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Amerikanischer College-Football Das Streben nach Kultstatus

 ·  Im Finale der amerikanischen College-Meisterschaften treten die Footballteams stellvertretend für das Streben ihrer Universitäten nach Kultstatus gegeneinander an. Es verdeutlicht den Stellenwert des Hochschulsports in einer ganzen Gesellschaft: Es geht um Ruhm, Prestige und Patriotismus.

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© AFP Seht her, wir sind die Größten! Spieler der Alabama Crimson Tide feiern ihren dritten Titel in vier Jahren

„Bama again!“ Als wären sie Zeitungsverkäufer auf einem überfüllten Boulevard strecken junge Footballspieler in weißen Hosen und Shirts, ihre roten Helme unter die muskulösen Arme gepresst, das Titelblatt einer regionalen Publikation in die Luft. Sie tanzen, umarmen jeden, der sich ihnen auf wenige Meter nähert, und blicken stolz die voll besetzten Tribünen entlang. Plötzlich verschwinden sie samt hochgerissenen Zeitungen unter Fontänen weiß-roten Konfettiregens.

Mittendrin steht Eddie Lacy. Seine Oberarme haben den Durchmesser eines Oberschenkels, sein körperbetontes Shirt droht bei jeder Bewegung unter dem Druck seiner breiten Schultern auseinanderzubersten, die Dreadlocks hat er zusammengebunden. Mit schelmischem Grinsen hebt der Runningback, seine Schildkappe leger über den Scheitel geschoben, eine glänzende Kristallkugel mit der ellipsenförmigen Gestalt eines Footballs in den von unzähligen Scheinwerfern erhellten Abendhimmel des Miami Garden.

Das Stadion im amerikanischen Südstaat Florida ist längst ein Tollhaus. Die vielen jungen Menschen, meist Studenten, halten vor Begeisterung selbstgefertigte Pappschilder, Fähnchen und Footballshirts mit einem großen „A“ vor die Kameralinsen der unzähligen Journalisten. Nein, es ist nicht Super-Bowl-Zeit. Dennoch füllen 80.000 Zuschauer das Stadion bis auf den letzten Platz. Die meisten von ihnen feiern die Spieler der Crimson Tide, die in der Nacht zum Dienstag (Ortszeit) mit einem 42:14-Sieg (14:0, 14:0, 7:7, 7:7) über die katholische Universität Notre Dame zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren die Collegemeisterschaft im American Football nach Alabama holten. Auf dem Podest steht jedoch keine „Studententruppe“.

Football in den Vereinigten Staaten ist Hochschulsport der Superlative. Egal, was global passiert: Wenn das Finale ansteht, drucken die regionalen Zeitungen keine anderen Titelgeschichten mehr. Die Spieler trainieren unter professionellen Bedingungen, ihre Übungsleiter verdienen meist ein Vielfaches mehr als die Dozenten. Durch den Football wird Hochschulsport zum gehypten Massenereignis, die Teams zu Botschaftern mit intellektuell-repräsentativem Auftrag: Seht her, was wir zu leisten imstande sind!

Jeder will daran teilhaben

Und jeder, der ein Student oder Mitarbeiter der jeweiligen Universität ist, will daran teilhaben, jeder davon profitieren, jeder den sportlichen Höhepunkt miterleben. So liegen die Cheerleader während der Siegesfeier samt Maskottchen, einem freundlich dreinschauenden Elefanten, auf dem vom Konfettiregen überdeckten Rasen. Ein Motiv, das auch sie auf die Titelblätter bringen könnte, das wissen sie. Und der Chefcoach Nick Saban muss die Hände der zahlreichen Universitätsrepräsentanten schütteln, die sich noch schnell vor die Objektive der Fotografen drängen. Ihm bleibt kaum Zeit, den Moment zu genießen, nur ein kurzer, als er sich gedankenversunken mit dem Handrücken über das Kinn streicht, die Arme verschränkt.

Er weiß nur zu gut, was er gerade mit seiner Mannschaft erreicht hat. Wie viel ein solcher Erfolg im vom bedingungslosen Wettbewerb bestimmten College-Sport bedeutet, lässt sich schon beim Blick auf die Homepage der Alabama Crimson Tide erahnen. Keinen Tag nach dem Triumph erstrahlt diese fast ausschließlich im Glanz des errungenen Sieges. Hochschulsport in den Vereinigten Staaten – das ist auch Kommerz. Ein Profitstreben, das die Identifikationsgelüste der jungen Menschen, die „Ich-will-dazu-gehören-Mentalität“ in bares Geld ummünzt – wie es in Europa kaum vorstellbar ist.

