gleichen Zeit eine Heldin geboren wird?

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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