24.08.2005 · In Amerika händigt man Lance Armstrong in der Doping-Affäre einen Freispruch aus, weil es keinen legitimen Weg gibt, die Vorwürfe jemals zu beweisen. Armstrong müsse sich nicht „schon wieder“ verteidigen, schreibt eine Zeitung.
Von Jürgen Kalwa, New YorkAls Lance Armstrong im vergangenen Monat nach drei Wochen harter Arbeit in Paris aus dem Fahrradsattel stieg, hatte er nur einen Wunsch: zusammen mit seiner Lebensgefährtin Sheryl Crow und seinen drei Kindern an der französischen Mittelmeerküste ein paar Tage Ferien zu machen und über seine Zukunft nachzudenken. Einen Plan für das Leben nach der Tour de France schien der 33 Jahre alte Amerikaner nicht zu haben. Er hatte nur einen Anspruch an sich und die Welt, der ziemlich vermessen klang: Denn der Texaner stellt sich einen Zeithorizont von fünfzig Jahren ohne Streß vor.
Vielleicht ist das die Einstellung, die man braucht, um sich innerlich gegen all die Vorwürfe über den Mißbrauch von Arzneimitteln abzupuffern, die den Ruf des überragenden Radfahrers der letzten Jahre bis in den Ruhestand verfolgen. Zumindest bewährt sie sich als Public-Relations-Strategie. Denn kaum hatten am Dienstag erste Informationen über die Detektivarbeit der französischen Sportzeitung „L'Equipe“ in den Vereinigten Staaten die Runde gemacht, scharten sich amerikanische Zeitungen und Radsportexperten um Armstrong. Die Nachrichtenagentur Associated Press gab den Ton an. Die Befunde aus dem Labor wurden zwar nicht bestritten. Aber die Meldung erhielt den Zuschnitt einer Routinemitteilung. Der siebenmalige Tour-Sieger habe auf die überraschende Enthüllung mit der gleichen Antwort reagiert, mit der er seit dem Aufkommen erster Dopinggerüchte hantiert: „Ich habe noch nie leistungssteigernde Drogen genommen.“
Freispruch in Amerika
In einem Hintergrundkommentar illustrierte ein Zitat von AP-Reporter Jim Vertuno, der in Armstrongs Heimatort Austin stationiert ist, wie man in den Vereinigten Staaten den Verdacht auf Epo-Mißbrauch einschätzt: „Der detaillierte Bericht wird den französischen Medien etwas geben, woran sie sich aufhängen und sagen können: ,Das haben wir euch doch schon immer gesagt.' In Amerika wird man Armstrong einen Freispruch aushändigen, weil es keinen legitimen Weg gibt, die Vorwürfe zu beweisen.“ Die texanische Zeitung „Fort Worth Star-Telegram“ ging sogar noch einen Schritt weiter. Armstrong müsse sich nicht nur „schon wieder“ verteidigen. Die Geschichte über die sechs positiven Urinproben sei „so altbacken wie Baguettes aus der letzten Woche“. Es brauche „keinen französischen Pudel, um die Gründe dafür herauszuschnuppern“, weshalb das Labor die Resultate der positiven B-Proben an die Pariser Sportzeitung weitergereicht habe. „Die Franzosen begegnen von Natur aus Außenstehenden mit Skepsis, die kommen und etwas schaffen, wovon sie sagen, daß es nicht geht.“
Die Zeitung ignorierte geflissentlich, daß Armstrong von mehreren Parteien und unanabhängig voneinander mit dem Thema Doping in Verbindung gebracht wird. Zwar beschäftigt der ehemalige Radprofi mehr als zehn Anwälte in drei Ländern, um sich in insgesamt acht Fällen gegen die unterschiedlichen Vorwürfe zu wehren. Aber selbst in seinem Heimatstaat Texas kommt der Mann, der vor einer Woche zusammen mit Präsident George W. Bush auf dessen Ranch in Crawford eine zweistündige Mountainbike-Tour unternahm, vorläufig mit dieser Strategie nicht weiter. So weigert sich der in Dallas ansässige Spezialversicherer SCA Promotions nach wie vor, eine vertragsgemäße Prämie von fünf Millionen Dollar auszuzahlen.
„Recht auf ein ordentliches Verfahren“
Der Disput ist vor einer Schiedsstelle anhängig und geht auf eine Vereinbarung aus dem Jahr 2001 zurück, als Armstrongs Managementfirma Tailwind Sports das Risiko einging und SCA nach Art eines Wettbüros 420000 Dollar überwies. Die Abmachung ging so weit, für den Fall eines bis dahin unerreichten Erfolges, eines sechsten Tour-Sieges, einen besonderen Bonus auszuschütten. Die Begründung für die Haltung von SCA: die nicht enden wollenden Dopinggerüchte um Armstrong.
„Die Wolke hängt über ihm“, meint Gary Wadler. Der New Yorker Medizinprofessor, der seit der Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zu den stärksten Verfechtern strengerer Kontrollen und Strafen gehört, nimmt jedoch eine sibyllinische Position zu den Enthüllungen ein. „Es irritiert mich, daß diese Sache auf diese Weise publik gemacht wurde. Beide Seiten, der Sport und der Athlet, haben ein Recht auf ein ordentliches Verfahren, in dem auf angemessene Weise Beweismittel vorgelegt werden können.“ Dazu könnte es kommen, auch wenn der amerikanische Radsportverband und die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) in ersten Reaktionen keinerlei Zeichen für ihre Position gaben.
„Beunruhigende“ Lügen
Immerhin eine amerikanische Zeitung - „Newsday“ in New York - machte sich etwas eingehender Gedanken über die Nachricht aus Paris. Es sei „beunruhigend“, daß sich Aussagen von Armstrong als Lüge herausstellen könnten. Das Blatt sprach damit auch für einen Teil der 52 Millionen Amerikaner, die Armstrongs gelbe Plastikarmbänder mit dem Slogan „Live Strong“ gekauft haben, weil sie sich nicht dem Mythos von dem Comeback eines Krebskranken entziehen konnten. Das Wunder hätte auf einmal einen seltsamen Namen: Epo.