Es geht um Prestige, Ehre, Patriotismus

Die Homepage der Athletics, der Sportarten, sieht besser aus als vergleichbare Seiten von Profiklubs vieler Sportarten auf dem fernen Kontinent. Und der universitätseigene Fanshop wirkt derart strukturiert und professionell vorbereitet, dass er wenige Stunden nach dem Sieg im Internet ellipsenförmigen Bälle mit dem Endergebnis und aufgedruckten Unterschriften der Spieler anbietet. T-Shirts mit dem Schriftzug „We own this“ („Das gehört uns“) und Aufkleber mit dem Wappen der Footballmannschaft ergänzen die Accessoires, die das Wir-Gefühl weiter schüren und die Einnahmen steigern sollen.

Es geht auch – wie so oft in den Vereinigten Staaten – um Patriotismus. Schon vor Beginn des Spiels wird dieser Charakter, der sich tief im amerikanischen Selbstverständnis verankert hat, deutlich: Eine große Nationalflagge wird auf den Rasen getragen, „Stars and Stripes“ wohin man schaut, laut ertönt „das sternenbesetzte Banner“, die Nationalhymne. Zwangsläufig geht es auch um landesweiten Ruhm, der sich vom Team auf die Universität überträgt. Diese feiert eine siegreiche Mannschaft wie eine Hochschule in Europa vielleicht einen renommierten Durchbruch in Wissenschaft oder Lehre. Es geht um Prestige.

Dieses erhoffte sich auch der unterlegene Finalgegner. Die Sehnsucht der Universität Notre Dame war groß. 1988 gewannen die „Fighting Irish“ zum letzten Mal die Collegemeisterschaft. Dabei genießt das Team, das traditionell in Navy-Blau und Gold aufläuft, angesichts seiner erfolgreichen Vergangenheit Kultstatus – elf Mal holte es den Titel nach Indiana. Doch im Finale erkannte Chefcoach Brian Kelly des Teams Charakter nicht wieder: Die eigentliche Stärke der „Irish“ ist die Abwehrarbeit. Doch der ansonsten so dichte Abwehrriegel offenbarte ungewohnte Lücken, die Defensivspieler standen mitunter deplaziert im Raum und bekamen die robust vorstoßenden Bama-Akteure kaum zu greifen. Nach den beiden desolaten ersten Vierteln (0:28) wirkte Kelly bereits geschlagen: „Meine Mannschaft kommt gar nicht zum Tackeln. Ich erkenne unsere Defensive nicht wieder. Jetzt liegt es nur noch an Alabama“, sagte er konsterniert in die Fernsehkameras.

Im Zick-Zack-Kurs durch die Abwehrformation

Immer wieder stieß Runningback Lacy im flinken Zick-Zack-Kurs durch die blau-goldene Abwehrformation. Er holte 140 Yards und rannte zu einem Touchdown. Jeden Raumgewinn feierte er mit selbstbewussten Klopfen auf die eigene Brust, wild hüpfend vor den eigenen Fans, während die „Irish“ kopfschüttelnd und ratlos daneben standen. Der Mann des Spiels war jedoch ein anderer: Alabamas Quarterback AJ McCarron. Kleine Jungs in den Vereinigten Staaten träumen davon, einmal vor solch einer Kulisse die entscheidenden Pässe gefühlvoll aus dem Handgelenk, perfekt getimet in den Lauf des Mitspielers, vorbei an den heranfliegenden Verteidigern zu spielen. McCarron gelang dies gegen Notre Dame in Serie. 20 seiner 28 Pässe fanden ihr Ziel, er war verantwortlich für 264 Yards Raumgewinn und lief vier Touchdowns in die Endzone des Gegners. Und ohne Augenkontakt brachte er mit Pässen in seinen Rücken immer wieder gekonnt Runningback Lacy ins Spiel. Bereits zum zweiten mal führte er das Team zum Titel.

Und so ist McCarron wieder der „King“, der König, einer der Popkultur vergleichbaren Hysterie um College-Footballspieler. Er wird Identifikation stiften, die Universität sich mit seinem Namen feiern, seine Taten aus Miami Garden in die sportlichen Annalen des Hochschulsports eingehen. Alles im Dienste dieses einzigartigen Sport- und Fördersystems. Und um die Massen weiter zu befriedigen, werden sich die Universitäten wieder auf die Suche nach den McCarrons der Staaten machen – auch Notre Dame. Damit am Ende bloß nicht wieder die muskulösen Jungs in den weißen Shirts mit ihren roten Helmen auf dem Podest stehen. Und weiter an ihrem Kultstatus arbeiten.

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